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Corona-Pandemie

Lockdown-Fortsetzung: Evaluierung mit großer Unbekannter

Mit der Verlängerung des Lockdowns bis 7. Februar tritt Österreich auch gewissermaßen in eine „Evaluierungsphase“ ein, sagte der Komplexitätsforscher Peter Klimek. Nach einer Art „kleinen vierten Welle“ in Folge der Feiertage sei der Trend nun tatsächlich leicht abnehmend. Das Ende des Corona-Lockdowns mit 8. Februar sei jedoch nicht in Stein gemeißelt, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in einem Interview mit dem Sender Puls 4, das am Montagabend ausgestrahlt wird.

red/Agenturen

Kurz verweist auf das von der Regierung ausgegebene Ziel, bis Anfang Februar auf unter 700 Neuinfektionen pro Tag zu kommen. „Im Idealfall haben wir die Möglichkeit, am 8. Februar Öffnungsschritte zu setzen. Können wir das garantieren? Nein“, betont der Bundeskanzler.

Wann - nach dem medizinischen Personal und den über 80-Jährigen - auch die über 60-jährige Bevölkerung gegen Covid-19 geimpft wird, hängt laut Kurz von der Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffes ab. Erstere beiden Gruppen könne man mit den derzeit verfügbaren Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna versorgen (1,2 Mio. Dosen bis März). Für die jüngeren Senioren brauche man aber die über die EU bestellten zwei Mio. Impfdosen (bis März) von AstraZeneca.

Kurz räumte ein, dass Israel und andere Staaten mit ihren Bestellungen rückblickend gesehen schneller waren als Österreich, das sich der gemeinsamen EU-Impfstoffstrategie angeschlossen hat. Das sei damals aber nicht vorhersehbar gewesen. Auf zusätzliche Lieferungen von Biontech/Pfizer und Moderna außerhalb des EU-Kontingentes könnte Österreich demnach zwar zurückgreifen, aber erst nach Erfüllung aller anderen Lieferverbindlichkeiten - also erst im dritten und vierten Quartal, so Kurz.

Der vom britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca gemeinsam mit der Univerität Oxford entwickelte Impfstoff befindet sich aktuell noch im Zulassungsverfahren. Laut einer am 9. Jänner veröffentlichten Studie könnte die Schutzwirkung mit höchsten 70 Prozent deutlich geringer sein als bei den zwei schon zugelassenen Impfstoffen mit über 90 Prozent. Der Impfstoff wurde vorwiegend an unter 55-jährigen Personen getestet.

Britische Corona-Variante schwer einzuschätzen

Die große Unbekannte, also quasi der „Babyelefant im Raum“, sei aber – so Komplexitätsforscher Peter Klimek – vor allem die Verbreitung und Dynamik der britischen Corona-Variante. Hier warten die Prognostiker auf erste belastbare Daten. Die nunmehr ausgedehnte Zeit vor etwaigen Maßnahmen-Lockerungen müsse man dazu nutzen, um die neueren Entwicklungen so gut wie möglich zu verstehen, sagte der Forscher vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna und der Medizinischen Universität Wien, der auch Teil des Covid-19-Prognosekonsortiums ist. Zuerst brauche es Daten dazu, wie häufig die B1.1.7-Variante oder auch andere SARS-CoV-2-Varianten hierzulande bereits angekommen sind. In der Folge müsse man abschätzen, wie die Ausbreitung vonstattengeht.

„Dass es sich ausbreitet, ist gesichert“, so Klimek. Schätzungen zur Erhöhung der Infektiösität seien noch mit vielen Fragezeichen behaftet und stark vom Umfeld - also der jeweiligen Situation in einem Land oder einer Region - abhängig, in dem sie ablaufen. Wie sehr sich etwa die aus Großbritannien berichteten Zahlen auf Österreich umlegen lassen, „ist eine Sache, die wir verstehen müssen“. Das sei methodisch äußerst schwierig. Man warte auf erste Informationen über Ausbrüche in Österreich und die Rekonstruktionen von deren Ablauf.

In der Folge müsse man sich genau überlegen, was das für die Wirksamkeit der unterschiedlichen Schutzmaßnahmen bedeutet. Klar sei, die Kontaktreduktion bleibe weiter am effektivsten. Ob aber die Teststrategie oder Hygienemaßnahmen weiter angepasst werden müssten, „um soziale Kontakte sicherer zu machen“, könne man noch nicht sagen.

Wenn jetzt der einzuhaltende Abstand auf zwei Meter erhöht wird, Schulen weitestgehend im Distance Learning bleiben und die FFP2-Masken forciert werden, sollte sich der zuletzt „langsam abnehmende Trend“ fortsetzen lassen, so Klimek. Diese Annahme gilt aber noch ohne dass etwaige Effekte durch die Varianten abgeschätzt werden können und unter der „naiven Prognose“, dass die Maßnahmen weiter so gut oder so schlecht wie aktuell umgesetzt werden.

Viele Hoffnungen auf AstraZeneca

Der Zielwert von weniger als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche (7-Tage-Inzidenz) ermögliche voraussichtlich auch eine deutlich besser Kontrolle des Wildtyps des Virus möglichst ohne harte Lockdowns bis Ostern. „Dass wir in diesen Bereich kommen, muss natürlich das Ziel sein“, betonte Klimek.

Die nun prioritär bei älteren Menschen anlaufenden Impfungen werden in absehbarer Zeit noch keine merklichen Auswirkungen auf die Infiziertenzahlen insgesamt haben, so Klimek. Der Wissenschafter erwartet ein hoffentlich deutliches Sinken der Todesrate pro Infektion und der Hospitalisierungsrate bei schweren Fällen in etwa bis Ostern, wenn die vulnerable Gruppe dann besser geschützt ist. „Bei der gleichen Infektionszahl sollte man dann weniger Leute auf den Intensivstationen haben“, so der Forscher.

Die Auswirkung der Impfung auf die Ausbreitung der Infektionen an sich sei noch mit vielen Fragezeichen behaftet. Das betrifft neben der Geschwindigkeit der Umsetzung und der Impfbereitschaft vor allem die Frage, ob eine Impfung auch schlussendlich effektiv vor der Weitergabe des Virus schützt. Beim möglichen Erreichen einer sogenannten vakzininduzierten Herdenimmunität lägen viele Hoffnungen auf dem Impfstoff von AstraZeneca, wo - vorausgesetzt die Europäische Arzneimittelbehörde EMA gibt ihr „Go“ - relativ viele Dosen für Österreich zu erwarten sind. Vor dem Sommer sei hier kein sehr breiter Impfeffekt zu erwarten, dann sei aber auch mit einer dämpfenden Wirkung der wärmeren Temperaturen zu rechnen.

Im Zusammenhang mit der steigenden Anzahl an Immunisierungen und der jetzt weltweit über einen langen Zeitraum hinweg hohen Infektionszahlen gibt es weitere Fragen, was die Entwicklung der natürlich auftretenden Mutationen betrifft. Immer schwinge mit, ob und in welcher Zahl Varianten auftreten, die dem dann geschulten Immunsystem irgendwie davonlaufen können. Längerfristig die übliche Entwicklung in so einem Fall sei das Auftreten von vermehrt ansteckenderen, aber eher harmloseren Virenvarianten, sagte Klimek.