Nachruf

Sozialpsychologe Herbert C. Kelman 94-jährig gestorben

Der Sozialpsychologe und Konfliktforscher Herbert C. Kelman ist gestern, Dienstag, kurz vor seinem 95. Geburtstag (18. März) in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) gestorben. Das teilte das Herbert C Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation in Wien am Mittwoch mit. Kelman wurde in Wien geboren und musste mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen. Der Harvard-Professor vermittelte in den 1970er und 1980er-Jahren im Nahost-Konflikt.

red/Agenturen

Herbert Chanoch Kelman wurde am 18. März 1927 in Wien geboren. Die Familie musste vor der antisemitischen Verfolgung der Nazis 1939 Österreich verlassen und floh über Belgien in die USA. Er studierte Psychologie und schloss sein Studium 1951 mit dem PhD und dem Schwerpunkt Sozialpsychologie an der Yale University ab. Ergänzend absolvierte er Ausbildungen in Psychotherapie und Psychoanalyse.

Pionier in der Lösung internationaler Konflikte

Nach Stationen an der Johns Hopkins University und der University of Michigan wurde er 1968 als Professor für Sozialethik an das Department of Psychology der Harvard University berufen - eine Position, die er bis zu seiner Emeritierung 2004 innehatte. Zwischen 1993 und 2003 leitete er das „Program on International Conflict Analysis and Resolution“ am Weatherhead Zentrum für Internationale Beziehungen in Harvard. Im Laufe seiner Karriere hatte er zahlreichen Gastprofessuren in den USA, darunter auch an der Wirtschaftsuniversität Wien und am Österreichischen Institut für Internationale Politik.

Kelman gilt als Pionier in der Entwicklung informeller Ansätze zur Lösung internationaler Konflikte. Das 2005 gegründete, 2011 nach ihm benannte „Herbert C. Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation“ (HKI) mit Sitz in Wien bezeichnete in einem Nachruf die Methode des „interaktiven Problemlösens“ als seine größte wissenschaftliche und politische Leistung. Dazu habe auch die Frau des Psychologen, Rose, wichtige Beiträge geliefert. Schlüsselpersonen dieser Methode sind Akteure aus der zweiten Reihe der Konfliktparteien, die kreative neue Lösungsperspektiven erarbeiten.

Maßgeblicher Beitrag zu Oslo-Verträgen

Kelman hat dieses Verfahren in den 1970er und 1980er-Jahren im Nahost-Konflikt eingesetzt und mehr als 50 Interaktive Problemlösungs-Workshops mit hochrangigen und einflussreichen Vertreterinnen und Vertretern der israelischen und palästinensischen Seite organisiert. Anfang der 1980er-Jahre hat er PLO-Chef Jassir Arafat mehrfach besucht und dessen Politikfähigkeit hervorgehoben. „Viele sagen, dass ohne die Arbeit Kelmans der zu den Oslo-Verträgen (eine Reihe von Abkommen zwischen der PLO und Israel zur Lösung des Nahostkonflikts, Anm.) führende Friedensprozess nicht hätte stattfinden können, wenn sich die palästinensischen und israelischen Protagonisten nicht die Jahre vorher in seinen Workshops getroffen und Vertrauen aufgebaut hätten. Insofern hat Kelman ein Stück Weltgeschichte mitgeschrieben“, so HKI-Mitgründerin Gudrun Kramer gegenüber der APA.

Der Sozialpsychologe habe sich auch früh in der amerikanischen Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung engagiert und gelte heute als „ein Begründer der modernen Friedensforschung“, heißt es im Nachruf. Er habe Zeit seines Lebens den formenden Einfluss der jüdischen Kultur, der hebräischen und jiddischen Sprache, geschätzt und - auch wenn er den Großteil seines Lebens in Cambridge gelebt hat, „Wien und Jerusalem als die seine Heimat empfunden“, so Kramer. Auch im Film „Exile & Excellence. The Class of '38“ von Frederick Baker, den die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum Gedenkjahr 2018 produzieren ließ, kam er als einer von 16 in ihrer Jugend aus Österreich vertriebenen Wissenschafter zu Wort und meinte „Österreich ist ein Teil von mir, warum soll ich das weggeben. Das gehört mir.“

Kelman hat eine Reihe von Monographien sowie zahlreiche Fachartikel veröffentlicht und wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse (1998), der Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold (2012) und dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2016).


Weitere Informationen unter:
https://www.kelmaninstitute.org
https://scholar.harvard.edu/hckelman/home