Corona-Impfung

Impfschutz für Krebspatienten besonders wichtig

Für Krebspatienten ist ein Impfschutz vor SARS-CoV-2 besonders wichtig. Die Situation ist genauso wie bei Gesunden: Nur volle Immunisierung zählt. Allerdings haben Onkologie-Hämatologie-Patienten eine schlechtere Ausgangsposition. Das haben zwei neue wissenschaftliche Studien aus Wien/Meran und Linz ergeben.

red/APA

„Patienten mit hämatologisch-onkologischen Erkrankungen zeigen eine Bildung von Anti-SARS-CoV-2-Antikörpern nach einer Impfung, was die Bedeutung der SARS-CoV-2-Immunisierung in dieser vulnerablen Personengruppe unterstreicht. Geringere Antikörper-Konzentrationen bei Patienten im Vergleich zu (gesunden; Anm.) Angehörigen des Gesundheitspersonals und Unterschiede (...) bei Untergruppen zeigen die Notwendigkeit von weiteren Studien zur SARS-CoV-2-Impfung bei Patienten mit hämato-onkologischen Erkrankungen“, schrieben Maximilian Mair und die Co-Autoren mit Matthias Preusser, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin I in Wien (MedUni Wien/AKH) im Fachblatt „JAMA Oncology“. Ähnliches publizierten vor kurzem auch Mario Mairhofer (Abteilung für Hämatologie/Onkologie, Kepler Universität Linz) und dessen Co-Autoren.

In die Wiener Studie mit Beteiligung des Franz Tappeiner-Krankenhauses in Meran in Südtirol wurden 595 Patienten mit Tumorerkrankungen oder bösartigen Bluterkrankungen aufgenommen. Als Vergleichsgruppe dienten 58 gesunde Angehörige des Spitalspersonals. Durch mehrfache Untersuchungen wurde bei den Probanden der Immunstatus rund um SARS-CoV-2 im Laufe der Immunisierungen untersucht.

Unter den Patienten war vor der Impfung bei 7,2 Prozent eine SARS-CoV-2-Infektion nachgewiesen worden. Was sich bei den Angehörigen der Vergleichsgruppe von Gesunden und bei den Kranken gleichermaßen zeigte, so Preusser: „Wichtig ist die volle Immunisierung. Das sind bei den mRNA-Impfstoffen (Biontech/Pfizer, Moderna; Anm.) beziehungsweise bei dem verwendeten Vektorimpfstoff (AstraZeneca; Anm.) zwei Teilimpfungen.“ Die Antikörperkonzentration stieg mit der zweiten Dosis deutlich über jene nach der ersten Dosis an.

Wichtig sind die Unterschiede nach den verschiedenen Personengruppen. Nach der Erstimpfung wiesen Patienten mit Blutkrebs und unter Therapie mit Medikamenten gegen die B-Zellen (z.B. monokolonale Antikörper gegen CD20-positive Zellen oder Enzymhemmer wie z.B. Ibrutinib) im Mittel weniger als ein Hundertstel der Antikörperkonzentration von Hämatologie-Patienten mit anderen Therapien auf. Der Unterschied zu Kranken mit bösartigen Tumoren war noch größer.

Nach erster Teilimpfung null Anti-Spike-Protein Antikörper

„Die B-Zellen produzieren ja die Antikörper. Gegen (bösartige; Anm.) B-Zellen gerichtete Therapien vermindern daher den Effekt der Impfung bezüglich der Antikörperbildung gegen SARS-CoV-2“, sagte der Onkologe. Der Unterschied zur gesunden Kontrollgruppe war hoch signifikant. „Es ist zu beachten, dass nur 52 Prozent der Patienten (unter Anti-B-Zell-Therapie; Anm.) eine serologische Antwort (Antikörper; Anm.) auf die Impfung zeigten, hingegen hundert Prozent des Gesundheitspersonals.“

Bei den Studienteilnehmern aus Wien zeigte sich, dass die Krebspatienten nach der ersten Teilimpfung im Mittel Null Anti-Spike-Protein-Antikörper im Blut aufwiesen, die Gesunden hingegen Werte von 19,45 Einheiten pro Milliliter. Nach der Vollimmunisierung stieg der Wert bei den Patienten mit Tumorerkrankungen auf im Mittel 117 Einheiten pro Milliliter, bei den Gesunden auf im Mittel 2.500 Einheiten.

Die Interpretation dieser Ergebnisse ist allerdings schwierig. „Es gibt bisher keinen etablierten Wert für die Konzentration der Anti-Spike-Protein-Antikörper nach Impfung, ab dem von einem gesicherten Schutz gegen eine Infektion oder Erkrankung ausgegangen werden kann. Außerdem hängt ja der Schutz vor SARS-CoV-2 auch von dem Auslösen einer zellulären Immunantwort ab (C4-, CD8-positive Zellen; Anm.). Darüber ist noch viel weniger bekannt“, sagte Preusser.

Mario Mairhofer, Clemens Schmitt und Co-Autoren (Universitätsklinik der Kepler Universität/Linz) haben eine ähnliche Studie vor kurzem in „Cancer Cell“ veröffentlicht. Sie kamen zu im Vergleich von 83 Krebspatienten und 44 Angehörigen einer Kontrollgruppe (Patienten mit anderen Erkrankungen, gesunde Personen mit oder ohne vorheriger SARS-CoV-2-Infektion) zu ähnlichen Ergebnissen.

NIG empfiehlt Drittstich für Risikogruppen

Wenn man Antikörperproduktion gegen das Spike-Protein der Covid-19-Erreger sowie das Vorhandensein von CD4- und/oder CD8-positiven Abwehrzellen gegen SARS-CoV-2 in Betracht zog, zeigte sich folgender Befund: Alle Personen, welche nach der Impfung keine der drei für einen Schutz wichtigen Faktoren aufwies, waren Patienten mit Blutkrebs und Anti-B-Zell-Therapie.

Hingegen erreichte immerhin ein Drittel der Tumorpatienten unter Krebsbehandlung dieses Ziel. Das war nur bei einem Fünftel der Hämatologie-Patienten und nie unter Anti-B-Zell-Therapie der Fall. 80 Prozent der Krebspatienten insgesamt hatten auf die Impfung entweder eine Antikörperreaktion oder entwickelten eine zellvermittelte Abwehrreaktion. Eine vollständige Abwehrreaktion kam hingegen bei faktisch allen Angehörigen der Kontrollgruppe in Gang.

Das nationale österreichische Impfgremium hat bereits eine dritte Vakzin-Dosis für bestimmte Risikogruppen (Hochbetagte, Personen mit geschädigter Immunabwehr etc.) empfohlen. „Das wird sicher auch für Krebspatienten infrage kommen. Außerdem kann man beispielsweise die Impfung vor Beginn einer Therapie sicherstellen und nach einer solchen Behandlung eventuell eine gewisse Zeit warten, um einen stärkeren Effekt zu haben“, sagte der Wiener Onkologe.

JAMA

Cancer Cell