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Suchterkrankte Mediziner*innen

Suchtexperte Musalek: „Krank sind nur die anderen”

Hoher Selbstanspruch, enorme berufliche Belastung und eine Neigung zur Überforderung: Voraussetzungen, unter denen viele Mediziner*innen ihren Arbeitsalltag bestreiten – und deren Aufrechterhaltung häufig in einer Sucht münden kann. Warum das Thema ein großes ist, wann Sucht beginnt und welche strukturellen Modelle es braucht, um ihr Herr zu werden, schildert der Suchtexperte Michael Musalek gegenüber medinlive.

Claudia Tschabuschnig
Mediziner*innen sind „die Gruppe, die am schlechtesten von allen Suchtkranken versorgt ist, weil die Schwelle in Behandlung zu gehen exorbitant hoch ist und wir leider in Österreich keine Einrichtungen haben, die darauf spezialisiert ist.“

medinlive: Ist bekannt, wie viele Ärzt*innen in Österreich suchterkrankt sind?

Musalek: Nein, und es ist auch praktisch nicht untersuchbar, denn eine Suchterkrankung ist hoch stigmatisierend. Diese Stigmatisierung ist natürlich ganz besonders hoch bei Ärzt*innen, weil die Erkrankung nicht selten berufliche Konsequenzen hat. Wenn man eine Befragung macht, kommen natürlich viel niedrigere Werte heraus, weil der Großteil die Sucht verheimlicht. Bei den verfügbaren Zahlen geht man von Schätzungen aus. 

medinlive: Die Bundes­ärzte­kammer in Deutschland schätzt, dass sieben bis acht Prozent* der Mediziner*innen in Deutschland mindestens einmal im Leben an einer Suchterkrankung leiden. Wie bewerten Sie diese Zahlen?

Musalek: Ich halte diese Zahl für denkbar. Wir müssen davon ausgehen, wenn wir für Österreich hochrechnen – wir liegen im Spitzenfeld immer knapp vor Deutschland – dann sind fünf Prozent unserer Bevölkerung suchtkrank. Nun kann man durchaus annehmen, dass dieser Prozentsatz unter Ärzt*innen höher ist. Allein schon deshalb, weil sie einen anderen Zugang zu Suchtmitteln, wie Medikamente, haben. Wir wissen, dass die Verfügbarkeit letztlich das Suchtgeschehen steuert. Je besser verfügbar ein Suchtmittel, desto mehr wird es genommen, desto stärker die Dosierung und desto mehr Suchtkranke gibt es. Das ist ein durchgängiges Phänomen, das wir praktisch bei allen Suchterkrankungen sehen, egal ob stoffgebunden oder stoffungebunden. Wenn es nun eine Berufsgruppe gibt, die einen besseren Zugang hat, ist erwartbar, dass sie mehr Suchtmittel zu sich nimmt. Dennoch kommt mir dieser Wert nicht sehr hoch vor, denn wenn es sich um andere Suchtmittel handelt (nicht nur Alkohol), wäre das ein niedrigerer Wert als in der Allgemeinbevölkerung, was nicht anzunehmen ist.

medinlive: Sie haben mehrmals Vorträge zur Suchtthematik bei Ärzteveranstaltungen gehalten. Wird dieses Thema Ihrer Ansicht nach ausreichend behandelt?

Musalek: Es wird sicher viel zu wenig behandelt. Das liegt freilich auch daran, dass es ein extremes Tabuthema ist. Außer Frage steht, dass es sich um ein großes Problem und ein sehr häufiges Phänomen handelt, das vor allem mit extremen Auswirkungen verbunden ist. Diese führen einerseits zur Beeinträchtigung im Berufsbereich und zum anderen – und das halte ich für das dramatischere – ist es die Gruppe, die am schlechtesten von allen Suchtkranken versorgt ist, weil die Schwelle in Behandlung zu gehen exorbitant hoch ist, und wir leider in Österreich keine Einrichtungen haben, die darauf spezialisiert ist. Versuche, die ich hier gestartet habe, waren leider nicht erfolgreich. In Spanien oder auch Norwegen etwa gibt es eigene Einrichtungen für Ärzt*innen und andere unterversorgte Gruppen, die in der der Öffentlichkeit stehen oder in neuralgischen Bereichen tätig sind wie etwa Politiker. Für diese stehen weniger Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung und sie haben damit auch eine wesentlich schlechtere Prognose.

medinlive: In Niederösterreich wird ein Suchtprogramm der Ärztekammer angeboten. Wie bewerten Sie dieses?

