Erstmals neues Antidepressivum nach Jahrzehnten

Laut WHO leiden 4,4 Prozent der Menschen an Depressionen. Nur ein Teil davon spricht auf die herkömmlichen Antidepressiva an. Eine wichtige Neuerung: In den USA wird Ketamin-Nasenspray als neues Therapieprinzip nach Jahrzehnten zugelassen.

 

 

red/Agenturen

Weltweit dürften rund 320 Millionen Personen depressiv sein. In Österreich wird die Häufigkeit mit etwas weniger als acht Prozent angegeben. Die Dunkelziffer ist hoch. Die herkömmlichen Antidepressiva - vor allem sogenannte Serotonin-Reuptake-Hemmer -, welche die Konzentration des Nervenbotenstoffs Serotonin im synaptischen Spalt zwischen Nervenzellen im Gehirn erhöhen, entwickeln erst nach rund zwei Wochen ihre Wirkung. 30 bis 40 Prozent der Behandelten sprechen nicht ausreichend an.

Eine Verbesserung soll jetzt eine schnell wirksame Abwandlung des Anästhetikums und auch als Droge verwendeten Ketamin bringen: Esketamin in Form eines Nasensprays. Das Beratergremium der US-Arzneimittelbehörde FDA hat vergangene Woche die Zulassung des Esketamin-Nasensprays für Patienten mit therapieresistenter Depression als Zusatzmedikament zu herkömmlichen Antidepressiva empfohlen. Ketamin wirkt laut klinischen Studien binnen kurzer Zeit.

Die Zulassungsempfehlung beruht unter anderem auf einer Wirksamkeitsstudie mit 346 Patienten mit therapieresistenter Depression. Nach 28 Tagen lag die Ansprechrate bei Verwendung einer Kombinationstherapie aus Esketamin (84 oder 56 Milligramm) plus einem oralen Antidepressivum bei um die 54 Prozent. Im Vergleich dazu betrug die Ansprechrate mit dem oralen Antidepressivum allein nur knapp 39 Prozent. Zu einem Verschwinden der Symptome kam es je nach Ketamin-Dosis (plus herkömmlichen Antidepressivum) bei knapp 39 bzw. fast 37 Prozent der Patienten, in der Placebo-Gruppe (orales Antidepressivum allein) bei etwas weniger als 31 Prozent.

Erster neuer Wirkungsmechanismus seit Jahrzehnten

„Das ist eine enorme Weiterentwicklung - der erste neue Wirkungsmechanismus für ein Antidepressivum in Jahrzehnten", schrieb dazu Peter Roy-Byrne, Chefredakteur von „Journal Watch Psychiatry" (New England Journal of Medicine). Die modernen Serotonin-Reuptake-Hemmer sind mittlerweile rund 30 Jahre alt.

Mit der Diagnose einer schweren Depression und der medikamentösen Therapie stellt sich immer die Frage, ob die Behandlung auch wirken wird. In einer vor kurzem in „Translational Psychiatry" publizierten Studie haben Wiener Wissenschafter in einem internationalen Team per funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI) am Zentrum für Hochfeld-MR von MedUni Wien und AKH möglicherweise eine Prognosefaktor identifiziert. „Patienten mit einer genügend starken Aktivität im Vorderhirn sprachen auf die Therapie mit einem Antidepressivum an, während bei Patienten, bei denen das nicht der Fall war, ein Therapieerfolg ausblieb", wurde Lukas Pezawas von der Universitätsklinik für Psychiatrie am Dienstag in einer Aussendung der MedUni Wien zitiert.

Die Wissenschafter hatten bei 22 Patienten mit Depressionen am Tag vor Beginn der Behandlung mit dem Serotonin-Reuptake-Hemmer Escitalopram sowie an den Tagen eins, 28 und 56 die Vorderhirn-Aktivität per Magnetresonanz gemessen. Ähnliche Studien liefen an der von Siegfried Kasper geleiteten Universitätsklinik bereits 2012 mit der bildgebenden Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Damals wurden die Konzentration bzw. die Aktivität des Serotonin-Transporter-Proteins im Stammhirn gemessen. Es konnte gezeigt werden, dass die Wirksamkeit der Therapie einige Wochen nach Beginn der Behandlung mit bereits vor Therapie bestimmten quantitativen Werten des Serotonintransporters zusammenhängt.

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