Zerebralparese: Grazer Forscher untersuchen Wirkung von „Stretching“

Rund eines von 500 Kindern in Österreich lebt mit einer Zerebralparese. Für diese Bewegungsbehinderung mit neurologischen Ursachen, die oftmals spastische Lähmungen und Entwicklung von Deformitäten zur Folge hat, gibt es noch keine Standardtherapie. Wie sich Dehntrainingsprogramme auf die Mobilität der Kinder auswirken, erforscht Annika Kruse am Grazer Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit in einem Hertha-Firnberg-Projekt des Wissenschaftsfonds FWF.

red/Agenturen

In der Schwangerschaft, bei oder nach der Geburt kann durch genetische Defekte oder Verletzungen eine Schädigung des sich entwickelnden zentralen Nervensystems verursacht werden, die schließlich zur sogenannten zerebralen Kinderlähmung (Zerebralparese) führen. Entdeckt wird diese Art der motorischen Störung meist, wenn die Kinder Schwierigkeiten beim Aufstehen oder Gehen haben, wurde am Montag in einer Aussendung des FWF festgehalten.

Wenn jener Teil des Gehirns geschädigt ist, der Bewegung und Muskeltonus steuert, wird die Bewegung der Kinder meist durch die Spastik - die erhöhte Eigenspannung der Muskulatur - sowie Veränderungen des Muskel-Skelettsystems beeinträchtigt. „Die betroffenen Muskeln wachsen schon ab dem Babyalter nicht mehr mit dem Knochen mit. Deswegen wäre es gut, früh mit der richtigen Begleittherapie einzugreifen“, schilderte Annika Kruse von der Universität Graz gegenüber der APA die Herausforderungen.

Dehntraining verbreitetste Therapie

Um Operationen, beziehungsweise Botulinum-Toxin-Behandlungen zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern, ist ein Dehntraining, bei dem der Muskel-Sehnen-Apparat passiv gedehnt wird, eine verbreitete Therapie. Ob regelmäßiges Training der Verkürzung von Muskeln und der Entwicklung möglicher Deformitäten tatsächlich vorbeugen kann, wurde jedoch noch nicht ausreichend untersucht, wie Sportwissenschafterin Kruse erklärte.

Die Hertha-Firnberg-Stipendiatin misst und bewertet mit Unterstützung ihres Forscherkollegen Markus Tilp und des Kinderorthopäden Martin Svehlik von der Medizinischen Universität Graz die Effekte mehrerer Dehnmethoden auf die Wadenmuskulatur der jungen Patientinnen und Patienten. Zur Datenerhebung werden eine Kombination von Ultraschall und 3D-Ultraschall zur Muskelvermessung sowie instrumentelle Spastizitätsmessung verwendet. Das Gangbild wird mit Hilfe von Infrarot-Kameras und Kraftmessplatten getestet.

Studie soll Effekte sichtbar machen

Für die Studie untersuchte das Grazer Team Kinder zwischen sechs und 15 Jahren, die selbstständig oder zumindest kurze Strecken mit Gehhilfen gehen können. Zuerst wurden Basiswerte erhoben: Die Dehnung wurde in einer einmaligen Sitzung durchgeführt und unmittelbar darauf mögliche Kurzzeiteffekte gemessen. Eine andere Gruppe absolvierte zuhause mit Unterstützung der Eltern ein achtwöchiges Dehnungsübungen-Programm mit viermaligen Übungseinheiten pro Woche.

Die Messergebnisse zu den kurzfristigen Effekten der einmaligen Dehneinheit liegen bereits vor: Sie würden darauf deuten, dass eine einmalige Dehnung den verkürzten Muskel gar nicht erreicht, wie Kruse gegenüber der APA berichtete. Es zeigte sich vielmehr, dass in der spastischen Muskel-Sehnen-Einheit eher die Sehne gedehnt wird. „Die vergrößerte Beweglichkeit im Gelenk, die wir gefunden haben, wird folglich über die Sehne bewirkt“, so die Forscherin, die sich schon in ihrer Dissertation mit der Veränderung der morphologischen und mechanischen Eigenschaften der Muskulatur von Kindern mit spastischer Zerebralparese beschäftigt hat.

Langfristig könnte sich eine Dehnung der Sehne sogar negativ auf das Verhältnis zwischen Muskel und Sehne auswirken, wodurch die spastischen Muskeln noch schwächer werden könnten. „Nun sind wir natürlich neugierig, welchen Einfluss die längerfristigen Interventionen auf den Muskel haben“, sagte Kruse. Die weiteren Daten des mehrwöchigen Trainings will man im Februar 2022 präsentieren.