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Erneut sinkende Zahlen in Deutschland, aber 473 weitere Tote

Zehn Tage vor Heiligabend stehen mit Blick auf Corona die Zeichen zumindest etwas auf Entspannung. Offenbar stecken sich in Deutschland inzwischen wieder weniger Menschen mit dem Virus an. Doch zum Durchatmen bleibt wohl kaum Zeit – der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erwartet eine Stellungnahme des neuen Corona-Expertenrats zur neuen Virusvariante Omikron noch vor Weihnachten. Zudem verteidigt er das Ende der Testpflicht für Geboosterte.

red/Agenturen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet eine sich leicht entspannende Corona-Lage in Deutschland: Binnen 24 Stunden wurden 30.823 Neuinfektionen registriert. Das sind 5.236 Fälle weniger als am Dienstag vor einer Woche, als 36.059 Positiv-Tests gemeldet wurden. Die Sieben-Tage-Inzidenz sank erneut auf 375 von 389,2 am Vortag. Der Wert gibt an, wie viele Menschen je 100.000 Einwohner sich in den vergangenen sieben Tagen mit dem Coronavirus angesteckt haben.

473 weitere Menschen starben allerdings in Zusammenhang mit dem Virus. Damit erhöht sich die Zahl der gemeldeten Todesfälle binnen eines Tages auf 106.227. Die Zahl der aktiven Corona-Fälle in Deutschland ging laut RKI auf 958.900 zurück. Die Zahl der Corona-Intensiv-Patienten in Krankenhäusern lag am Montag bei 4.895.

Unter den deutschen Bundesländern gibt es kein Land mehr mit einer Inzidenz über 1.000. Thüringen verzeichnet mit 984,1 den höchsten Wert, dann folgt Sachsen mit 916,9. Dahinter liegen Sachsen-Anhalt mit einer Inzidenz von 816,7 und Brandenburg mit 642,6. Den niedrigsten Wert gibt es weiter in Schleswig-Holstein mit 160,4. Das neue Corona-Expertengremium der deutschen Bundesregierung berät heute erstmals. Dabei geht es unter anderem um die Einschätzung, wie gefährlich die neue Virus-Variante Omikron sein kann und ob eine fünfte Welle droht.

Lauterbach erwartet Expertenratschlag zu Omikron vor Weihnachten

Der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erwartet eine Stellungnahme des neuen Corona-Expertenrats zur neuen Virusvariante Omikron noch vor Weihnachten. „Das wird die Grundlage wichtiger Entscheidungen sein, die wir im Bezug auf Omikron zu treffen haben“, sagte Lauterbach nach der ersten Beratung des Gremiums am Dienstag in Berlin. Das Gremium werde sich voraussichtlich schon am Freitag erneut zusammenfinden, um über das Thema Omikron zu beraten.

In dem von der neuen deutschen Regierung eingesetzten Expertenrat sind unter anderem Wissenschafterinnen und Wissenschafter, Kinderärzte sowie Bildungsforscher versammelt. Die Virusvariante Omikron bereitet Politik und Wissenschaft weltweit Sorgen wegen ihrer besonders schnellen Ausbreitung.

Mit Blick auf mögliche weitere Einschränkungen an den Festtagen hatte der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag gesagt, man wolle zunächst wissenschaftliche Expertise einholen und schauen, ob die Maßnahmen ausreichten. Notfalls würden kurzfristig auch weitere Entscheidungen auf die Tagesordnung kommen. An der Auftaktsitzung des Expertenrats nahmen seitens der Regierung laut Lauterbach er selbst, Scholz und Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt teil.

Lauterbach verteidigt Ende der Testpflicht für Geboosterte

Lauterbach verteidigte seinen Vorstoß, dass für Menschen mit Auffrischungsimpfung bei Zugangsregeln nach dem Modell 2G plus der vorgesehene zusätzliche Test entfallen kann. Dann müssten Geimpfte und Genesene mit Boosterimpfung sich vor dem Zutritt zu einer 2G-plus-Räumlichkeit nicht mehr vorher testen lassen.

„Der Verzicht auf die Testung von Geboosterten macht epidemiologisch Sinn“, sagte Lauterbach. Mit Auffrischungsimpfung habe man nur noch ein geringes Risiko, sich zu infizieren, und ein noch geringeres Risiko, sich so zu infizieren, dass man für andere ansteckend sei. „Somit ist das ein hohes Sicherheitsniveau.“ Für medizinische Einrichtungen sei das Restrisiko aber nicht zu tragen - also solle eine solche Befreiung von der Testpflicht nicht für Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser gelten. Der Vorteil einer Befreiung sei, dass die Booster-Impfung dann noch attraktiver werde als ohnehin schon.

Deutsche Amtsärzte warnen vor übereiltem Ende

Die deutschen Amtsärzte warnen vor einem übereilten Ende der Testpflicht für dreifach Geimpfte. „Es ist verfrüht, Menschen mit Booster-Impfung von der Testpflicht zu befreien“, sagt die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD), Ute Teichert, der Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Omikron-Variante sei auf dem Vormarsch, man wisse aber noch nicht genau, wie gut die Booster-Impfungen dagegenwirkten.

„Solange wir nicht genügend Daten haben, um dies sicher sagen zu können, sollten wir keine voreiligen Schritte gehen“ und „bewährte Instrumente wie die Schnelltests aus der Hand geben“. Je breiter man teste, desto besser könne man Infektionen entdecken und Infektionsketten nachverfolgen, sagte Teichert. Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnt vor dem Schritt. Vor Weihnachten politische Geschenke zu machen, das werde im Jänner abgestraft.