Musalek: Ja, dieses Programm gibt es, aber man muss ehrlicherweise sagen: Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn was wir bräuchten, ist eine stationäre Einrichtung, wo diese Menschen intensiv behandelt werden können und insbesondere auf Anonymität geachtet wird. 

medinlive: Wie könnte dieses Modell aussehen?

Musalek: Ich sehe hierfür zwei Modelle, die sinnvoll sein könnten. Das eine wäre eine Klinik, die hermetisch abgeriegelt ist, wo es fast keine Möglichkeit gibt, dass Daten hinausgelangen. Die andere Variante ist, dass man die Behandlung zum Beispiel mit Arbeitssucht und Burn-out kombiniert. Diesen Weg geht man etwa in Südtirol, in Bad Bachgart gibt es eine Sucht- und Burn-out-Klinik. Man kann dort wegen Burn-out aufgenommen und gleichzeitig gegen die Abhängigkeit behandelt werden. Dies stellt ohnehin eine häufige Kombination dar und wäre daher ein gangbarer Weg. Die Behandlung sollte bestenfalls von der Klinik selbst finanziert werden.

Dies halte ich für das bessere Modell, da auch andere wesentliche anerkanntere psychische Erkrankungen behandelt werden. Die heute anerkannteste Erkrankung ist das Burn-out. Die Depression, die oft im Rahmen des Burn-outs auftritt, ist schon viel weniger anerkannt. Die Erkrankung, die am allerwenigsten anerkannt ist, ist die Suchterkrankung. Dies geht so weit, dass manche auch meinen, es wäre überhaupt keine Krankheit. So ist die Suchtkrankheit in allen Verträgen von Privatversicherungen explizit ausgenommen – ein Relikt aus einer Zeit, in der das als Selbstverschulden gesehen wurde. Und das Argument, Suchterkrankungen zu exkludieren, da es sich um eine chronische Krankheit handelt, gilt nicht. Denn Lungenerkrankungen, Krebserkrankungen oder Diabetes, die auch chronisch sein können, sind eben nicht ausgenommen. Es gibt die weitverbreitete Meinung, dass Sucht keine Krankheit ist. Die Menschen sollten sich nur ‘zusammenreißen’. Robert Musil hat über psychische Erkrankung gesagt, dass die Menschen nicht nur an minderer Gesundheit, sondern auch an minderer Krankheit leiden. Bei Suchterkrankungen kommt noch hinzu, dass man ihnen allzu oft das Kranksein überhaupt abspricht. 

medinlive: Wie müsste ein Suchtprogramm für Mediziner*innen gestaltet werden?

Musalek: Mediziner*innen brauchen kein aufwendigeres Behandlungsprogramm als andere Suchterkrankte. Natürlich müsste man es inhaltlich zuschneiden auf spezifische Probleme, die Mediziner*innen betreffen. Die Dauer des stationären Aufenthalts hängt wesentlich von der Art der Suchterkrankung ab. Patient*innen mit Drogensuchterkrankungen und Medikamentenabhängigkeit brauchen in der Regel einen längeren stationären Aufenthalt als Alkoholabhängige. Den Großteil der Suchterkrankungen kann man ambulant behandeln, insbesondere die Alkoholkrankheit (rund 80 Prozent, Anm.). Anders ist es bei der Medikamentenabhängigkeit. Da braucht es immer eine stationäre Behandlung, weil die Entzugssymptomatik schwierig und langwieriger zu behandeln ist und auch weil die Komorbiditäten mehr im Vordergrund stehen. In der Regel handelt es sich hier um Selbstbehandlungsversuche, dementsprechend schwer sind auch die Grunderkrankungen. Auch bei bestimmten Drogenerkrankungen braucht es eine stationäre Behandlung über längere Zeiträume. In jedem Fall sollte nach der Aufnahme in einer stationären Einrichtung eine entsprechende langfristige ambulante Nachbehandlung folgen. 

medinlive: Warum denken Sie, dass eine Klinik in diesem Bereich notwendig wäre? 

