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Corona-Pandemie

Popper: Zahlen gehen weiter hinauf, Sättigung noch nicht da

Die Zahlen bei den Covid-19-Neuinfektionen werden in nächster Zeit noch „weiter nach oben gehen“, ist der Simulationsforscher Niki Popper überzeugt. Eine „Sättigung“ – also ein Abflachen der Kurve, weil durch durchgemachte Infektionen und Impfungen kaum mehr ansteckbare Menschen bleiben – sei vielleicht nicht weit weg. Bitter sei aber die Erkenntnis, dass es jetzt wieder Maßnahmen brauche, die man sich bei nur rund zehn Prozent mehr Geimpften sparen könnte.

red/Agenturen

Trotz der zuletzt dramatischen Fallzahlentwicklung – am Donnerstag wurden österreichweit 8.593 Neuinfektionen gemeldet – ist ein flächendeckender Lockdown für Popper aus vielen Gründen „undenkbar“. Im Endeffekt befindet sich Österreich in einem Wechselspiel, in dem die Grunddynamik durch die Delta-Variante schon nach dem Sommer relativ hoch war, sich dann noch durch den ausschleichenden günstigen saisonalen Effekt einigermaßen auf einem Plateau gehalten hat, und die nun ansteigt.

Immunisierungsrate reicht nicht aus

Bis wohin genau es gehen könnte, kann der Experte nicht sagen, denn es gibt viele Faktoren, die hier mit wirksam sind. Zuerst ist dies die Immunisierungsrate durch die Impfung oder eine durchgemachte Erkrankung. „Die Hoffnung war, dass wenn die Grunddynamik stärker wird, wir das durch die Immunisierung ausgleichen können. Jetzt sehen wir, dass das nicht der Fall ist. Das prognostizieren wir aber seit Sommer“, betonte der Wissenschafter von der Technischen Universität (TU) Wien und dem TU-Spin-off dwh, der Teil des Prognosekonsortiums ist.

Popper geht in seiner aktuellen „Modellbasierten Schätzung des Immunisierungsgrades in Österreich“ von rund 61 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, die momentan tatsächlich gegen das SARS-CoV-2- Virus immunisiert sind. Dies drücke die effektive Reproduktionszahl um 52 Prozent. Abseits der rund 50.000 aktiven Covid-19-Fälle um den 1. November könnte es zu dem Zeitpunkt noch rund 175.000 zusätzliche Infizierte gegeben haben (Dunkelziffer).

Rund 40 Prozentpunkte unter den 61 Prozent Immunisierten sind auf Impfungen zurückzuführen. Etwas mehr als zehn Prozentpunkte tragen Personen bei, die sowohl genesen als auch geimpft sind. „Etwa neun Prozentpunkte haben ihre Immunität ausschließlich aufgrund einer überstandenen Covid-Erkrankung“, schreiben die Experten des Unternehmens dwh.

Auch wenn sich dieser Anteil der durch Krankheit immunisierten Menschen zuletzt durch die steigenden Neuinfektionszahlen leicht erhöht hat, sei er noch nicht wirklich hoch, sagte Popper zur APA. Insgesamt hat sich die Anzahl der Menschen, die durch eine nachgewiesene oder nicht nachgewiesene überstandene Infektion geschützt sind, seit März und April sogar reduziert. Dieser Effekt erklärt auch die Diskrepanz von Poppers Immunitätsschätzung zur vermeintlich viel höheren Immunisierungsrate, die sich aus den aktuell etwas über 62 Prozent vollständig geimpften Österreichern und den Genesenen zusammensetzt.

Die Differenz ergibt sich u.a. durch den Abzug jener Menschen, die trotz Impfung nicht ausreichend geschützt sind, weil etwa ihr Immunsystem keine entsprechende Antwort aufgebaut hat. Auch berücksichtigt haben die Wissenschafter die Abschwächung der Immunantwort mit der Zeit.

Reproduktionszahl wird halbiert

Auf Basis aller zur Verfügung stehender Daten berechnen Popper und Kollegen auch laufend den Einfluss der Immunisierung der Bevölkerung auf die effektive Reproduktionszahl. Diese liegt aktuell über dem neuralgischen Wert von 1, was bedeutet, dass 100 Infizierte statistisch gesehen wiederum mehr als 100 weitere Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Den Modellrechnungen zufolge drückt die Immunisierungsrate die Reproduktionszahl um ungefähr 52 Prozent im Vergleich zu einer völlig ungeschützten Bevölkerung und halbiert sie somit. Die in Österreich dominante Delta-Variante, die wiederum um ungefähr 50 Prozent ansteckender als die davor kursierende Alpha-Variante ist, wirkt dem aber entgegen. „Ohne die Immunisierten wäre die Situation entsprechend schlimmer“, so Popper.