Sinkende Zahlen wegen überlasteter Gesundheitsämter

Die offiziell vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Infektionszahlen sind in den vergangenen zwei Wochen deutlich gesunken. Zu Beginn dieses Rückgangs gab es aber Hinweise darauf, dass die Entwicklung eher an überlasteten Gesundheitsämtern und Laboren lag als an einer tatsächlichen Entspannung der Lage.

Es sei nach wie vor schwierig zu beurteilen, ob es einen echten Rückgang bei den Neuinfektionen gebe oder ob die Werte weiterhin stark von einer Untererfassung der nachgewiesenen Infektionen geprägt seien, sagte Teichert. „Vermutlich ist beides der Fall.“ Die Belastung der Gesundheitsämter sei nach wie vor flächendeckend hoch - auch in den Bundesländern mit vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen. Teichert weist darauf hin, dass lange Zeit eine Inzidenz von 50 als Obergrenze für die Belastbarkeit der Gesundheitsämter galt. Aktuell liegen selbst Bundesländer mit vergleichsweise niedrigen Inzidenzen bei einem Wert von weit über 100.

So interpretieren Experten die aktuellen Zahlen

Der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig geht von einer tatsächlichen Entspannung der Lage aus. Sein Kollege Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen spricht von einer „erfreulichen Entwicklung, auch wenn Unsicherheiten bestehen“. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach schrieb am Montag auf Twitter: „Die Lage stabilisiert sich langsam, und der Rückgang der Fallzahlen ist echt.“

„Das liegt hauptsächlich an Fortschritten beim Impfen und an 2G“, sagt HZI-Forscher Krause. 2G-Regeln seien einerseits ein Anreiz für Ungeimpfte, sich immunisieren zu lassen. Andererseits kämen durch diese Regel nicht-immunisierte Menschen seltener mit dem Virus in Kontakt. Mittlerweile sind in Deutschland Ungeimpfte aufgrund von 2G-Regeln von vielen Bereichen ausgeschlossen. Zudem wurden zum Teil Weihnachtsmärkte verboten, Kneipen und Clubs geschlossen. Im schwer getroffenen Sachsen gelten rigide Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte. Zeeb weist noch auf einen anderen Punkt hin. Es sei in der Vergangenheit öfter zu sehen gewesen, dass schon vorab Menschen ihr Verhalten wieder vorsichtiger gestaltet haben. „Das könnte nun auch zu dieser Entwicklung noch vor Weihnachten beitragen.“

Nicht nur die Zahl der nachgewiesenen Infektionen sinkt. Auch die bundesweite Zahl erwachsener Corona-Patienten auf Intensivstation hat sich in den vergangenen Tagen bei knapp 5000 stabilisiert. Noch ist es aber laut Intensivmedizinervereinigung DIVI zu früh, um diese Entwicklung zu beurteilen. „Dazu können wir jetzt und aktuell noch keinerlei valide Aussagen treffen“, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Auch die allgemeine Zahl an Klinikeinweisungen von Corona-Infizierten stieg laut RKI-Zahlen zuletzt nicht weiter.

Omikron-Alarm

Die erfreuliche Entwicklung könnte ohnehin von kurzer Dauer sein. Die neue Corona-Variante Omikron habe bislang noch nicht nennenswert in Deutschland Fuß gefasst, sagt HZI-Forscher Krause. Er geht aber mit Blick auf andere Ländern davon aus, dass sich das bald ändert. „Ich befürchte, dass Omikron in spätestens zwei bis drei Wochen wieder zu einem Anstieg bei den Infektionszahlen führt, vermutlich auch bei den Klinikeinweisungen.“

Experte Zeeb schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Es bleibt abzuwarten, wie sich Omikron auswirkt.“ Noch seien die absoluten bekannten Fallzahlen sehr klein. „Das kann sich aber schnell ändern.“ Omikron hat den bisher vorliegenden Daten nach eine deutlich höhere Übertragungsrate als die zuvor dominierende Delta-Variante - wahrscheinlich, weil sie stärker auch Genesene und Geimpfte infiziert. Zur Schwere der Erkrankungen durch Omikron gibt es laut RKI noch keine gesicherten Erkenntnisse.

Worauf es nun ankommt

Um Deutschland gegen Omikron zu wappnen, sollten sich so viele Menschen wie möglich impfen und boostern lassen, sagt Krause. „Eine hohe Immunität senkt einerseits das Risiko, sich anzustecken und schwer zu erkranken, andererseits aber auch die Wahrscheinlichkeit, das Virus weiterzugeben.“ Zudem plädiert Krause dafür, die aktuell geltenden Maßnahmen umfassender umzusetzen, statt diese in zu kurzfristigen Intervallen anzupassen oder zu hinterfragen. „Das ist wichtig für die Akzeptanz.“ Die sich aktuell abzeichnende Entspannung sollte nicht zur voreiligen Aufhebung von Maßnahmen verleiten. „Es sollten jetzt rigoros und lückenlos die 2G-Regeln längerfristig durchgesetzt werden, bis dass wir erkennen können, welche Anpassungen durch Omikron nötig werden“, sagt Krause. Epidemiologe Zeeb betont, dass die bewährten Maßnahmen - „Boostern, Kontaktreduzierung, Masken etc.“ - auch gegen Omikron das Richtige seien.

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Die vierte Corona-Welle scheint zumindest etwas abzuklingen. Doch Omikron könnte die Entwicklung schon bald wieder umkehren.
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