Ukraine-Krieg

Medizinische Abklärung von Flüchtlingen rückt in den Fokus

Die Ankunft Kriegsvertriebener bringt nicht nur eine logistische Herausforderung mit sich, sondern auch neue Aufgaben in gesundheitlicher Hinsicht – noch dazu in der nicht überstandenen Corona-Pandemie. Der Europa-Direktor für gesundheitliche Notlagen der WHO, der Steirer Gerald Rockenschaub, verwies in der „Kronen Zeitung“ etwa auf einen Ausbruch von Kinderlähmung (Polio) im Westen der Ukraine. In den Bundesländern setzt man auf Gesundheitschecks und Covid-Tests.

red/Agenturen

Während die Krankheit in Europa aufgrund der Impfung eigentlich als ausgerottet gilt, hat man in der Ukraine – bei einer geringeren Impfrate – immer wieder mit Polio-Ausbrüchen zu kämpfen. Generell seien Infektionskrankheiten auf der Flucht „immer eine Gefahr“, erklärte Rockenschaub. Ein großes Problem sei auch das Coronavirus, meinte er angesprochen auf die auch dahingehend niedrige Impfquote in der Ukraine.

Standardisierte medizinische Erstuntersuchung

Bei der Erstaufnahme in die Grundversorgung des Bundes erfolge eine standardisierte medizinische Erstuntersuchung, dazu gehört ein Lungenröntgen, sowie eine Abklärung des psychologischen Betreuungs-und Versorgungsbedarfs, teilte das Innenministerium der APA auf Anfrage mit. Nunmehr ergänzt dieses Prozedere während der Pandemie ein mit der AGES entwickelter „Covid-Prozess“, der unter anderem bei Ankunft eine Testung auf Covid-19 umfasst. Untersuchungen werden vom medizinischen Personal an Ort und Stelle durchgeführt. Bei Krankheitssymptomen sorgen demnach in Erstaufnahmestellen und Verteilerquartieren dort anwesende Vertragsärztinnen und -ärzte für die Versorgung. Falls erforderlich, folge darauf eine Zuweisung zu Fachärzten oder Spitälern.

Angesichts der Fluchtbewegungen aus der Ukraine „werden gesonderte Prozesse zu medizinischen Erstuntersuchungen etabliert“, hieß es weiter. Teilweise könne dringend erforderliche medizinische Versorgung direkt in den Ankunftszentren durch Ärzte bzw. Gesundheitspersonal bereitgestellt werden. Für andere medizinische Belange wird an die nächstgelegenen Krankenanstalten verwiesen. Auch psychologische Unterstützung „wird in einigen Ankunftszentren bereits frühzeitig angeboten“. Ukrainische Staatsangehörige, die in einem Nachbarschaftsquartier des Bundes Unterkunft nehmen, werden auf Covid-19 getestet. „Weiters wird besonderes Augenmerk auf allfällige Covid-19-Symptome gerichtet“, hieß es.

Menschen erhalten medizinische Versorgung

In den Bundesländern setzt man unter anderem auf Gesundheitschecks - so etwa in Tirol, konkret im Innsbrucker Haus Marillac in der Sennstraße 3, dem eingerichteten Ankunftszentrum für geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Der Gesundheitscheck umfasse „insbesondere eine Corona-Testung, die Tuberkulose-Reihenuntersuchung und bei Bedarf zusätzliche ärztliche Untersuchungen“, hieß es auf APA-Anfrage seitens des Landes. „Es wird Sorge getragen, dass die Menschen jene medizinische Versorgung erhalten, die sie benötigen. Entsprechende weiterführende (Folge-)Untersuchungen sowie Behandlungen werden in die Wege geleitet. Über den Bezug von Impfungen/Auffrischungsimpfungen wird informiert“, so das Land.

Zudem erhalte die Landesanitätsdirektion - wie auch in allen anderen Bundesländern - verschiedene, allgemeine Informationen und Informationsschreiben des Gesundheitsministeriums in Zusammenhang mit der medizinischen Behandlung von Flüchtlingen aus der Ukraine. Diese betreffen etwa Tuberkulose, Polio-Impfungen sowie weitere Impfungen wie Covid-19 oder Masern-Mumps-Röteln. Die Informationen würden laufend an relevante Stakeholder im Gesundheitsbereich weitergeleitet, so etwa über die Bezirkshauptmannschaften an die niedergelassenen Ärzte. Ein solches Schreiben, in dem „in Anbetracht der kommenden Flüchtlingswelle“ die Aufmerksamkeit der Mediziner auf verschiedene Notwendigkeiten gelenkt wird, lag der APA vor.