Würde aber wiederum der Anteil der Immunisierten noch etwas weiter ansteigen, könnte dies recht rasch zu einer starken Reduktion der Fallzahlen führen, weil dem Virus die jetzt noch zu reichlich vorhandenen infizierbaren Personen ausgehen. Hier brauche es vor allem noch einige zusätzliche Erst- und Zweitimpfungen. Generell sei der Effekt in der Pandemiebekämpfung, den eine möglichst umfassende Immunität in der Bevölkerung bewirken kann, weit größer als Reduktionen, die mit anderen Eindämmungsmaßnahmen erreicht werden, zeigte sich Popper überzeugt.

Das Credo „Es ist nicht vorbei“ und „Wir brauchen mehr Neugeimpfte“ hätten Experten in den vergangenen Wochen nicht umsonst wiederholt. Die Neuimpfungen seit September alleine hätten offensichtlich nicht ausgereicht, um das Fortschreiten abzufedern. „Wir sind aber nicht weit entfernt“, so der Experte.

Wirksamkeit der Einschränkungen fraglich

Als dritter Faktor kommen jetzt wieder verstärkt Eindämmungsmaßnahmen ins Spiel. Die jetzt gesetzten und in Aussicht gestellten Maßnahmen sind „zumindest in den ersten Stufen (des Planes der Bundesregierung; Anm.) nicht sehr stark“. Außerdem kommen sie spät und werden erst mit Zeitverzug wirksam. Ob der Bund und die Länder hier nun wirklich etwas bei den Neuinfektionen bewirken können, sei schwer einzuschätzen.

Relativ klar sei, dass die Effekte auf die Belegung der Intensivbetten durch Covid-19-Patienten in der nächsten Woche in Richtung 400 gehen werden. Die direkten Auswirkungen der neuen Maßnahmen auf die entscheidende Krankenhaussituation haben jedoch einen gehörigen Zeitverzug in Richtung Mitte Dezember. Popper: „Der Zug fährt jetzt.“

Zehn Prozent mehr Geimpfte könnten reichen

Irgendwann kämen dann allerdings auch Sättigungseffekte durch weitere Impfungen und die jetzt stark steigenden Genesenenzahlen dazu. „Das wird regional unterschiedlich sein“, so Popper. Besonders paradox: Gerade in jenen Gegenden, in denen die Inzidenzen aktuell besonders hoch sind, könnte sich das Blatt zuerst wenden. Große Genugtuung sollte sich dann dort aber nicht einstellen, denn der Preis für diese Strategie des Nicht-Sehens der Zusammenhänge sei hoch. „Das ist das Ärgerliche daran. Hätten wir in manchen Bereichen nur zehn Prozent mehr Geimpfte, müssten wir über all das gar nicht diskutieren“, sagte Popper.

Gesamtgesellschaftlich habe sich Österreich für eine Strategie entschieden, bei der man die Pandemie in Teilbereichen auch durchlaufen lässt – mit all den Folgewirkungen. „Jetzt müssen wir damit zurechtkommen.“ Das gelte für jene, die keine Gefährdung erkennen wollen, ebenso wie auch für jene, die sich anders verhalten. Aufpassen müsse man laut Popper, dass die verschiedenen Seiten nicht noch weiter polarisiert werden.

Viele Hoffnungen hegt der Simulationsforscher hinsichtlich der vermutlich bald kommenden Impfoptionen für Kinder unter zwölf Jahren. Denn auch in Gegenden mit einer hohen Impfrate unter der aktuell impfbaren Bevölkerung zeige sich, dass die Ansteckungen unter Menschen, die etwa wegen ihres geschwächten Immunsystems keinen ausreichenden Schutz aufbauen können, und eben jungen Menschen weiter gehen - wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau.

Drittimfpungen spielen wichtige Rolle

Letztlich sehr wichtig seien die nun auch hoffentlich bald Fahrt aufnehmenden Drittimpfungen, die dem Nachlassen der Wirksamkeit nach rund sechs Monaten wirksam entgegensteuern. Diese werden dann ihren Effekt am Beginn des neuen Jahres zeitigen. „Das Impfen muss daher die Hauptstrategie bleiben“, betonte Popper: „Man muss eben nachimpfen. Es ist das kleine Übel.“