Musalek: Die Notwendigkeit ist klar, wenn man bedenkt, dass wir hier eine Berufsgruppe haben, die medizinisch sehr schlecht beziehungsweise unterversorgt ist. Was auch nicht außer Acht gelassen werden sollte ist, dass viele Suchtkranke hervorragende, leistungsfähige Menschen in ihrem Beruf sind. Es werden in der Regel sehr gute Ärzt*innen suchtkrank, weil sie sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellen, sich leicht in Überforderungen bringen und dann entsprechende Dopingmittel brauchen, um diese Überforderungen durchstehen zu können. Es ist ein extremer Verlust, der hier dem medizinischen System erwächst, wenn man diese Menschen nicht zielgerichtet behandelt. 

medinlive: Sie haben Suchtprogramme in Spanien und Norwegen erwähnt. Was zeichnet deren Wirksamkeit aus? Besteht auch die Möglichkeit, trotz Behandlung die Appropriation nicht zu verlieren?

Musalek: Natürlich. Die Idee dahinter ist, dass man sich aufnehmen und behandeln lassen kann, ohne zuständige Behörden, Kammern oder Institutionen, die etwas Negatives aussprechen könnten, zu informieren. Vonseiten der Kammer gehe ich von einer relativ hohen Akzeptanz aus, wenn sich jemand behandeln lässt. Das Problem sehe ich eher darin, dass der Ruf insgesamt leidet, auch bei den Patient*innen. In Bezug auf die Wirksamkeit, wissen wir, dass nach erfolgter Behandlung und Kontrollen Ärzt*innen wieder ihren Beruf ausüben können. Allerdings kann man nicht erwarten, dass eine Ärztin oder Arzt als Patientin oder Patient im Anton Proksch Institut aufgenommen wird und dort auf alle seine Patient*innen trifft.

medinlive: Nun gibt es die Annahme, dass unter Mediziner*innen eine Art Corps Geist herrscht, wo sich Ärzt*innen gegenseitig decken. Was sehen Sie als Hemmnis und Motivation, damit sich Mediziner*innen Hilfe suchen?

Musalek: Das Problem ist, dass überall dort, wo eine Erkrankung zu extremen Konsequenzen führt, es keine entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten gibt und womöglich auch gar nicht akzeptiert wird, in Behandlung zu gehen, dann versucht man, die Erkrankung zu verheimlichen, was auch das Umfeld der Patient*innen betrifft. Ein Schritt zur Entstigmatisierung könnte eine Behandlungseinrichtung mit Augenmerk auf Anonymität sein.

medinlive: Einer der Faktoren, warum Ärzt*innen eher zu Suchterkrankungen neigen, ist die Verfügbarkeit. Welche anderen Faktoren können Sie speziell für die Gruppe der Mediziner*innen ausmachen?

Musalek: Eine Suchterkrankung entsteht nie aus sich allein heraus. Es gibt keine Suchterkrankung, wo nicht auch andere Erkrankungen eine Rolle spielen, die das begründen, zumindest massive psychosoziale Probleme. In diesem Zusammenhang wissen wir, dass Berufe, die Menschen anziehen, die ein hohes Wertesystem haben und hohe Ansprüche an sich selbst stellen, eher prädestiniert sind, sich zu überfordern. Und dann gibt es auch Berufsbereiche, in denen die Überforderung – psychisch wie physisch – mitgeliefert wird. Das haben wir ganz besonders bei Mediziner*innen, körperlich etwa durch die Nachtdienstsituation und permanent erwartete Verfügbarkeit von außen und psychisch durch den massiven Druck bei Fehlern mit womöglich drastischen Auswirkungen rechnen zu müssen. Dementsprechend sind diese Menschen unter enormem Druck.

