Austrian Health Forum

Die abgespeckte Version mobiler Pflege

Heimhilfen, diplomiertes Krankenpflegepersonal und andere Berufsgruppen, die von einem Einsatz zum nächsten „hirschen", mehr mit Dokumentation statt mit der Betreuung ihrer Klienten beschäftigt sind: Dazu ist In den Niederlanden mit „Buurtzorg" ein simples und erfolgreiches Gegenmodell entstanden.

Wolfgang Wagner/APA

„Ich war selbst Pfleger, habe dazu auch Wirtschaft studiert. Ich bin also 'wirtschaftlicher Pfleger'", sagte der Gründer und Co-Geschäftsführer des niederländischen Unternehmens, Jos de Blok, am Donnerstag Abend beim Austria Health Forum in Leogang. In den Niederlanden hätte es zwar schon seit 1857 mobile Gemeindeschwestern zur Pflege von Menschen gegeben, in den 1990er-Jahren aber hätte die Politik mit massiven Neuregelungen samt überbordender Bürokratie für Probleme gesorgt. „Das Personal wanderte aus der Pflege ab, zum Teil arbeiteten die Frauen sogar als Schuhverkäuferinnen."

2006/2007 startete de Blok seine neue Initiative: „Wir haben den humanistischen Teil der Arbeit an die Spitze gestellt. 'Zuerst Kaffee, dann Pflege', haben wir gesagt. Wir begannen mit vier Pflegekräften, heute sind es 10.000. Die Arbeit erfolgt in Teams von bis zu zwölf Pflegekräften. 70 Prozent sind diplomiertes Krankenpflegepersonal. Ein lokales Team betreut zwischen 5.000 und 10.000 Menschen in der Nachbarschaft. Wir betreuten 33.000 Patienten. Jedes Team ist für die gesamte Organisation und die Prozesse verantwortlich."

Was laut dem niederländischen Pionier wegfiel: Die Fragmentierung der verschiedenen Versorgungsfunktionen und bis zu sechs Berufsgruppen bei einem Patienten. Schluss war auch mit der Standardisierung der Leistungsangebote und der ständigen Bürokratie samt Dokumentation für Chefetagen weit weg vom Ort des Geschehens.

„Was wir gesehen haben, das ist, dass wir plötzlich um 40 Prozent weniger Stunden an Aufwand hatten. 2017 machten wir einen Umsatz von 400 Millionen Euro. Wir sind zwei Geschäftsführer, haben 50 Leute im Back-Office und 21 Coaches für das Pflegepersonal. Die Teams suchen sich ihre Räumlichkeiten selbst, kaufen die Möbel bei Ikea und erhalten 15.000 bis 20.000 Euro am Start. Jedes Jahr haben wir zusätzlich 1.200 neue Kollegen in den Teams", sagte de Blok. Mittlerweile sei man in den Niederlanden bereits fünf Mal zum besten Arbeitgeber gewählt geworden, Beschäftigte und Personal beurteilten „Buurtzorg" auf einer Skala von Null bis zehn mit dem Wert 9.

Kosteneinsparungen von bis zu 40 Prozent

Eine Stärke ist die Zusammenarbeit der Pflegeteams mit den jeweils lokalen Hausärzten, Physiotherapeuten und Apothekern. Die Kommunikation erfolgt auch auf einer elektronischen Plattform, in die sich Patienten, Pfleger, Ärzte etc. und auch die Angehörigen der Betroffenen einklinken können. Ein Großteil der Beteiligten ist mit Tablets, Smartphone oder Computer dabei.

„Das alles funktioniert ohne Chefs, Managementstrukturen. Strategiepläne verfasse ich keine mehr. Ich blogge und warte auf die Reaktionen. Dann überlegen wir uns etwas Passendes", sagte de Blok. Spezialservice gibt es jetzt von „Buurtzorg" auch in Sachen psychische Gesundheit und in der Jugendhilfe. „Wir erreichen Kosteneinsparungen von 35 bis 40 Prozent. Unsere Overhead-Kosten machen einen Anteil von acht Prozent aus, sonst sind es oft 25 Prozent. Die Gehälter haben wir angehoben. Es gibt Prämien. Pro Jahr bleiben uns danach 7,5 Millionen Euro übrig."

Das System macht die das Pflegepersonal wieder selbstständig und vereinfacht ein sonst oft durch Kontrollen, Vorgaben und bürokratischen Aufwand unnötig aufgeblähtes System, ist der Gründer des Unternehmens überzeugt. In den Niederlanden zahlen die Krankenkassen auf der Basis eines gemeinschaftlich ausgehandelten Vertrages. Kooperationen gibt es bereits mit Einrichtungen in 24 Staaten.