Transfusionsmedizin

Am Anfang war ein Schaf

Der 14. Juni, der Geburtstag des österreichischen Nobelpreisträgers und Entdeckers der Blutgruppen Karl Landsteiner, wurde von der Weltgesundheitsorganisation zum Weltblutspendetag ausgerufen. Ein wenig in Vergessenheit gerät dabei ein verhinderter englischer Arzt, der exakt vor 100 Jahren in London den weltweit ersten Blutspendedienst gegründet hat.

Bernhard Salzer

Percy Lane Oliver, 1878 in St. Ives/Cornwall geboren, wollte eigentlich Arzt werden, letztendlich landete er aber als Bibliothekar im Rathaus des Südlondoner Stadtteils Camberwell. Dor gründete er vor dem ersten Weltkrieg eine Zweigstelle des britischen Roten Kreuzes. In dieser Funktion erhielt er im Oktober 1921 einen Anruf aus dem King‘s College Hospital, das dringend eine Blutspende benötigte. Mehrere Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellten sich spontan zur Verfügung, eine unter ihnen hatte die passende Blutgruppe und wurde somit zur weltweit ersten freiwilligen Blutspenderin. Nach dieser Initialzündung richtete Oliver zunächst in seinen eigenen vier Wänden den ersten Blutspendendienst der Welt ein. Er sammelte Gesundheits- und Blutdaten von Freiwilligen und ein Telefon wurde rund um die Uhr besetzt – im ersten Jahr läutete es neun Mal. Fünf Jahre später hatte er bereits 400 Spenderinnen und Spender registriert, die zu über 700 Blutspende-Einsätzen gerufen wurden. Percy Lane Oliver geriet nach seinem Tod im Jahr 1944 in Vergessenheit, aber seine Idee eines auf Freiwilligkeit basierenden Blutspendedienstes setzte von den bescheidenen Anfängen in Südlondon zu einem globalen Siegeszug an.

1 Papst, 3 Spender, 4 Tote

Die Historie der Blutspende und unzähliger Versuche mit Bluttransfusionen von Mensch zu Mensch, aber auch von Tier zu Mensch, reicht indes Jahrhunderte zurück. Eine der ersten in Europa dokumentierten „Blutspenden“ fand im Jahr 1492 statt, als dem schwer kranken Papst Innozenz VIII. das Blut von drei Knaben oral verabreicht wurde. Dem Papst half es aber nichts, er verstarb und die drei Burschen verbluteten.

Die Entdeckung des Blutkreislaufs durch den englischen Arzt William Harvey zu Beginn des 17. Jahrhunderts, niedergeschrieben in seinem Werk „Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus“, das als eines der bedeutendsten wissenschaftlichen Werke der Frühen Neuzeit gilt, diente sozusagen als Startschuss für etliche Versuche mit Bluttransfusionen. Zunächst von Tier zu Tier: Die erste dieser Art führte Richard Lower, ebenfalls ein englischer Mediziner, im Jahr 1665 durch.

Schafe und Kälber als erste Blutspender

Jean-Baptiste Denis, einer der Leibärzte des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV., ging einen Schritt weiter und wagte zwei Jahre später die erste Bluttransfusion von Tier zu Mensch. Er injizierte einem 15-jährigen Jungen das Blut eines Lamms, indem er die Halsschlagader des Schafes mit einer Vene seines Patienten verband. Der Bursche überlebte diese Prozedur tatsächlich, wie auch ein paar weitere Patienten. Nach dem ersten Todesfall jedoch, als er einem Geisteskranken das Blut eines Kalbes injizierte und beide verstarben, wurde er angeklagt. Im folgenden Prozess wurde Jean-Baptiste Denis zwar freigesprochen, aber danach das sogenannte Edikt von Chatelet erlassen, welches Transfusionen ohne Zustimmung der Pariser Medizinischen Fakultät verbot. Ähnliche Verbote folgten auch in Italien sowie in England und beendeten damit vorerst die Forschung über beziehungsweise Experimente mit Transfusionen für mehr als 100 Jahre, bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals Transfusionen von Menschen zu Menschen versucht wurden. Und es war wieder ein Brite, der Arzt James Blundell, der hier Pionierarbeit leistete und 1825 die ersten erfolgreichen Bluttransfusionen von Mensch zu Mensch durchführte. Etwa ein Drittel dieser Versuche endete aber immer letal für den Transfusionsempfänger. Denn erst die Entdeckung des AB0-Blutgruppensystems durch Karl Landsteiner im Jahr 1900 ermöglichte es, Bluttransfusionen sicher durchzuführen. Für seine wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet erhielt Landsteiner 30 Jahre später auch den Medizin-Nobelpreis.

330.000 Blutspenden pro Jahr

Das Gesundheitssystem ist auf regelmäßige Blutspenden angewiesen. Denn Blut kann weder künstlich hergestellt, noch „auf Lager“ gebunkert werden, weil Blutkonserven maximal 42 Tage haltbar sind.

In Österreich wurden im Vorjahr vom Roten Kreuz 332.917 Vollblutspenden zu je 465 Milliliter Blut von 211.556 Spenderinnen und Spendern abgenommen. Ein Rückgang gegenüber dem Jahr 2019, in dem es 337.561 Vollblutspenden von 217.757 Personen waren. „Dieser Rückgang liegt im üblichen Schwankungsbereich zwischen den einzelnen Jahren und ist vordergründig nicht auf die Pandemiesituation zurückzuführen“, heißt es beim Österreichischen Roten Kreuz.

