Hochaltrige
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Studie zeichnet differenziertes Bild des Alterns

In ihren Bedürfnissen und Ressourcen sei die Altersgruppe sehr heterogen. Ein auffälliges Ergebnis der „Österreichischen interdisziplinären Hochaltrigenstudie“ ist die Ungleichentwicklung je nach Einkommens-und Bildungsgrad.

red/Agenturen

Rund 400.000 Menschen in Österreich sind 80 Jahre oder älter - und die Gruppe der Hochaltrigen wächst. In ihren Bedürfnissen und Ressourcen ist die Altersgruppe sehr heterogen, zeigen die jüngsten Auswertungen der Österreichischen Hochaltrigenstudie (ÖIHS). Die Notwendigkeit einer neuen „Alternskultur“ sieht Georg Ruppe von der „Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen“.

Ungleichentwicklung je nach Einkommens- und Bildungsgrad

Ein auffälliges Ergebnis der „Österreichischen interdisziplinären Hochaltrigenstudie“ ist die Ungleichentwicklung je nach Einkommens-und Bildungsgrad. So zeigte sich, dass die Mortalität der Studienteilnehmer mit niedrigem soziökonomischem Status mit rund 26 Prozent mehr als doppelt so hoch war, als bei jenen mit hohem Status (rund zehn Prozent), wie Ruppe, Geschäftsführer der Plattform und Projektleiter sagte. Er präsentierte am Montag die zentralen Ergebnisse der zweiten Untersuchungswelle von 2015 bis 2018 in Graz gemeinsam mit Gesundheitslandesrat Christopher Drexler (ÖVP).

Innerhalb der rund 400 befragten Hochaltrigen, die in Wien und der Steiermark sowohl in Pflegeeinrichtungen als auch Privathaushalten leben, wurde mit 73 Prozent eine „sehr hohe Rate an Multimorbidität“ festgestellt - also an Personen mit zwei oder mehr chronischen Krankheiten. Fast die Hälfte nimmt mehr als fünf Medikamente täglich. Ein häufiges Problem, das extrem belastend und mit Tabus behaftet ist, stellt die Harninkontinenz dar, die bei rund einem Drittel der Befragten festgestellt wurde. Die meisten leiden still: „Der Großteil hatte deswegen nie einen Arzt aufgesucht“, schilderte Ruppe. Der kognitive Test ergab bei rund 40 Prozent Einschränkungen (Demenzverdacht), etwa zehn Prozent leiden an depressiven Stimmungen, 14 Prozent gaben an, sich einsam zu fühlen.

Hohe Lebenszufriedenheit trotz chronischer Krankheiten

Ein deutliches und positives Signal sei die dennoch hohe Lebenszufriedenheit innerhalb der Befragten. „Die meisten leben mit gesundheitlichen Einschränkungen, mehr als 75 Prozent gaben aber an, mit ihrer Lebenssituation sehr oder eher zufrieden zu sein“, legte Ruppe dar. Der Projektleiter folgerte daraus ein „enormes Adaptions-und Kompensationsvermögen“ im hohen Lebensalter. Feststellbar sei eine „Ambivalenz zwischen Akzeptanz der Veränderung und Einschränkungen und eine Verdrängung der eigenen Endlichkeit“. Das drücke sich auch im relativ geringen Interesse aus, Verfügungserklärungen im Hinblick auf spätere Pflegebedürftigkeit zu machen.

„Wir lernen daraus, dass die Vorbereitungen der Rahmenbedingungen für das Altern früher getroffen werden müssen. Wir brauchen eine Alternskultur, wo wir die bewusste Zuwendung zu diesem Lebensabschnitt zulassen. Diese müssen auf unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ebenen und unter Einbezug aller Generationen entwickelt und gestaltet werden“, betonte Ruppe.

Aus Sicht von Gesundheitslandesrat Drexler untermauere die Studie, „dass Menschen am liebsten in ihrem eigenen Zuhause bleiben möchten“. Es gebe „erhebliche Potenziale, wo wir durch politische Intervention durchaus etwas erreichen können“, kommentierte der Landesrat: Alternative Angebote zur stationären Langzeitpflege sollen laut Drexler in der Steiermark ausgebaut werden. „Wir pumpen so viel in die stationäre Langzeitpflege, dass uns die Luft ausgeht, wenn wir alternative Angebote etablieren wollen“, verwies der Landesrat auf den Veränderungsbedarf.

Alte Frau
Mitte des kommenden Jahrzehnts wird der Bedarf nach Pflegeleistungen allerdings markant ansteigen, prophezeite FSW-Chefin Anita Bauer mit Verweis auf die Bevölkerungsentwicklung.
iStock FredFroese
 
© medinlive | 16.09.2019 | Link: https://www.medinlive.at/wissenschaft/studie-zeichnet-differenziertes-bild-des-alterns