Hormon-ähnliche Stoffe schaden nicht jedem gleich

Gewisse Plastikinhaltsstoffe wirken wie Hormone und stehen im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein. Forscher der Uni Genf berichten nun, dass diese „Phthalate“ offenbar nicht bei jedem gleich schädlich wirken.

red/Agenturen

Phthalate gehören zu den sogenannten hormonaktiven Substanzen und können insbesondere bei männlichen Föten die Geschlechtsentwicklung stören, genauer gesagt die Spermienbildung. Ariane Giacobino und ihr Team untersuchten dieses Effekt an schwangeren Mäusen, denen sie Phthalate verabreichten. Später prüften sie die Spermienqualität des männlichen Nachwuchses. Dabei machten sie die überraschende Entdeckung, dass nur ein Teil der Männchen eine schlechtere Spermienqualität aufwiesen. Der andere Teil schien resistent, obwohl sie im Mutterleib der gleichen Dosis der Phthalate ausgesetzt waren.

Diesem Unterschied sind Giacobino und ihre Mitarbeitenden nun genauer auf den Grund gegangen und berichten davon im Fachblatt „Plos One“: „Wir haben epigenetische und genetische Variationen in spezifischen Teilen des Erbguts untersucht, die in der Nähe von Genen für die Spermatogenese liegen“, erklärte Studienautor Ludwig Stenz gemäss einer Mitteilung der Universität Genf vom Donnerstag. Unter Epigenetik versteht man chemische Markierungen am Erbgut, die die Aktivität von Genen steuern.

Tatsächlich stießen sie auf Unterschiede zwischen den anfälligen und den nicht-anfälligen Mäusen: Im Erbgut der anfälligen Tiere entdeckten sie Bindestellen für Hormone - und entsprechend die hormonähnlichen Phthalate -, die bei den nicht-anfälligen Mäusen nicht vorhanden waren. Möglicherweise binden die Phthalate dort und verhindern über epigenetische Veränderungen, dass die benachbarten Gene korrekt abgelesen werden.

Weitergabe an nächste Generationen

Die Wissenschafter machten eine weitere beunruhigende Entdeckung: Nicht nur störten die Phthalate die korrekte Steuerung dieser Gene, die Veränderung wurde sogar zumindest teilweise an die nächsten Generationen weitergegeben. Dies obwohl epigenetische Markierungen am Erbgut eigentlich von einer Generation zur nächsten komplett gelöscht werden. Dieses Löschen scheine demnach nicht vollständig zu funktionieren, schrieb die Uni Genf.

In einem nächsten Schritt wollen die Forscher nun untersuchen, inwiefern ähnliche Prädispositionen für negative Auswirkungen durch Phthalate auch beim Menschen existieren. „Wir haben derzeit kein Wissen darüber, inwiefern wir - als Individuum oder als Gemeinschaft - genetisch anfällig für diese epigenetischen Störungen sind oder nicht“, ließ sich Giacobino zitieren. Mit ihrem Team will sie eine Vorstellung über den Anteil der Bevölkerung gewinnen, der mit negativen Folgen durch die verschiedenen Produkte rechnen muss. Bei der Bewertung der Risiken müssten dabei auch generationenübergreifende Effekte berücksichtigt werden.

Phthalate und andere hormonaktive Substanzen kommen beispielsweise in Verpackungen, Kosmetik, Babyflaschen und Plastikspielzeug vor. Weil sie das Hormonsystem stören, stehen sie im Verdacht, die Geschlechtsentwicklung zu stören und Krebs zu begünstigen.

Fachartikelnummer - DOI: 10.1101/474155

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