Blutarmut - EPO bekommt Konkurrenz

Bei der immer größer werdenden Zahl von Menschen mit Krankheiten wie Diabetes und/oder Bluthochdruck steigt weltweit die Zahl von Patienten mit chronischen Nierenschäden. Die Folge davon ist Blutarmut (Anämie) als zusätzliche Komplikation. Bisher stand zur Behandlung vor allem der auch aus Doping-Affären bekannte injizierbare Blutwachstumsfaktor Erythropoetin zur Verfügung. EPO dürfte aber jetzt Konkurrenz bekommen: die Substanz Daprodustat mit oraler Einnahme.

red/Agenturen

„Die Anämie ist die häufige Komplikation einer chronischen Nierenerkrankung (CKD). Studien, in denen Erythropoiese-stimulierende Mittel (das Wachstum von roten Blutkörperchen anregende Mittel; Anm.) als häufig verwendete Medikamente zur Normalisierung der Hämoglobin-Konzentrationen untersucht worden sind, (...) zeigten ein erhöhtes Risiko für akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen, venöse Thromboembolien oder Tod“, schrieb vor kurzem ein Autorenteam unter Ajay Singh (Brigham and Women's Hospital/Boston) im New England Journal of Medicine. Außerdem sei die erforderliche regelmäßige Injektion solcher Medikamente unangenehm.

EPO stellt einen natürlichen Blutwachstumsfaktor dar. Das Hormon wird bei Sauerstoffarmut vermehrt in der Niere und in der Leber produziert und fördert die Entwicklung von roten Blutkörperchen im Knochenmark. Bei chronisch Nierenkranken funktioniert das nicht. Als Medikament wurde schließlich rekombinant hergestelltes Erythropoetin zum Injizieren entwickelt. Länger wirksam sind Abwandlungen von EPO, zum Beispiel Darbepoetin alpha. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde EPO vor allem als Dopingmittel - inklusive mancher schweren Zwischenfälle bei der Anwendung.

EPO-Alternative Daprodustat

In den vergangenen Jahren wurde jedoch eine EPO-Alternative entwickelt. Es handelt sich dabei um den Wirkstoff Daprodustat. Er ist ein sogenannter HIF-Stabilisator. Die Substanz erhöht die körpereigene Produktion von Erythropoetin und führt so auf einem Umweg zur stärkeren Bildung und Freisetzung von roten Blutkörperchen. Der Vorteil: Es handelt sich bei dem Wirkstoff um eine Substanz, die in Tablettenform eingenommen werden kann.

In zwei Wirksamkeitsstudien, die vor kurzem im New England Journal of Medicine erschienen sind, wurden Effekt und Verträglichkeit von Daprodustat bei Patienten mit Blutarmut (mit oder ohne erforderliche Dialyse) mit jener von Darbepoetin alpha verglichen. In der Untersuchung mit Nierenpatienten, aber noch keiner Notwendigkeit von „Blutwäsche“ (Dialyse), betrug der Hämoglobin-Level acht bis zehn Gramm pro Deziliter. Der Normalwert des Hämoglobins ist von Geschlecht und Alter des Patienten abhängig. Bei gesunden Männern beträgt er zwischen 14 und 18 Gramm pro Deziliter, bei Frauen zwischen zwölf und 16 Gramm pro Deziliter. Bei medikamentöser Behandlung wegen Blutarmut wird etwa ein Wert zwischen zehn und zwölf Gramm pro Deziliter angestrebt. Eine Anämie hat oft dramatisch negative Auswirkungen auf die körperliche Leistungsfähigkeit und auch auf die Psyche.

Ähnliche Wirksamkeit und verbotenes Dopingmittel

Aufgenommen wurden in diese Studie 3.872 Patienten. Je die Hälfte den neuen Wirkstoff oder Darbepoetin. Die Dosierung erfolgte jeweils nach Notwendigkeit aufgrund der Schwere der vorliegenden Blutarmut. Bei dem EPO-Präparat spielt auch das Körpergewicht eine Rolle.

Die Ergebnisse: Über ein Jahr hinweg konnte mit Daprodustat eine Erhöhung des Hämoglobinwerts im Blut um 0,74 Gramm pro Deziliter erzielt werden. Unter Behandlung mit Darbepoetin betrug die Steigerung 0,66 Gramm pro Deziliter. Innerhalb der mittleren Nachbeobachtungszeit von 1,9 Jahren traten bei etwas mehr als 19 Prozent der Patienten in beiden Gruppen Komplikationen auf. Die Häufigkeit war damit ähnlich hoch.

Laut den Autoren ist das neue Medikament - in Japan bereits offiziell zugelassen - damit ähnlich wirksam und verträglich wie die älteren Medikamente. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kamen Ajay Singh und Co-Autoren in einer zweiten, fast 3.000 Dialysepatienten mit Blutarmut umfassenden Wirksamkeitsstudie. Sie ist zeitgleich im New England Journal of Medicine erschienen. Auch in dieser Untersuchung waren Effekt auf die Anämie und Nebenwirkungsraten in den beiden Gruppen (Daprodustat oder Darbepoetin) faktisch gleich. Daprodustat findet sich übrigens bereits auf der Liste der verbotenen Dopingmittel im Sport.