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Coronavirus

Rund 300 „Südafrika-Varianten" in Tirol, Regierung spricht Reisewarnung aus

Der Bund zieht die Zügel im Zusammenhang mit der in Tirol grassierenden Südafrika-Variante des Coronavirus straffer. Am Montag sprach die Bundesregierung de facto eine Reisewarnung für das Bundesland aus. Nicht notwendige Reisen nach Tirol sollen unterlassen werden, hieß es in einer Aussendung. Mindestens 293 per Ganz- oder Teilgenomsequenzierung bestätigte Proben mit der „südafrikanischen" SARS-CoV-2-Variante (B.1.351) sind bisher in Tirol aufgetaucht, wie der Virologe Andreas Bergthaler am Montag erklärte.

red/Agenturen

Zudem forderte die Bundesregierung alle jene, die sich in den letzten zwei Wochen in Tirol aufgehalten haben, dazu auf, sich testen zu lassen. Und an Personen, die von Tirol aus in ein anderes Bundesland reisen, ergeht die „dringende Aufforderung, unmittelbar vor der Reise einen Covid-19-Test zu machen".

Laut Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) muss alles unternommen werden, um die Ausbreitung der Mutation zu verhindern. Auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) warnte erneut: „Die neuen Virus-Mutationen stellen uns vor große Herausforderungen, daher braucht es nun weitreichende Maßnahmen." Gemeinsames Ziel sei es, „den Gesundheitsschutz der Bevölkerung sicherzustellen und die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern".

Tirol hatte zuvor ein Maßnahmenpaket präsentiert, das etwa einen Aufruf an die Bevölkerung zur allgemeinen Mobilitätseinschränkung, die Vorschreibung von negativen Antigen-Tests für die Seilbahn-Benützung sowie flächendeckende PCR-Tests in Bezirken mit hoher Sieben-Tages-Inzidenz vorsieht. Das ging dem Bund aber nicht weit genug, gedrängt wurde auf weitergehende Reisebeschränkungen.

„Kein abgeschlossenes Infektionsgeschehen“

In anderen Bundesländern waren es nur neun Fälle der „Südafrika-Mutante“. Die vom Land Tirol genannte Zahl von nur acht aktiven Mutationsfällen hält Bergthaler für unwahrscheinlich. Eine gesicherte Aussage sei aber schwierig. Auch AGES und Ministerium haben keinen genauen Überblick. Die bisher gesichert dem Mutationscluster B.1.351 zugeordneten Proben wurden entweder vom Team um die Virologin Dorothee von Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck, dem Team um Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der ÖAW und Luisa Cochella vom Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) oder vom Team von Bergthaler und Christoph Bock vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sequenziert. Ein klares Bild zum Verlauf der Infektionen in Tirol lasse sich zur Zeit trotzdem nur schwer herauslesen.

„Man muss aber sehr wohl vermuten, dass man weiterhin kontinuierlich positive Fälle der Südafrika-Variante findet. Das ist kein abgeschlossenes Infektionsgeschehen. Was aber nicht klar ist, ist der Trend - ob es also mehr oder weniger wird", sagte Bergthaler. Dass es nun aber - wie teils in Tirol argumentiert - nur acht gesichert nachgewiesene aktive Fälle mit der Variante gibt, sei dementsprechend unwahrscheinlich, weil man eben mit der Erbgut-Aufschlüsselung Tage bis Wochen hinterherhinke. Das liege in der Natur der Methodik, so Bergthaler, der seit einem Jahr das Erbgut des SARS-CoV-2-Virus analysiert. Mittels gezielter PCR-Tests gebe es in Tirol momentan laut Bergthalers Informationsstand rund 200 Verdachtsfälle auf die Variante. Dass sich unter diesen Fällen viele bewahrheiten werden, liege auf der Hand.

Allein zwischen 1. und 4. Februar sind dem Vernehmen nach mehr als 70 potenzielle Fälle der südafrikanischen Virus-Variante in Tirol entdeckt worden, die nun mittels Genomsequenzierung bestätigt werden müssen. Bei all diesen Fällen handelt es sich um nach wie vor aktive Erkrankungen.

Blick in Rückspiegel nur bedingt nützlich

Bei den neun weiteren bereits durch Sequenzierung bestätigten B.1.351-Proben aus anderen Bundesländern handelt es sich „in der Regel um Einzelfälle wie in Wien", sagt Bergthaler. Hinter diesen könnten sogar noch weniger Infektionsfälle stecken, weil es zu Doppelbeprobungen gekommen sein dürfte, so der Forscher.

Laut Ulrich Elling könne man davon ausgehen, dass sich um die 90 Prozent der mittels PCR gefundenen Verdachtsfälle als tatsächliche B.1.351-Fälle erweisen werden, wie er erklärte. Die Argumentation mit den acht aktiven Fällen sei insofern an den Haaren herbeigezogen, da sie zwar auf den bisher bei ihm am Institut bestätigten 165 Nachweisen beruhen. Diese Proben wurden aber bereits vor einigen Tagen entnommen und sind erst dann nach Wien gelangt. Am IMBA und dem IMP wurde dann das Erbgut des Spike-Proteins analysiert, das einen sicheren Nachweis der Südafrika-Variante erlaubt. Nach Ablauf dieser Zeit sei natürlich der Großteil genau dieser Infektionsfälle nicht mehr aktiv.

„Wenn man mit dem Auto auf eine Klippe zufährt, nützt der Blick in den Rückspiegel nichts“, sagte Elling. Die Argumentation mit den vermeintlich nur acht aktiven Fällen müsse man demnach als irreführend bezeichnen, sagte Elling. Die Methode der Sequenzierung sei nämlich dazu da, das Geschehen im Land zu beobachten, nicht jedoch, um aktive Fälle zu bestimmen.

Bei den neun weiteren bereits durch Sequenzierung bestätigten B.1.351-Proben aus anderen Bundesländern handelt es sich „in der Regel um Einzelfälle wie in Wien“, sagt Bergthaler. Hinter diesen könnten sogar noch weniger Infektionsfälle stecken, weil es zu Doppelbeprobungen gekommen sein dürfte, so der Forscher.

AGES und Gesundheitsministerium konnten am Montagvormittag vorerst keinen Überblick über die bestätigten Mutationsfälle bzw. die Verdachtsfälle liefern.