Achterbahnfahrt in Deutschland

Anders wird das in Deutschland gesehen, wo im ersten Corona-Jahr ebenfalls ein Rückgang bei Spenderinnen und Spendern sowie bei Vollblutspenden zu verzeichnen war. „Das Blutspende-Jahr 2020 glich einer Achterbahnfahrt. In Summe konnte zwar die Versorgung der Krankenhäuser mit Blutkonserven gewährleistet werden, aber mit einem enorm erhöhten Aufwand“, sagt Patric Nohe vom Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes. Im Ersten Lockdown kam es zu drastischen Rückgängen, bedingt durch die generelle Verunsicherung der Bevölkerung, Termineinschränkungen bei vielen Blutspende-Aktionen, dem Komplettausfall von Blutspende-Tagen in großen Betrieben und weil die mobilen Blutspende-

Busse, die normalerweise in ganz Deutschland unterwegs sind, wegen der nicht gewährleistbaren Abstandsregeln innerhalb der Fahrzeuge gar nicht ausfahren durften. In Nordrhein-Westfalen etwa, dem mit 18 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, in dem im Durchschnitt sechs Prozent der Bevölkerung Blut spenden, waren es 2020 nur vier Prozent. „Durch eine massive Kampagne und ein Einlenken der Politik, dass der Weg zu einem Blutspendedienst nicht mehr unter die Ausgangsbeschränkungen fiel, kam es nach dem ersten Lockdown in Deutschland zu einer Welle der Blutspende-Solidarität durch die die Rückgänge halbwegs ausgeglichen werden konnten“, so Nohe. Generell sei aber ein Zuwachs bei jüngeren Erstspenderinnen und Erstspendern dringend nötig, „da durch die Pandemiemaßnahmen viele ältere Spender ausbleiben, weil sie aus Angst nach wie vor nicht außer Haus gehen“.

Alle dürfen Blut spenden, außer …

In Österreich wird etwa alle 90 Sekunden eine Blutkonserve benötigt. Pro Vollblutspende werden 465 Milliliter Blut aus einer Armvene entnommen, sofort Sicherheitstests unterzogen, in verschiedene Komponenten getrennt und zu verschiedenen Blutprodukten verarbeitet bevor das Spenderblut an Spitäler ausgeliefert wird. Ein Drittel des österreichischen Spenderblutes wird von Frauen, zwei Drittel von Männern gespendet.

Blutspenden dürfen in Österreich grundsätzlich alle Personen zwischen 18 und 70 Jahren, deren Körpergewicht zumindest 50 Kilogramm beträgt - Erstspenderinnen und Erstspender müssen unter 60 Jahren alt sein. Es gibt aber auch vorübergehende sowie permanente Ausschließungsgründe für Blutspenden: Etwa ein vierwöchiges Blutspendeverbot nach dem Ende der Einnahme von Antibiotika oder eine sechsmonatige Pause nach der Rückkehr aus Malariagebieten. An COVID-19 erkrankte Personen mit stationärem Aufenthalt sind vier Monate von einer Blutspende ausgeschlossen, ohne stationären Aufenthalt vier Wochen. Bei einem Kontakt zu einer auf COVID-19 positiv getesteten Person beträgt die Karenzfrist zwei Wochen – dies gilt allerdings nicht für medizinisches Personal während der Arbeit in medizinischen Einrichtungen. Weiters sind unter anderem Personen mit Diabetes (Typ 1 & 2) grundsätzlich von Blutspenden ausgeschlossen, ebenso Epileptiker, HIV-Positive sowie an Hepatitis-B und Hepatitis-C Erkrankte.

Zusätzlich zu diesen und weiteren Ausschließungs- oder Karenzierungsgründen aufgrund von verschiedenen (Vor)Erkrankungen sind auch homosexuelle Männer defacto vom Blutspenden ausgeschlossen. Für sie galt bis 2019 ein generelles Blutspende-Verbot. Das wurde nach einem Entscheid des Europäischen Gerichtshofs gekippt und zunächst auf eine zwölfmonatige Frist der sexuellen Enthaltsamkeit reduziert, die wiederum Anfang dieses Jahres noch vom ehemaligen Gesundheitsminister Rudolf Anschober auf vier Monate verkürzt wurde. Dieses Defacto-Verbot gilt auch für Personen, die Sex mit mehr als drei Sexualpartnerinnen oder Sexualpartnern hatten, sowie für Frauen, die Sex mit einem Mann hatten, der auch gleichgeschlechtlichen Sex hatte.

Spenderblutranking nach Blutgruppen in Österreich

A+          33,6 Prozent

0+           30,1 Prozent

B+          10,8 Prozent

0-           8,6 Prozent

A-           7,9 Prozent

AB+       4,9 Prozent

B-           2,7 Prozent

AB-        1,4 Prozent

Verteilung der Blutgruppen auf die österreichische Bevölkerung

A+          37 Prozent

0+           30 Prozent

B+          12 Prozent

A-           7 Prozent

0-           6 Prozent

AB+       5 Prozent

B-           2 Prozent

AB-        1 Prozent

Quelle:

 Österreichisches Rotes Kreuz

 

Ebenfalls veröffentlicht wurde der Beitrag leicht gekürzt in der Zeitschrift

doktorinwien“ Ausgabe 06/2021.

Bluttransfusion von Schaf zu Mensch
Der englische Arzt Richard Lower bei der Transfusion von Schafblut auf einen Menschen (1667). Lower galt als einer der ersten, die den Unterschied zwischen arteriellem und venösem Blut bemerkten.
Wellcome Images / PhotoResearchers / picturedesk.com
Karl landsteiner
Der österreichische Pathologe, Hämatologe und Serologe hat als Entdecker der Blutgruppen 1930 den Nobelpreis für Medizin erhalten.
Albert Hilscher_ÖNB