Neue Erkenntnisse über Bereitschaftmodus des Gehirns

Ob ein Bungee-Sprung von der Tiroler Europabrücke oder ein Sprung aus einem Meter Höhe – das Gehirn zeigt das gleiche Bereitschaftpotenzial. Wissenschafter veröffentlichten eine neue Studie im Fachblatt „Scientific Report“.

red/Agenturen

Ein Sprung von der 192 Meter hohen Tiroler Europabrücke an einen Bungee-Seil lässt vermutlich kaum einen Springer kalt. Egal, ob sich kurz vorm Absprung nur nervöses Kribbeln oder gar helle Panik einstellt: Das Gehirn zeigt das gleiche Bereitschaftpotenzial wie bei einem Sprung von einem Meter Höhe. Das ist das Ergebnis einer kürzlich im Fachblatt „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie.

Insgesamt 30 Mal ließen Wissenschafter um Surjo Soekadar von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin zwei Studienteilnehmer von der Autobahnbrücke springen. Ebenso oft sprangen die beiden lediglich aus einem Meter Höhe - freilich ohne Bungee-Seil. In beiden Fällen hatten sie eine spezielle Haube auf, mit der die Gehirnströme mittels EEG aufgezeichnet wurden.

Dem Wissenschafterteam aus Deutschland, den USA und Österreich ging es im Rahmen der Untersuchung darum, das sogenannte Bereitschaftspotenzial aufzuzeichnen, was laut Aussendung der Charite nun erstmals auch unter Extrembedingungen gelang. Dabei handelt es sich um eine minimale Spannungsverschiebung im Bereich von nur wenigen Millionstel Volt, die sich bereits ablesen lässt, noch bevor der Person bewusst wird, dass sie die Bewegung ausführen wird.

Nachgewiesen wurde das Bereitschaftspotenzial erstmals im Jahr 1964 von Hans-Helmut Kornberger und Lüder Deecke an der Universität Freiburg (Deutschland). Deecke war später langjähriger Leiter der Abteilung für Klinische Neurologie an der Medizinischen Universität (Meduni) Wien und ist auch an der nunmehrigen Arbeit beteiligt.

Neben der Frage, ob sich das Bereitschaftpotenzial überhaupt verlässlich unter Realbedingungen registrieren lässt, war bisher auch nicht klar, ob eine potenziell lebensbedrohende Situation und die damit einhergehende Furcht Auswirkungen auf dieses Signal hat. Das ist wiederum wichtig, wenn es um die Weiterentwicklung von Brain-Computer-Interfaces (BCI) geht. Mit solchen Gehirn-Computer-Schnittstellen können etwa querschnittsgelähmte Menschen allein durch die Kraft der Gedanken einen Computer, Maschinen oder Körperprothesen steuern.

Wenn Bereitschaftspotenziale in diesem Zusammenhang als Auslöser für Bewegungen von Neuroprothesen genutzt werden sollen, muss dieser Ansatz nämlich auch greifen, wenn sehr starke Gefühle im Spiel sind. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir Gehirn-Computer-Schnittstellen auch unter extremer emotionaler Anspannung zuverlässig einsetzen können“, so Soekadar.
 

neue Erkenntnisse zu Bereitschaftsmodus des Gehirns
Bungee-Jumping im Dienste der Wissenschaft: Ein Proband springt 192 Meter in die Tiefe während seine Hirnströme abgeleitet werden.
Soekadar/Charité