Die meisten Mediziner*innen haben keine Ausbildung, wie man mit einem solchen Druck umgeht. Das wäre etwas, das im Studium durchaus integriert werden sollte. Nämlich, dass man den Umgang mit diesem letztlich sich selbst gefährdenden Beruf besser lernt. Wie jeder Handwerker etwa den Umgang mit Gefahrenmomenten lernt. Im medizinischen Bereich ist es in der Regel learning by doing. Man denkt: Man ist psychisch eh so stark, dass man das aushält. Doch schon alleine in manchen Berufsbereichen tagtäglich mit dem Tod oder schweren Leiden konfrontiert zu sein oder Menschen dauernd schlechte Nachrichten überbringen zu müssen, braucht eine psychische Stabilität und ein Wissen darüber: Wie weit kann ich mich selbst fordern, wann merke ich, dass ich überfordert bin und wie kann ich gegensteuern?

medinlive: Das Thema Suchterkrankung ist ja bereits im Studium präsent.

Musalek: Das Studium ist eine große Herausforderung, was den Stoffumfang betrifft, aber auch was die Materie selbst betrifft. Wenn man sich dauernd mit Krankheiten beschäftigt, gibt es kaum jemanden, der keine bei sich vermutet, auch damit muss man lernen umzugehen. Wenn man täglich im beruflichen Alltag damit konfrontiert ist, braucht man Mechanismen, um damit umzugehen. Denn beim einfachen Negieren „Ich werde nicht krank, krank wird nur der Patient”, übersehen wir, dass wir erste Krankheitssymptome im psychischen Bereich haben. Wenn man hier nichts unternimmt, wird das immer schlechter. Und dann gibt es Möglichkeiten, wie man rasch Abhilfe schaffen kann. Denn Suchtmittel – das darf man nicht vergessen – sind in ihrer Wirksamkeit hervorragend, das macht sie auch so gefährlich. Sie helfen kurzfristig, aber langfristig kommt es dann wie ein Boomerang zurück mit der Suchterkrankung.

medinlive: Welche Anzeichen im Praxis- oder Klinikalltag könnten auf eine Suchterkrankung hinweisen?

Musalek: Das zentrale Phänomen ist der Kontrollverlust. Wenn ich die Einnahme nicht mehr kontrollieren kann und sie regelmäßig wird. Etwa beim Alkohol: Wenn das regelmäßig wird, wenn man keine alkoholfreien Tage hat, sich vornimmt weniger zu trinken, es aber nicht schafft, dann ist ein Gefahrenmoment zu erwarten. Das gleiche gilt auch für Medikamente. Wenn ich merke ich brauche das regelmäßig und dann vielleicht noch eine Dosissteigerung, dann ist schon Feuer am Dach. 

medinlive: Nehmen Ärzt*innen Sucht durch den professionellen Zugang anders wahr?

Musalek: Das ist individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Suchtkranken können sehr genau dingfest machen, ab wann sie mit dem Suchtmittel nicht mehr kontrolliert umgehen können. In der Situation versucht man noch zu beschönigen. Dann gibt es eine Latenzphase, wo man weiß: Das funktioniert nicht, aber ich schaffe es nicht, in Behandlung zu gehen. Diese Spanne dauert beim Alkohol im Schnitt zwischen drei und acht Jahre. Die Schwelle ist exorbitant hoch und bei Mediziner*innen besonders hoch. Man muss hier drei Stadien unterscheiden: Wann hat die Sucht begonnen, wann gesteht man sie sich ein – hier gibt es eine Latenz und dann gibt es die Behandlung. Wenn wir jetzt eine spezielle Einrichtung hätten, könnte man diese zweite Latenz deutlich verkürzen. Wahrscheinlich bereits auch die erste Latenz, weil es ein größeres Bewusstsein gäbe. Denn die erste Latenz hängt mit der Einstellung „krank werden nur andere” zusammen. 

medinlive: Welche Süchte würden Sie am ehesten in der Ärzteschaft verorten?