Etwa wurden die Ärzte gebeten, auf Zeichen einer potenziellen Tuberkulose zu achten und gegebenenfalls entsprechende Abklärungen einzuleiten. Da die Ukraine seitens der WHO als Tuberkulose-(TBC)-Risikogebiet geführt wird, ist laut Gesundheitsministerium damit zu rechnen, dass sich unter den in Österreich ankommenden Kriegsflüchtlingen auch Menschen befinden können, die eine Tuberkulose-Behandlung benötigen. „Insofern wird sensibilisiert, im Rahmen eines Ordinationsbesuchs ein Augenmerk auf Krankheitszeichen einer Tuberkulose zu legen“, erklärte das Land Tirol. In dem Schreiben wurde darüber hinaus angeführt, dass die Ukraine nach dem WHO Europa Bericht 2021 über das Jahr 2019 zu einem „Tuberkulose-Hochinzidenzland in Europa“ mit einer entsprechend hohen Mortalität gehöre. Ersucht wurde, auf Zeichen der Tuberkulose besonders bei Kindern zu achten und Kinderimpfungen zu forcieren.

Bei Infektionskrankheiten wie der durch Bakterien ausgelösten Tuberkulose werde „genau hingesehen und beim ersten Hinweis sofort abgeklärt“, sagte Edgar Wutscher, Obmann der Bundessektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer, im APA-Gespräch: „Die Vorgangsweise unterscheidet sich nicht von der gegenüber einem Einheimischen, der Patient wird zur Abklärung geschickt, zum Röntgen, zum Labor.“ Entsprechende Informationen würden allen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung gestellt, „um die Aufmerksamkeit noch mehr zu schärfen“ in der neuen Situation. Von eigenen obligatorischen Gesundheitschecks - abgesehen etwa von den in den Ankunftszentren durchgeführten Antigen-Tests auf SARS-CoV-2 - hält der Mediziner nichts: „Das würde diese armen Leute nur noch mehr traumatisieren. Wenn jemand symptomatisch ist, wird geholfen.“

Psychische Problematik

Wutscher betonte vor allem die „psychische Problematik“ der vor dem Angriffskrieg Russlands Geflüchteten, von denen die allermeisten den Partner und andere Familienangehörige noch im Kriegsgebiet wissen. „Und diese Belastungsproblematik wird mit Fortdauer des Kriegs zunehmen“, meinte er. Die praktischen Ärztinnen und Ärzte als „erste Ansprechpartner“ seien darauf eingestellt, mit dieser zusätzlichen Schwierigkeit umzugehen.

In der Praxis sei es so, dass die Menschen bei Bedarf nach ärztlicher Versorgung von Helfern an die jeweilige Ordination weiterleitet werden. Die meisten der Ankommenden, so höre er aus dem Kollegenkreis, würden gut Englisch sprechen, Kommunikation sei meist gut möglich. Fürs erste sei oft schon geholfen, wenn Betroffene ihre Sorgen artikulieren können und dann „für das praktische Leben hier Hilfe“ angeboten bekommen.

Ein spezifisches infektiologisches Problem sieht er nicht. „Wir können die ukrainischen Flüchtlinge genauso behandeln wie unsere einheimischen Patienten.“ Dafür habe allein schon die rasch erfolgte Vereinbarung zwischen Gesundheitskasse und Ärztekammer gesorgt, dass ukrainische Vertriebene unbürokratisch medizinische Versorgung in Österreich erhalten.

Die medizinische Versorgung in den Ankunftszentren werde nun noch weiter im Koordinationsrat zwischen Bund und Ländern abgestimmt, hielt das Innenministerium fest. Untersuchungen auf Tuberkulose (TBC) "erfolgen in Zuständigkeit der Bezirksverwaltungsbehörden“, falls Verdacht auf eine Ansteckung besteht. "Gemeinsames Ziel aller Beteiligten ist jedenfalls die Sicherstellung einer bestmöglichen medizinische Versorgung", wurde betont.

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