Coronavirus

Kaum Sauerstoff, Kliniken am Limit: Indiens dramatische Corona-Lage

Kaum Sauerstoff, Ärzte und Krankenhauspersonal am Limit, überlastete Krematorien. Kein Land weltweit erlebt derzeit eine so dramatische Corona-Krise wie Indien. Die zweite Welle hat das südasiatische Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern stark getroffen. Besonders in der Hauptstadt Delhi sind Krankenhausbetten und Medikamente Mangelware. Familien warten mit ihren an Covid-19 erkrankten Angehörigen vor den Kliniken oft vergeblich, viele Menschen sterben, bevor sie ein Arzt überhaupt behandeln kann.

red/Agenturen

In Indien ist die Zahl der Corona-Todesfälle am Mittwoch auf über 200.000 gestiegen - und ein Ende der seit Wochen anhaltenden Infektionswelle ist nicht in Sicht. Vor allem in der Hauptstadt Neu Delhi ist die Lage inzwischen so verzweifelt, dass Parkplätze zu Krematorien umfunktioniert werden und das Holz für die Verbrennung der Toten knapp wird. Angesichts der Lage schicken mehr und mehr Staaten Unterstützung.

Nach Angaben des indischen Gesundheitsministeriums wurden 3.293 Tote binnen 24 Stunden verzeichnet, die Zahl der Todesfälle insgesamt stieg damit auf 201.187. Experten gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Mit zudem 360.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden erreichte Indien erneut weltweit einen traurigen Rekord. Die Zahl der seit Pandemie-Beginn Infizierten beläuft sich damit auf 18 Millionen. Allein in diesem Monat kamen fast sechs Millionen neue Fälle hinzu. Der dramatische Anstieg der Infektionszahlen ist vermutlich auch auf die neue Virusvariante B.1.617 zurückzuführen, die erstmals in Indien registriert wurde.

Prinz Charles ruft zu Hilfe für Indien auf

Das ohnehin schlecht ausgestattete Gesundheitssystem des Landes steht angesichts der rapide steigenden Infektionszahlen vor dem Zusammenbruch. In zahlreichen Krankenhäusern sind medizinischer Sauerstoff und Medikamente knapp. 

Prinz Charles hat angesichts der verheerenden Corona-Lage in Indien zu mehr internationaler Hilfe aufgerufen. „So wie Indien anderen geholfen hat, müssen wir jetzt Indien helfen“, schrieb der britische Thronfolger (72) am Mittwoch in einer öffentlichen Nachricht an die Menschen in Indien. Er sei tief traurig über die tragischen Bilder aus dem Land, das derzeit mit Rekordzahlen an Neuinfektionen und überlasteten Krankenhäusern zu kämpfen hat. Mit der Stiftung British Asian Trust, die der Prinz von Wales 2007 gegründet hatte, rief er zudem für Spenden auf, um dem Land weitere Sauerstoffkonzentratoren zur Verfügung stellen zu können. Großbritannien hatte vor einigen Tagen bereits 140 Beatmungsgeräte und 495 Sauerstoffkonzentratoren aus überschüssigen Beständen nach Indien geschickt.
Auch der deutsche Botschafter in Indien, Walter Lindner, rief zur Solidarität mit dem Subkontinent und zur raschen Bereitstellung von Hilfen auf. „Es gibt Situationen, wo Menschen auf den Straßen vor den Krankenhäusern ersticken, weil sie abgewiesen wurden“, sagte Lindner. Das Land benötige dringend Sauerstoff, Atemgeräte, Masken und Medikamente.

Erste internationale Hilfslieferungen trafen bereits in dem Land ein, unter anderem schickte Singapur am Mittwoch Flugzeuge mit Sauerstoffvorräten. Die USA dürften Millionen Dosen von ungenutztem Astrazeneca-Impfstoff zur Verfügung stellen.

Unterstützung aus Österreich

Österreich hilft Indien mit Covid-Medikamenten im Wert von zwei Millionen Euro. Dies hat die Bundesregierung im Ministerrat am Mittwoch beschlossen. Die Mittel werden aus dem Auslandskatastrophenfonds (AKF) zur Verfügung gestellt und über das Österreichische Rote Kreuz beschafft. „Unterstützung und Solidarität für Indien in dieser schweren Notsituation ist für Österreich selbstverständlich“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Außenminister Alexander Schallenberg ergänzte, „dass wir im Kampf gegen die Pandemie alle gefordert sind. Denn niemand ist sicher, bevor wir nicht alle sicher sind.“

Biontech dürfte gegen indische Virusvariante wirken

Die zuerst in Indien entdeckte Coronavirus-Variante B.1.617 ist der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge inzwischen bereits in mindestens 17 Ländern nachgewiesen worden. Die meisten der Nachweise außerhalb Indiens stammen demnach aus Großbritannien, den USA und Singapur. 

Der Impfstoff von Biontech und Pfizer dürfte nach erster Einschätzung der beiden Unternehmen auch gegen die indische Virusvariante wirken. Biontech-Chef Ugur Sahin sagte in Berlin, die entsprechenden Tests liefen zwar noch, aber er sei „zuversichtlich“, dass das Biontech/Pfizer-Vakzin auch gegen B.1.617 wirke. Die indische Mutante zeichne sich durch Veränderungen aus, die bereits aus anderen Corona-Varianten bekannt seien, erläuterte Sahin. Gegen diese wirke der Impfstoff. Insgesamt hätten Biontech und Pfizer inzwischen schon mehr als 30 Corona-Varianten getestet, bei fast allen funktioniere das Vakzin genau so gut wie bei der Ursprungsform. Auch in den Fällen, in denen die Immunantwort nach der Impfung schwächer ausfalle, sei diese ausreichend, fügte er hinzu.