Musalek: Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins und auch die Nummer eins bei Ärzt*innen. Häufiger ist noch das Nikotin, aber hier sind die Zahlen deutlich zurückgegangen. Dann spielen auch Medikamente wegen des leichten Zugangs eine Rolle und dann noch bei einer wesentlich kleineren Gruppe Opiate. Bei Kokain ist die Dunkelziffer extrem hoch. Das könnte auch daran liegen, weil man bei der Einnahme den Eindruck gewinnt, dass man in der Leistung verstärkt ist. In der Privatpraxis behandle ich eine Fülle von Ärzt*innen, auch weil sie wissen, dass es hier eine große Anonymität gibt. Alkohol und Medikamente spielen bei ihnen die größte Rolle, Kokain und Morphine eher eine Randrolle. Wir gehen davon aus, dass es geschätzt 300.000 Alkoholkranke und 200.000 bis 250.000 Medikamentenabhängige in der österreichischen Bevölkerung gibt. Dort, wo wir die besten Daten haben, weil alle, die abhängig sind, früher oder später in Behandlung kommen, ist im Bereich der Opiate, der klassischen Suchtmittel; da haben wir in Österreich etwa 30.000. Bei Ärzt*innen wird der Prozentsatz eine Spur höher sein, wegen der Verfügbarkeit, denn man kann es sich quasi selbst verordnen und hat einen direkten Zugang, während das in der Bevölkerung nicht der Fall ist, sondern fast nur am Schwarzmarkt zu erhalten ist.

medinlive: Gibt es im Bereich der Selbstverordnung Mechanismen oder Programme, um die Verschreibung von Medikamenten zu kontrollieren?

Musalek: Nach dem Suchtmittelgesetz muss jede Verordnung und jeder Gebrauch festgeschrieben sein und das wird auch streng kontrolliert. Aber die Chance, über eine Kontrolle eine Sucht zu verhindern, ist nicht sehr groß. Man kann die Verfügbarkeit eindämmen, aber mit Kontrollmechanismen etwas zu verhindern, ist nicht möglich. Auch in der Zeit der Prohibition, wo Alkohol verboten war, ist getrunken worden. Die Zahl der Trinker ging zwar zurück, aber die Kriminalisierung ist dementsprechend gestiegen.

medinlive: Manifestieren sich Suchterkrankungen in der Ärzteschaft anders als in der Gesamtbevölkerung? Etwa wonach Suizide als Folge häufiger sind?

Musalek: Suizide sind insgesamt in Gruppe der Mediziner*innen häufiger, speziell bei Anästhesisten und Psychiatern. Das hängt damit zusammen, dass es besonders belastete Berufsgruppen sind. Aber auch damit, dass es bei Anästhesisten viele Suizide bei weniger Suizidversuchen gibt, weil sie sichere Methoden wählen. Bei Psychiatern hängt es damit zusammen, dass dieses Thema ein permanentes in dem Fachgebiet ist. Damit ist es nichts fremdes, das gar nicht in Betracht gezogen wird. Zudem ist die Chance eines Suizides wesentlich höher, wenn Suizide in der Umgebung stattfinden, auch Werther-Effekt genannt (wenn in Folge eines aus Medien, Literatur oder Film bekannten Selbstmordes vermehrt Suizide geschehen, Anm.). Jemand, der dauernd mit Suizidversuchen zu tun hat, ist besonders gefährdet. Unter Alkohol ist das Suizidrisiko um das zehn bis 15-fache erhöht, weil Alkohol eine depressionogene und gleichzeitig enthemmende Substanz besitzt. Das ist leider eine ideale Grundvoraussetzung für einen Suizid. Wenn Hemmmechanismen wegfallen und eine depressive Verstimmung vorherrscht, ist das ein idealer Nährboden für solche furchtbaren Ereignisse.

medinlive: Welche Empfehlungen würden Sie an Mediziner*innen aussprechen, bei welchen Anzeichen Hilfe aufzusuchen?

