Lauterbach: Booster-Impfung „unfassbar wertvoll“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat zu Booster-Impfungen aufgerufen, auch wenn die aktuell verfügbaren Impfstoffe noch nicht auf die Omikron-Variante ausgerichtet sind. Geboosterte hätten mit den jetzigen Impfstoffen bereits einen Schutz von 75 Prozent. Entsprechend Geimpfte, die sich infizieren, erkrankten in der Regel nicht schwer. „Somit ist die Booster-Impfung unfassbar wertvoll“, betonte Lauterbach. Sie könne die Delta-Welle brechen und eine Omikron-Welle abwenden.

red/Agenturen

Lauterbach rechnet damit, dass ab April/Mai Anti-Omikron-Impfstoffe verfügbar sind. Wenn die Delta-Welle bis dahin gebrochen werden und mit dem Boostern eine Omikron-Welle abgewendet werden könne, „kommen wir ganz gut durch“. Auf die Frage, ob später eine vierte Impfung nötig sein könnte, sagte der Minister am Sonntag in der ARD-Sendung „Anne Will“, es gebe bislang keine Studie mit Anhaltspunkten dafür.

Lauterbach warb zugleich für ein Ende der Corona-Testpflicht für Geboosterte. Den Vorschlag wolle er der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) unterbreiten. Der Schutz für diese Gruppe sei um ein Vielfaches höher. Derart Geimpfte noch zum Testen zu schicken, sei medizinisch nicht sinnvoll. Zudem könne ein Ende der Testpflicht ein Anreiz sein, sich die Boosterimpfung verabreichen zu lassen. Die Gesundheitsministerkonferenz berät am Dienstag darüber.

Pläne für allgemeine Impfpflicht

Ebenfalls am Dienstag soll ein neues Expertengremium erstmals zusammenkommen, das die wissenschaftliche Beratung der Bundesregierung auf eine breitere Basis stellen soll. Lauterbach betonte, der Kreis sei ausgewogen besetzt. Die Ergebnisse sollten verbindlicher und transparenter in die Politik einfließen.

Der Gesundheitsminister verteidigte zugleich Pläne für eine allgemeine Impfpflicht. Bei den alten Virusvarianten wäre man ohne ausgekommen, aber schon mit der ansteckenderen Delta-Variante wahrscheinlich nicht mehr. „Mit der Omikron-Variante ist das erst recht so“.

Intensivmediziner fordert wieder stärkeren Blick auf Inzidenzwerte

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis hat wegen der Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus wieder einen stärkeren Blick auf die Inzidenzwerte gefordert. „Die Inzidenz war und ist der maßgebliche Frühindikator“, sagte Karagiannidis, der dem Corona-Expertenbeirat der Bundesregierung angehört, der „Augsburger Allgemeinen“ (Montag).

Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche, war lange der Richtwert für politische Maßnahmen in der Corona-Pandemie. Inzwischen wird stärker auf die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz geschaut. Der Wert gibt an, wieviele Menschen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus liegen.

Intensivbelegung in den Fokus stellen

„Eine ohne Meldeverzögerung erhobene Hospitalisierungsrate und Intensivbelegung mit Covid-19 sind wichtige zusätzliche Faktoren“, sagte Karagiannidis. „Aber die Grenzwerte können oder werden für Omikron andere werden.“ Der Mediziner leitet das von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) geführte Register der Intensivkapazitäten in Deutschland.

Bei der Hospitalisierungsrate wird häufig kritisiert, dass sie zu spät anschlage. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek verteidigte den neuen Richtwert und führte im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“ die veränderten Rahmenbedingungen der Pandemie an: Der Inzidenzwert sei „nicht mehr so aussagekräftig wie zu Zeiten, als nur wenige Menschen geimpft waren“. Er stehe deshalb nicht mehr im Mittelpunkt der politischen Entscheidungen, wichtig sei die Belegung der Intensivbetten.

Vierter Piks ab Sommer?

Die lange stockende Corona-Impfkampagne nimmt allmählich Tempo auf, doch es zeichnet sich bereits ab, dass auch die derzeitigen Auffrischungsimpfungen nicht die letzten sein werden. „Wir rechnen damit, dass im Sommer, spätestens im Herbst eine vierte Impfung nötig sein wird“, sagte Hausärzteverband-Chefs Ulrich Weigeldt der „Bild“-Zeitung (Samstag). Er hoffe darauf, dass die vierte Corona-Impfung dann „schon in Verbindung mit der Grippe-Impfung“ verabreicht werden könne, „um den Schutz vor Corona in eine Routine zu überführen“.

Nötig werden könnte das auch wegen der neuen Virusvariante Omikron, die womöglich noch ansteckender ist als die derzeit dominierende hochinfektiöse Delta-Variante. Die Hersteller Biontech/Pfizer wollen bis März - unter Vorbehalt der behördlichen Genehmigung - einen an Omikron angepassten Impfstoff bereitstellen. Sie gehen aber davon aus, dass auch ihr derzeitig verwendeter Impfstoff weiterhin vor einer schweren Erkrankung schützt - allerdings auch davon, dass angesichts von Omikron zwei Dosen keine vollständige Impfung mehr sind.

Druck für frühere Corona-Auffrischimpfung

Experten erwarten eine sehr schnelle Ausbreitung der Omikron-Variante. „Wir rechnen damit, dass diese Mutation Anfang nächsten Jahres langsam die dominante Variante wird“, sagte der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi, Gernot Marx, der „Passauer Neuen Presse“ (Samstag). Sein Kollege Christian Karagiannidis hatte bereits von Ende Januar gesprochen.

Angesichts dessen drängen Fachleute wie der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Bernd Salzberger, auf eine Verkürzung des Abstands zwischen zweiter und dritter Impfung. Die Ständige Impfkommission empfiehlt im Regelfall bisher sechs Monate, je nach Bundesland ist es auch schon früher möglich. Eine raschere Auffrischimpfung könne die Ausbreitung sowohl der Delta- wie auch der Omikron-Variante beeinflussen, „das zeigen die Erfahrungen aus Israel sehr eindrücklich“, sagte Salzberger den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Nachbesserungen am Infektionsschutzgesetz gefordert

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen, der selbst Arzt ist, sagte der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Samstag): „Wir müssen nun in den Modus einer vorausschauenden Pandemiepolitik kommen. Die Folgen von Omikron spüren wir noch nicht morgen, aber schon heute müssen wir uns dagegen wappnen. Das Boostern ist wirksam und entscheidend, wie die aktuellen Daten zeigen. Wir werden auch den Zeitpunkt der Booster-Impfungen vorziehen müssen.“

Die am Freitag von Bundestag und Bundesrat beschlossenen Nachbesserungen am Infektionsschutzgesetz der Ampel-Regierung hält der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Nordrhein-Westfalen Regierungschef Hendrik Wüst (CDU), immer noch für unzureichend. „Wir hätten uns mehr gewünscht - gerade wegen der Omikron-Variante“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Wenn uns die deutlich infektiösere Omikron-Variante weiter fordert, kann es sich als Fehler erweisen, dass durch den Bund eine Reihe von Maßnahmen von vornherein ausgeschlossen sind, die bis November noch möglich waren.“ Dazu gehöre notfalls die Untersagung nicht notwendiger Reisen in Deutschland, vor allem in Regionen mit extrem vielen Infektionen.

Zu den beschlossenen Regelungen gehört eine Testpflicht für Beschäftigte etwa in Kliniken, Pflegeheimen und Arztpraxen. Die Schließung der Gastronomie wird nun wieder ausdrücklich möglich, auch die Untersagung bestimmter Großveranstaltungen.

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