Wenn medizinische Handlungen negativ wirken

Medizinische Handlungen müssen längst nicht ausschließlich mit positiven Effekten enden. Was jüngere Menschen an potenziellen Schäden vielleicht noch überstehen, kann bei Betagten fatal enden. „Der Konsument" widmet sich in seiner neuesten Ausgabe (März 2019) auch der österreichischen Ärzte- und Patienteninitiative „gemeinsam gut entscheiden".

red/Agenturen

Die Initiative, die ursprünglich an der MedUni Graz gegründet wurde, soll helfen, Patienten überflüssige diagnostische und therapeutische Schritte zu ersparen. Entbehrlich ist jedenfalls, was nicht hilft oder ein Risiko unverhältnismäßig vergrößert. Besonders häufig betroffen sind betagte Menschen, bei denen die Medizin leicht zu Interventionen neigt, die am Gesamtzustand der Betroffenen, deren Lebensqualität oder Lebenserwartung nichts ändern oder diese sogar beeinträchtigen.

Die Initiative mit dem Grazer Geriater Walter Schippinger als wesentlichem Proponenten hat zum Beispiel eine auch aus dem Internet ladbare Broschüre für betagte und hoch betagte Patienten und deren medizinische Versorgung verfasst. „Ziel der Initiative 'gemeinsam gut entscheiden' ist die Erstellung medizinischer Empfehlungen zu diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen in der Medizin, welche häufig angewandt werden, obwohl sie nur einen geringen oder gar keinen Nutzen für die Patienten haben. Die Empfehlungen sollen also einer Fehlversorgung durch entbehrliche medizinische Interventionen gegensteuern", wird Schippinger in „Der Konsument" zitiert.

Diverse Problembereiche

Was in dem Bericht an potenziell entbehrlichen Untersuchungen aufgelistet wird, betrifft vor allem die Krebsfrüherkennung über Screeningprogramme. Umstritten sind solche Früherkennungsuntersuchungen auf Prostatakrebs. Statistisch sei der positive Effekt auf die Prostatakrebs-Sterblichkeit gering bis nicht vorhanden, heißt es in dem Bericht. Wen es allerdings mit einem hoch aggressiven Karzinom erst im Spätstadium als Individuum „erwischt", der hat oft eine lange und schwere Leidenszeit vor sich.

„Bei Teilnahme an einem Brustkrebsfrüherkennungsprogramm versterben während elf Jahren vier von 1.000 Frauen über 50 an Brustkrebs, ohne Untersuchung sind es fünf von Tausend. Mammografien zeigen bei hundert von tausend Frauen über 50 Jahren Auffälligkeiten, wo gar keine sind. Fünf von tausend Frauen werden aufgrund eines Tumors operiert, der keine Beschwerden verursacht hätte", heißt es in dem Bericht. Deutlich besser - und das ist längst bekannt - liegt die Nutzen-Risiko-Relation bei der Koloskopie zu Darmkrebs.

Antibiotikatherapien bei asymptomatischen Harnwegsinfekten, das schnelle Anlegen von Dauerkathetern, der schnelle Einsatz von künstlicher Ernährung und Psychopharmaka bei Verwirrtheitszuständen unklarer Ursache sind Problembereiche. Im Endeffekt kommt es auf die Überlegtheit der Betreuenden und ihre ausreichende Kommunikation mit den Patienten an. Wundermittel gibt es keines - und die Statistik hat einen großen Fehler: Auf das einzelne Individuum trifft sie nicht zu.

Gruppenpraxis
Was in dem Bericht an potenziell entbehrlichen Untersuchungen aufgelistet wird, betrifft vor allem die Krebsfrüherkennung über Screeningprogramme.
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