Musalek: Das Erste ist, dass man akzeptiert, selbst krank sein und eine Suchterkrankung haben zu können. Eine wesentliche Grundeinstellung, die jedem mitgegeben werden sollte, auch während des Studiums. Da bräuchte es entsprechende Unterrichtsinhalte, wo angehende Mediziner*innen auch damit umgehen lernen. Das Zweite ist, dass man die Früherkennungszeichen ernst nehmen und nicht nur an Patient*innen anlegt, sondern auch an sich selber. Das Dritte ist, wenn man merkt, dass man suchtkrank ist, jemanden aufsucht, wo man weiß, dass das nicht breitgetreten wird, wo man sich öffnen und eine Behandlung beginnen kann. Das ist im ambulanten privaten Bereich durchaus möglich, in öffentlichen Ambulanzen wesentlich schwieriger, weil die Anonymität nicht mehr gewahrt werden kann. Und im stationären Bereich in Österreich ist das faktisch nicht möglich.

Der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Michael Musalek gilt international als einer der renommiertesten Suchtexperten. Er war ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts und ist Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien und Berlin sowie Vorsitzender des psychosozialen Beraterstabs der Coronavirus-Taskforce des Gesundheitsministeriums.

* Die Schätzungen zur Prävalenz in Deutschland beruhen auf den Ergebnissen nordamerikanischer Studien (US-Studie von Hughes et al. 1992 und kanadische Studie von Brewster et al. 1994) aus dem Ende der 80er-Jahre Anfang der 90er-Jahre, wie die deutsche Ärztekammer Mitte Mai diesen Jahres erklärte.

Die Ärztekammer NÖ unterstützt suchtkranke Ärzt*innen streng vertraulich bei der der unverzüglichen Aufnahme einer qualifizierten stationären oder auch ambulanten Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung, Information zu möglichen Kostenerstattung bei ambulanter oder stationärer Therapie und bei der Vermittlung einer Praxisvertretung.  https://www.arztnoe.at/arzt-sucht

In Deutschland bieten gemäß einer Abfrage durch die Bundesärztekammer (BÄK) von 2019 alle 17 Landesärztekammern ein strukturiertes Interventionsprogramm für suchtkranke Ärzt*Innen an, wie die deutsche Ärztekammer Mitte Mai auf Anfrage erklärte. Dabei sei die Inanspruchnahme der Interventionsprogramme in den Landesärztekammern sehr unterschiedlich. Die Ergebnisse würden der Kammer zufolge allerdings zeigen, dass die Interventionsprogramme im Vergleich zu allgemeinen Daten des Suchthilfesystems erfolgreicher sind, die Erfolgsquote würde zwischen 60 und 100 Prozent betragen. Die Umfrage zeigte auch, dass Kammern, die ein strukturiertes Hilfsprogramm haben und dieses aktiv publik machen, eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Verdachtsmeldungen erhalten. Im Jahr 2019 hat sich der 122. Deutsche Ärztetag intensiv mit dem Thema Ärztegesundheit befasst. Die Referate zu dem Tagesordnungspunkt können hier eingesehen werden. Auch das deutsche „Ärzteblatt“ hat sich der Thematik angenommen.

Als eines der ersten Interventionsprogramme für erkrankte Ärzt*innen in Europa gilt das 1998 in Katalonien gegründete „Integrierte Versorgungsprogramm für psychisch erkrankte Ärzte“ (PAIMM – Programa d’Atenció Integral al Metge Malalt). Das Programm ist anonym und wird zu 80 Prozent von der katalanischen Regierung und zu 20 Prozent von der medizinischen Gesellschaft finanziert. Es umfasst Maßnahmen in einer Therapieeinrichtung in Barcelona, tagesklinische Dienste sowie ambulante Betreuung. In Norwegen wurde mit der Villa Sana, ein Präventionsprogramm speziell für Gesundheitsberufe eingerichtet. Mediziner*innen können an Einzel-Beratungsgesprächen, mehrtägiger Gruppentherapie, Vorträgen und Aktivitäten teilnehmen. Das Programm wird von der norwegischen medizinischen Gesellschaft finanziert. In Großbritannien wurde kürzlich ein anonymes Hilfsprogramm für Mediziner*innen vom staatlichen britischen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) lanciert. Bei dem „Practitioner Health Programme“ können sich Ärzt*innen mit ihren psychischen Problemen, Ängsten oder Depressionen vertraulich an Spezialisten wenden, um dort fachärztliche Hilfe zu erhalten.

