Neue Corona-Variante aus Südafrika löst weltweit Sorgen aus

Seit dem Auftreten der Delta-Variante hat keine neue Variante des Coronavirus so große Besorgnis ausgelöst wie die nun in Südafrika neu entdeckte. Bislang ist nur wenig über die neue Variante mit der wissenschaftlichen Bezeichnung B.1.1.529 bekannt. Warum löst sie weltweit Beunruhigung aus?

red/Agenturen

Die Sorge geht einerseits auf die Erreger-Eigenschaften von B.1.1.529 zurück und andererseits auf die jüngsten Entwicklungen des Infektionsgeschehens in Südafrika. Die neue Variante weist eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Mutationen auf. Laut dem Robert-Koch-Institut wurden rund 30 Aminosäure-Änderungen im Spike-Protein festgestellt, aber auch viele Mutationen, deren Bedeutung unklar ist.

Von bislang aufgetretenen Varianten ist bekannt, dass bestimmte Mutationen zu einer höheren Übertragbarkeit und einer reduzierten Wirksamkeit der Impfstoffe führen. „Hinsichtlich der Genetik ist (die neue Variante) in der Tat etwas sehr Spezielles, das beunruhigend sein kann“, sagt Vincent Enouf vom Institut Pasteur.

Zum anderen rührt die internationale Besorgnis daher, dass die Zahl der Infektionsfälle insgesamt und der auf die neue Variante zurückzuführenden Fälle in der südafrikanischen Provinz Gauteng, wo B.1.1.529 erstmals nachgewiesen wurde, sehr rasch steigt. Dennoch warnen Wissenschaftler vor Panikmache. „Man muss vernünftig bleiben, es weiter beobachten und die Bevölkerung nicht in völlige Alarmbereitschaft versetzen“, betont Enouf.

IST SIE GEFÄHRLICHER ALS DIE DELTA-VARIANTE?

Das ist die entscheidende Frage, auf die es bislang aber noch keine Antwort gibt. Bisher dominiert die Delta-Variante das Infektionsgeschehen in den meisten Ländern, darunter auch in Deutschland.

Die in den vergangenen Monaten aufgetretenen Varianten wie Mu oder Lambda konnten Delta diesen Rang nicht ablaufen. Wissenschaftler gingen deshalb davon aus, dass die nächste besorgniserregende Variante sich aus Delta entwickeln müsste. Tatsächlich ist B.1.1.529 laut dem RKI jedoch unabhängig von der Delta-Variante entstanden.

Die Lage in Gauteng weckt Befürchtungen, dass die neue Variante Delta noch übertreffen könnte. Dies ist jedoch keineswegs sicher. „Es kann sein, dass ein Superspreader-Ereignis im Zusammenhang mit B.1.1.529 fälschlicherweise den Eindruck erweckt, dass (die neue Variante) Delta verdrängt“, zitiert die Organisation Science Media Centre die britische Expertin Sharon Peacock.

LÄSST SICH DIE AUSBREITUNG VERHINDERN?

Weniger als 24 Stunden nach Bekanntwerden der neuen Variante stellten eine ganze Reihe von Ländern den Flugverkehr mit den Staaten des südlichen Afrika ein. Aus Sicht von Enouf kam dieser Schritt „fast schon zu spät“. Damit lasse sich die Ausbreitung der neuen Virusvariante zwar verlangsamen, „aber sie wird sich niemals ganz stoppen lassen“. Tatsächlich wurden bereits die ersten Fälle in Israel, Hongkong und Belgien gemeldet.

Experten kritisieren die Einschränkungen des Flugverkehrs zudem als stigmatisierend für afrikanische Länder und warnen, dass andere Länder künftig das Auftreten neuer Varianten geheimhalten könnten. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) riet von Reisebeschränkungen wegen der neuen Coronavirus-Variante ab.

WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE IMPFSTOFFE?

Zwar liegt die Vermutung nahe, dass die neue Variante die Wirksamkeit der Vakzine beeinträchtigt, mit Sicherheit sagen lässt es sich zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht. Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich auch gegen die neue Variante schützen, insbesondere gegen schwere Krankheitsverläufe. Allerdings umgehe die neue Variante offensichtlich zumindest teilweise die Immunantwort des Körpers, erklärte er gegenüber dem ZDF.

Deutlich skeptischer äußerte sich der Epidemiologe Timo Ulrichs. Die deutlich stärkeren Veränderungen im Vergleich zum ursprünglichen Virus als bei der Delta-Variante „könnten das Potential haben, die bestehende Immunisierung der bisher verwendeten Impfstoffe zu umgehen“, sagte er dem Portal watson.de.

Biontech hat bereits eine Prüfung seines Vakzins eingeleitet und will es gegebenenfalls anpassen. Erste Ergebnisse sollen nach Angaben des Mainzer Pharmaunternehmens in spätestens zwei Wochen vorliegen.

Weltkugel Pandemie MNS
55 Millionen Corona-Impfdosen habe die EU laut Oxfam entsorgt, aber erst 30 Millionen seien an Afrika gespendet worden, beklagte Petra Bayr (SPÖ).
Pexels