Medien

Verschwörungstheorien: „Aufdecken geht nicht nebenbei“

Verschwörungserzählungen stellen für den Journalismus eine Herausforderung dar. Einerseits sollten diese nicht unkommentiert bleiben. Andererseits könne es kontraproduktiv sein, ihnen mit Berichterstattung ein Podest zu bieten. Um einen Ausgleich zu finden, brauche es ausreichend Ressourcen, Transparenz und Expertise, befanden die Teilnehmer einer von der FH St. Pölten veranstalteten Podiumsdiskussion im Rahmen des Forschungssymposiums „Medienethik“ am Donnerstag.

red/Agenturen

Dass Verschwörungserzählungen nichts Neues seien, stand für alle Diskutanten fest. Bereits im Mittelalter grassierte der Mythos, Juden würden Kinder entführen, um deren Blut zu trinken und dadurch jung zu bleiben, erklärte Andre Wolf, Pressesprecher der Aufdeckerplattform Mimikama. Diese „uralte Verschwörungserzählung“ komme seit geraumer Zeit „in neuem Gewand“ erneut auf. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre verdeutlichten jedenfalls, dass Mythen auch zu einer Radikalisierung führen könnten. So wurden 5G-Masten angezündet oder das Robert-Koch-Institut in Berlin angegriffen. „Letzen Endes wird dadurch die Demokratie gefährdet“, warnte Wolf.

„Abstruseste Erzählungen feiern Hochkonjunktur“, konstatierte Markus Sulzbacher, Webstandard-Ressortleiter bei der Tageszeitung „Der Standard“. Auch im Zuge der Corona-Demonstrationen versammelten sich Anhänger verschiedenster Verschwörungserzählungen, der Antisemitismus sei zuletzt gewachsen. „Es gehen zu wenige Journalisten zu den Demonstrationen. Wenn man über sie berichtet, sollte man auch dort sein“, empfahl Sulzbacher. Auch dürfe man Rechtsextreme nicht unkommentiert zu Wort kommen lassen. Ihnen ein Podium zu bieten, erachtet er als schlecht.

Verschwörungsmythen müssten aufgegriffen und analysiert werden. Dabei habe sich gezeigt: „Das Aufdecken von Fake-News geht nicht nebenbei. Man muss sich dafür Zeit nehmen und es müssen ausreichend Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt werden“, so der „Standard“-Redakteur. Um eine Wirkung mit Recherchearbeit zu erzielen, sei es zudem unumgänglich, dass Journalisten ihre Quellen benennen und „stärker in den Vordergrund stellen“.

Eine „schwierige Situation für die Presse“ sah Presserat-Geschäftsführer Alexander Warzilek. Es liege eine große Spaltung in der Gesellschaft vor. Medien hätten zur Aufgabe, Brücken zu schlagen und Ängste zu nehmen. "Gleichzeitig ist es wichtig, dass Journalisten kritisch bleiben und nicht nur übernehmen, was die Regierung vorgibt. Den richtigen Ausgleich zu finden, ist schwierig", meinte Warzilek. Was dagegen hilft, seien journalistische Expertise, tief gehende Recherchen und Unsicherheitsfaktoren zu benennen, aber diese nicht verzerrt darzustellen.

Verunsicherung und Ängste seien jedenfalls Ursachen, warum sich Menschen Verschwörungserzählungen zuwenden, erklärte Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus. Zuletzt stieg die Anzahl der Anrufe, die Verschwörungserzählungen als Gegenstand aufweisen, an. „Meistens rufen Angehörige an, die sich um Verwandte oder Freunde sorgen“, sagte Fabris. Wenn Medien Verschwörungserzählungen verstärkt aufgreifen, würden sich auch derartige Anrufe häufen. „Man sollte ihnen nicht zu viel Gewicht verleihen. Das macht sie spannend“, empfahl Fabris.

Ist eine Person erst tief in Verschwörungserzählungen eingetaucht, sei diese schwer mit Fakten zu erreichen. „Besser wirkt, Fragen nach den Quellen zu stellen und herauszufinden, was die Person frustriert, was ihr Angst macht“, erklärte die Extremismus-Expertin. Auch solle man die Beziehung nicht abbrechen, um die Angehörigen als „Anker“ noch zu erreichen und unterstützen zu können.

„Es wird immer schwieriger, dass wir uns auf Fakten einigen“, beobachtete Michael Litschka, Dozent am Department Medien & Technologie der FH St. Pölten. Hypothesen seien kein Problem, nur die Tatsache, dass wir zusehends nicht bereit sein, davon abzurücken, sollten sie sich als falsch herausstellen. „Wir sollten uns auf Diskursregeln einigen. Dann würden wir uns auch leichter tun, ein Ergebnis zu akzeptieren, wenn es uns nicht passt“, so Litschka. Er bemängelte zudem, dass Medienkompetenzschulungen im digitalen Bereich zu spät angeboten würden. „Man müsste vielleicht schon im Kindergarten, jedenfalls aber in der Volksschule ansetzen“, empfahl der Wissenschafter.