Coronavirus
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Deutschland: Wenige Schwerkranke trotz mehr Infektionen

Trotz gestiegener Infektionszahlen liegen in deutschen Kliniken weiterhin vergleichsweise wenige Corona-Patienten. Nach den aktuellsten Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) waren in der Woche vom 17. bis 23. August rund 9.200 Menschen als Infizierte gemeldet worden - fast vier Mal so viele wie sechs Wochen zuvor. Von den Infizierten von denen es Informationen gab (6.981), waren 323 im Spital.

red/Agenturen

Vor sechs Wochen lag die Zahl der in Deutschland Hospitalisierten nur wenig niedriger. Auch die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen ist in dem Land seit Wochen ziemlich stabil und auf vergleichsweise niedrigem Stand. Todesopfer werden nur selten registriert.

Ein Grund für die vergleichsweise niedrige Anzahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern könnte das gesunkene Durchschnittsalter der Neuinfizierten sein. Hinzu kommt eine veränderte Teststrategie und mehr Wissen bei den Behandlungsmethoden. Dem RKI-Bericht zufolge liegt das Durchschnittsalter der Menschen mit positivem Testergebnis in Deutschland derzeit bei etwa 32 Jahren. Mitte April betrug es noch rund 50 Jahre. Das RKI weist auch darauf hin, dass in den vergangenen Wochen vor allem der Anteil der Zehn- bis 30-Jährigen zugenommen hat.

Jüngere Menschen kämen mit der Infektion besser davon als Ältere, erklärte der Virologe Ulf Dittmer vom Uniklinikum Essen. Außerdem hätten sie in der Regel keine schwerwiegenden Vorerkrankungen, die einen schweren Verlauf der Krankheit begünstigen. Während in Meldewoche 34 (17. bis 23. August) nur etwa fünf Prozent der Infizierten ins Krankenhaus mussten, waren es Mitte April noch rund 20 Prozent.

Dittmer zufolge infizieren sich vor allem junge Menschen häufiger, weil sie sich nicht mehr so stark an die Hygieneregeln halten. „Das kann man ihnen noch nicht einmal verdenken. Die Biologie hat nicht vorgesehen, dass junge Menschen Abstand zu einander halten“, so Dittmer. Es könnte aber auch sein, dass vor allem jüngere Menschen vermehrt getestet werden, dann findet man bei ihnen automatisch auch mehr Infektionen.

Gesamtzahl der Tests steigt kontinuierlich

Auch die Behandlungsmöglichkeiten sind laut Dittmer besser geworden. So würden antivirale Medikamenten wie Remdesivir jetzt früher eingesetzt. Außerdem sind in den vergangenen Monaten viele Studien erschienen, die sich mit dem richtigen Umgang mit schwer erkrankten Covid-19-Patienten beschäftigen.

Eine andere These zum geringen Anteil von Schwerkranken besagt, dass sich das Virus möglicherweise weiterentwickelt hat und nicht mehr so oft zu schweren Krankheitsverläufen führt. Dem erteilt Richard Neher von der Universität Basel allerdings eine Absage. Der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien sagte, dass das Coronavirus nicht harmloser geworden ist. Zwar habe es ähnlich wie andere Viren Mutationen durchgemacht, aber „es gab keine Mutation, die sich in ganz Europa durchgesetzt hätte“, so Neher. „Das Virus hat sich also zwischen März und jetzt nicht entscheidend verändert.“

Die Gesamtzahl der Tests steigt kontinuierlich. Seit Monaten werden die Kapazitäten ausgebaut. Zuletzt wurden dem RKI zufolge in Deutschland fast eine Million Menschen binnen einer Woche getestet. Zum Vergleich: Mitte April lag die Zahl noch deutlich unter 500 000. Der Anteil positiver Tests ist seit Anfang April von rund acht Prozent auf unter ein Prozent gesunken.

„Wir testen mehr und finden mehr asymptomatische Personen ganz ohne Krankheit“, erklärte Dittmer vom Uniklinikum Essen. Auch das könne ein Grund für den Anstieg der Neuinfektionen bei gleichzeitig wenigen Menschen mit schweren Krankheitsverläufen sein. Zusätzlich ist unklar, bei wie vielen Nichtinfizierten ein Coronatest trotzdem anschlägt - also wie hoch die Rate falsch positiver Ergebnisse unter den Diagnosen derzeit ist.

Es sei nicht zu erwarten, dass das Gesundheitssystem in die Knie geht, sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). „Wir sind ganz klar besser vorbereitet.“ Im März seien alle vom Ausmaß überrascht worden. Aber selbst damals sei die Versorgung der Patienten im ambulanten und stationären Sektor „zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen oder sogar zusammengebrochen“.

Die Mediziner hätten in den vergangenen Monaten „enorm“ dazugelernt und seien mittlerweile ausreichend mit Schutzmaterial ausgestattet. „Die Covid-19-Bereiche im Krankenhaus sind klar abgetrennt, die Mitarbeiter können mittlerweile routiniert in den einzelnen Bereichen mit Verdachtsfällen und Patienten umgehen.“ Für den Fall der Fälle könnten die Krankenhäuser jederzeit den Schalter umlegen und erneut den Corona-Betrieb aufnehmen. Auch wenn man davon noch weit entfernt seien, habe Deutschland „absolut genügend“ Intensivbetten für den Ernstfall. Momentan sind in Deutschland rund 9.000 frei.

Corona - Berlin - Deutschland - Regierungssitz - Merkel
In Deutschland steigt die Gesamtzahl der Tests gegen das Coronavirus kontinuierlich. Seit Monaten werden die Kapazitäten ausgebaut.
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© medinlive | 26.11.2020 | Link: https://www.medinlive.at/gesundheitspolitik/deutschland-wenige-schwerkranke-trotz-mehr-infektionen