Unter Ärzt*innen gibt es eine erhöhte Suizidrate. Eine US-Studie aus dem Jahr 2000 ermittelte eine Suizidrate zwischen 28 und 40 pro 100.000 – verglichen mit 12,3 in der Allgemeinbevölkerung. Demnach verüben Ärzt*innen mehr als doppelt so oft Suizid wie die US-amerikanische Bevölkerung. Dabei zeigte sich auch wie das Suchtverhalten in der Folge auch mit Suizid korreliert: Bei 40 Prozent der Suizide in der Ärzteschaft gibt es demnach einen Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit und bei 20 Prozent mit Drogenmissbrauch. Andere Studien aus westlichen Ländern ergaben sogar, dass die Suizidrate bei Ärzt*innen etwa fünfmal höher ist als in der Durchschnittsbevölkerung; und bei Ärzten doppelt bis dreifach so hoch wie bei Ärztinnen.

Experten betonen, dass jeder Suizid bzw. Suizidversuch auf eine Vielzahl von Ursachen zurückzuführen ist. Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen:
Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken findet man unter www.suizid-praevention.gv.at.
Telefonische Hilfe im Krisenfall gibt es auch bei
● Telefonseelsorge 142, täglich, von 0 bis 24 Uhr.
● Kriseninterventionszentrum 01/406 95 95 (Montag bis Freitag, 10-17 Uhr);
auch persönliche und E-Mail-Beratung: www.kriseninterventionszentrum.at.
● Sozialpsychiatrischer Notdienst / PSD täglich, 0 bis 24 Uhr, Tel.: 01/31330
Angehörige finden Informationen und Materialien unter www.suizidpraevention.at

Hintergrund:

Informationsbroschüre zu Burn-out der Ärztekammer für Wien
Suizidprävention Austria (SUPRA) Bericht 2016
Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ismed) an der MedUni Wien

Referate des 122. Deutschen Ärztetages 2019: 

Referat [PDF] von Prof. Dr. med. Monika A. Rieger, Tübingen
Ärztliche Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen

Referat [PDF] von Prof. Dr. med. Harald Gündel, Ulm
Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm

Referat [PDF] von Dr. med. Klaus Beelmann, Hamburg
Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Hamburg

Literatur:

Arbeiten und gesund bleiben - K.O. durch den Job oder fit im Beruf Gündel, Harald; Glaser, Jürgen; Angerer, Peter Springer Berlin, 2014, ISBN: 9783642553028

Arbeiten im Gesundheitswesen: - (Psychosoziale) Arbeitsbedingungen - Gesundheit der Beschäftigten - Qualität der Patientenversorgung Angerer, Peter; Gündel, Harald; Brandenburg, Stephan; Nienhaus, Albert; Letzel, Stephan; Nowak, Dennis ecomed-Storck GmbH, 2019, ISBN: 9783609105666

Arbeitsbedingungen und Befinden von Ärztinnen und Ärzten - Befunde und Interventionen Report Versorgungsforschung Band 2 Angerer, Peter; Schwartz, Friedrich Wilhelm Deutscher Ärzte-Verlag, 2010, ISBN: 9783769134384

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Der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Michael Musalek gilt international als einer der renommiertesten Suchtexperten.
The Viennese psychiatrist and psychotherapist Michael Musalek is internationally considered one of the most prestigious addiction experts.
Michael Musalek / Anton Proksch Institut / Institut für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit
„Wir wissen, dass die Verfügbarkeit letztlich das Suchtgeschehen steuert.“
„Es ist ein extremer Verlust, der hier dem medizinischen System erwächst, wenn man diese Menschen nicht zielgerichtet behandelt.“