| Aktualisiert:
Umfrage

Kinderarmut hat Auswirkungen auf Gesundheit und Lebenserwartung

85 Prozent der österreichischen Ärztinnen und Ärzte beobachten, dass armutsbetroffene Kinder und Jugendliche häufiger krank sind. Das ist nur eines von vielen alarmierenden Ergebnissen einer aktuellen Umfrage der Ärztekammern in Wien, Niederösterreich, Burgenland, Salzburg, Vorarlberg und Kärnten in Zusammenarbeit mit der Volkshilfe Österreich. Ursache für die gesundheitliche Ungleichheit ist vor allem das strukturelle Umfeld, weshalb dringend die Einführung einer Kindergrundsicherung in Österreich gefordert wird.

red/Agenturen

Bereits zum zweiten Mal baten Ärztekammer und Volkshilfe Ärztinnen und Ärzte um ihre professionelle Einschätzung des Zusammenhangs von Kinderarmut und Kindergesundheit in Österreich vor dem Hintergrund ihrer tagtäglichen Praxis. Nach der ersten Umfrage aus dem Jahr 2019 wurde diesmal auch der Einfluss von Corona miteinbezogen. Auch der Frage, wie stark bereits Säuglinge und Kleinkinder gesundheitlich betroffen sind, wurde in der Umfrage nachgegangen. Teilgenommen haben 448 Ärztinnen und Ärzte aus sechs Bundesländern.

Schlechte Wohnverhältnisse, Mobbing und Stress

Als häufigste Ursache für die gesundheitliche Ungleichheit wird von den befragten Ärztinnen und Ärzten der strukturelle Mangel von gesundheitsfördernden Lebensumständen benannt. 82 Prozent sagen, Kinder sind aufgrund der psychosomatischen Folgen der Armutslage – etwa schlechte Wohnverhältnisse, wie Schimmel oder Kälte, aber auch Mobbing und Stress – häufiger krank. Bei den Kinderärzten nennen gar 89 Prozent diese Ursache. Der permanente existentielle Stress, den armutsbetroffene Kinder und Jugendliche tagtäglich erleben, schädigt also nach Einschätzung der Befragten massiv die Gesundheit der Kinder.

Auf Platz zwei und drei der Ursachen für häufigere Krankheit werden „Hohe Kosten für gesunde Ernährung“ (54 Prozent) und „Fehlende bewegungs-/entwicklungsfördernde Angebote im Kleinkindalter“ (53 Prozent) genannt. In etwa ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte nennt weiters Diskriminierungserfahrungen als Grund für die häufigeren Erkrankungen. Diese Einschätzung teilen vor allem Kinder- und Jugendpsychiater (27 Prozent), die mehr Zeit für Gespräche mit ihren Patientinnen und Patienten haben als andere Fachrichtungen.

Armut in Österreich Tabuthema

Für den Präsident der Wiener und Österreichischen Ärztekammer, Thomas Szekeres, ist es ein erschreckendes Zeichen, dass fast ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung armuts- und/oder ausgrenzungsgefährdet ist. Darunter fallen fast 350.000 Kinder und Jugendliche. „Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt im Herzen Europas. Armut ist in Österreich aber nach wie vor ein Thema, und es wird weitgehend tabuisiert und beschäftigt die Öffentlichkeit bestenfalls in der Adventzeit.“ Dabei werde aber vergessen: „Wer bei Kindern spart, spart an der Zukunft. Denn Kinder, die in Armut leben, erkranken öfter, zeigen vermehrt Entwicklungsstörungen, erkranken häufiger psychisch, sind stärker suizidgefährdet und sterben um fünf bis acht Jahre früher als die Durchschnittsbevölkerung. Sie sind die chronisch Kranken von morgen!“

Corona-Krise als besondere Belastung

Gerade auch die Corona-Pandemie habe die Situation von Armutsbetroffenen noch weiter verschärft: „Die Zahl von psychisch bedingten Erkrankungen, insbesonders bei Kindern und Jugendlichen, ist in die Höhe geschnellt, das Betreuungsangebot im Gegenzug aber nicht. Es ist höchste Zeit, hier effektiv gegenzusteuern.“

In der Umfrage gaben 85 Prozent der befragten Medizinerinnen und Mediziner an, dass armutsbetroffene Kinder in ihrer Wahrnehmung in der Corona-Krise stärker psychisch belastet wurden als Kinder aus finanziell gut abgesicherten Familien. Hinzu komme, dass armutsbetroffene Kinder stärker von Bewegungsmangel durch die Corona-Krise betroffen sind, wie zwei Drittel (66 Prozent) angaben.

Ergebnisse arlamierend

Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich, ergänzt dazu: „Ein Leben in Armut schädigt die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Das ist wissenschaftlich vielfach bestätigt und keine Neuigkeit. In unserer gemeinsamen Umfrage wollten wir daher genauer beleuchten, wie vielfältig diese Schädigungen sein können und wie früh sie beginnen können. Die Ergebnisse sind alarmierend und zeigen großen Handlungsbedarf.“

76 Prozent der befragten Mediziner gaben so auch an, dass es eine starke finanzielle Absicherung von Kindern und Jugendlichen brauche, um gesundheitliche Ungleichheit auszugleichen. Daraus folgert Volkshilfe-Direktor Fenninger: „Wir wissen aus unserer Forschung, dass eine Kindergrundsicherung wirkt und die gesundheitlichen Belastungen und Symptome der Kinder durch die nachhaltige finanzielle Sicherung deutlich abnehmen. Dass auch die Mehrheit der befragten Ärztinnen und Ärzte eine starke finanzielle Absicherung fordert, bestätigt unseren Weg im Kampf gegen Kinderarmut und für die Einführung einer Kindergrundsicherung in Österreich.“

WEITERLESEN:
Jedes fünfte Kind lebt in Armut
Am Monatsende kommt die Toastbrotzeit
Erich Fenninger
Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich, warnt vor „alarmierenden Ergebnisse, die großen Handlungsbedarf zeigen."
Ärztekammer für Wien_StefanSeelig
Thomas Szekeres, Präsident der Wiener und Österreichischen Ärztekammer: „Wer bei Kindern spart, spart an der Zukunft."
Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich: „Ein Leben in Armut schädigt die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen."