Rechenmodell aus Tirol soll Langzeitfolgen-Risiko einschätzen

Ein Forscherteam der Medizinischen Universität Innsbruck hat im Rahmen einer Langzeitstudie, in der die Regeneration nach einer akuten Covid-Erkrankung untersucht worden war, ein Rechenmodell zur Risiko-Einschätzung für Langzeitfolgen entwickelt. Als wichtigste Parameter für länger andauernde Lungenschäden stellten sich hohe Entzündungswerte heraus, sagte Erstautor Thomas Sonnweber. Insgesamt wurden 145 Menschen mit unterschiedlichen Verläufen untersucht.

red/Agenturen

Die Studie hatte eine Laufzeit von einem Jahr, in dem die Probanden - die während der ersten Corona-Welle mit der Alpha-Variante infiziert waren - vier Mal untersucht wurden. 60 Tage nach ihrer Infektion wurden sie einem ersten Check unterzogen, um abzuschätzen, ob es längerfristige Veränderungen der Lunge geben wird. Sollte sich, nachdem die Werte der Patient:innen durch den Rechner geschickt wurden, herausstellen, dass mit längerfristigen Schäden die Lunge betreffend zu rechnen ist, könne man frühzeitig mit einer engmaschigen Kontrolle und Therapie beginnen. Rund 50 Parameter können in das System, das mittlerweile auch als App verfügbar ist, eingegeben werden. Das Rechenmodell wurde in Zusammenarbeit mit einem klinik-externen IT- und Statistikunternehmen erarbeitet.

Sonnweber und sein Team konnten beobachten, dass nach einem halben Jahr noch 50 Prozent der Untersuchten eine „anhaltende Symptomatik wie Müdigkeit und Atembeschwerden“ aufweisen würden. Allerdings mussten drei Viertel dieser Patient:innen wegen eines schweren Verlaufs im Krankenhaus behandelt werden - man könne also keineswegs allgemein behaupten, dass die Hälfte aller Infizierten an Langzeitfolgen leiden. Je nach Schwere der Erkrankung könne nach sechs Monaten aber bei ehemaligen Intensivpatienten noch bei drei Viertel der Betroffenen Lungenveränderungen mittels Computertomographie festgestellt werden. Bei der Gruppe, die den mildesten Krankheitsverlauf hatte, waren es 20 Prozent, berichtete Sonnweber.

Es habe sich gezeigt, dass jene Menschen, die nach einer überschießenden Immunreaktion länger brauchen, um das Immunsystem wieder zur Ruhe zu bringen, anfälliger für lang anhaltende Krankheitsfolgen sind. Dennoch räumte Sonnweber ein: „Die klinischen Langzeitbeschwerden wie Müdigkeit und Atemnot lassen sich anhand des Rechenmodells nur bedingt vorhersagen“. Es gebe einen Zusammenhang zwischen der Schwere der Symptome und Lungenveränderungen, der aber keineswegs „zwingend“ auftreten müsse, erklärte der Pneumologe. „Grundsätzlich ist es so, dass ehemalige Intensivpatienten im Langzeitverlauf schwerere Lungenveränderungen zeigen. Aber auch in dieser Gruppe war ein guter Erholungsprozess zu verzeichnen, der allerdings bei den meisten Patient:innen auch sechs Monate nach Erkrankungsbeginn noch nicht abgeschlossen war“, resümierte Sonnweber.

Die App sei derzeit für jeden online verfügbar. Dennoch werde es nur bei bestimmten Covid-19 Patient:innen sinnvoll sein, das Risiko für Langzeitfolgen damit zu erheben. Nach der Veröffentlichung der Studie am Dienstag im Online-Journal „eLife“ werde man sehen, wie die Neuerung von der Fachkollegenschaft aufgenommen werde. In einer folgenden Studie werde man die Daten nach dem Beobachtungszeitraum von einem Jahr veröffentlichen.

Um einer breiten, interessierten Öffentlichkeit Zugang zu Studienergebnissen zu verschaffen, startet die Medizinische Universität Innsbruck eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Wissen/schafft Gesundheit“. Den Auftakt macht am 9. März die Pneumologin Judith Löffler-Ragg, die ebenfalls an der Langzeitstudie gemeinsam mit Sonnweber gearbeitet hat. Sie hält einen Vortrag zum Thema „Long Covid - Was wir schon wissen“.