Zehn Jahre Brustgesundheitszentren

Überlebensrate bei 88 Prozent

Das Mammakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Seit zehn Jahren gibt es in Österreich zertifizierte Brustgesundheitszentren mit standardisierten Qualitätskriterien. Acht von zehn Brustkrebspatientinnen werden in den österreichweit 30 Zentren behandelt. Die Überlebensrate nach fünf Jahren liegt bei rund 88 Prozent, hieß es am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien.

red/Agenturen

In Österreich gibt es 23 große Zentren sowie sieben affiliierte Partner. Jedes Brustgesundheitszentrum behandelt im Jahr mindestens 100 Patientinnen mit neu aufgetretenem Brustkrebs. Und jedes dieser Zentren kann durch die affiliierten Partner ein Netzwerk bilden, wo gegenseitig Wissen und Erfahrung zum Wohle der Patienten ausgetauscht werden. Lediglich Salzburg verfügt über keine Einrichtung, die von der Österreichischen Zertifizierungskommission (ÖZK) bescheinigt wurde. Dies sei aber geplant, sagte Felix Sedlmayer, stellvertretender Sprecher der ÖZK, Primar und Klinikvorstand der Universitätsklinik für Radiotherapie und Radioonkologie der PMU Salzburg und einer der Initiatoren der ÖZK-Initiative. Für ihn sei das natürlich „ein kleiner Wermutstropfen“. „Wir arbeiten daran“, betonte Sedlmayer. Er betonte, dass Zertifizierungen auch mit Kosten verbunden sind. Krankenhausträger müssten oftmals überzeugt werden, dass „nicht nur der monetäre Aspekt“ zähle. Im Uniklinikum werden jedenfalls die Normen der Brustkrebszentren gelebt und angewendet.

30 zertifizierte Zentren in Österreich

Die Versorgung in den Brustgesundheitszentren habe einen wesentlichen Anteil daran, dass die Diagnose Brustkrebs mittlerweile kein Todesurteil mehr ist, hieß es bei der Pressekonferenz. Während früher noch mehr als 90 Abteilungen in Krankenhäuser Brustkrebs operiert haben, sind es heute „über 30“, erläuterte Walter Neunteufel, Sprecher der ÖZK und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Durch die „gewünschte Zentralisierung“ in den Einrichtungen sei es „zu einer Erhöhung der Fallzahlen gekommen“, was Basis für die Qualität sei. 81 Prozent aller Patienten mit Brustkrebs werden in den 30 Zentren behandelt. Die Behandlung sei dort „auf einem sehr hohen Niveau standardisiert, die Konzepte sind individuell auf die Frauen zugeschnitten“, sagte Neunteufel. Sie richten sich dabei nach den national sowie international gültigen und aktuellen Leitlinien. Speziell an dieser Vorgehensweise ist die enge Vernetzung unter den Fachärzten, die sich auf jede Patientin speziell vorbereiten und viel Zeit für die Entscheidung zur richtigen Behandlung investieren. Auch die Zentren sind alle miteinander vernetzt, „wir geben die Erfahrungen weiter“, erläuterte Neunteufel.

Quasi Herzstück der Einrichtungen sind sogenannte Tumorboards. In ihnen beraten Spezialisten aus den medizinischen Fachbereichen Radiologie, Chirurgie, Gynäkologie, Strahlentherapie, Pathologie und medizinische Onkologie gemeinsam über die jeweilige Therapie- und Behandlungsoptionen. „Alle Informationen stehen auf Knopfdruck für alle Berechtigte zur Verfügung“, erläuterte Sedlmayer. Der jeweilige Behandlungsführer „holt sich die kollektive Expertise“. Die Tumorboards seien auch eine „Teaching-Plattform von extrem hohen Wert“, den Assistenten werde in kurzer Zeit Wissen vermittelt, „das kommt der Ergebnisqualität zu Gute“, sagte Sedlmayer. Sigurd Lax, Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie und Primar des Institutes für Pathologie am LKH Graz West, bezeichnete die Tumorboards als „Orchester“, in dem alle auf Augenhöhe arbeiten. Ohne Pathologie gebe es heutzutage keine Brustkrebstherapie mehr.

„Maßgeschneidertes Therapiekonzept für jede Patientin“

In den vergangenen Jahren habe sich bei der Versorgung der Patienten mit Brustkrebs einiges getan. „Frühe Stadien können wir heilen“, sagte Hubert Hauser, Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgische Onkologie und Primar und Vorstand der Chirurgischen Abteilung des LKH Graz II. Habe man vor Jahren „einfach den Knoten rausgeschnitten“, was zu viele Operationen waren, „ist heute die Zahl der falsch-positiven Operationen sehr gering“, erläuterte Hauser. Den nunmehr wisse man „vor der Operation durch die Biopsie, welcher Brustkrebs vorliegt“. Dadurch ergebe sich auch ein „maßgeschneidertes Therapiekonzept für jede Patientin“. Laut Hauser werden mittlerweile „über 80 Prozent brusterhaltende Operationen“ durchgeführt, in Kooperation mit der onkoplastischen Chirurgie. Im Frühstadion werden sogar rund 88 Prozent brusterhaltend durchgeführt. „Das entspricht genau den internationalen Vorgaben. Eine Quote von 100 Prozent ist in diesem Fall nicht erwünscht, da es auch Fälle gibt, in der das brusterhaltende Vorgehen nicht geeignet ist“, sagte Hauser.

Während früher die Landbevölkerung zu spät zur Behandlung gekommen war, treffe dies mittlerweile auf Migrantinnen zu. Doch auch bei ihnen gebe es durch die Behandlung gute Erfolge, für eine Heilung sei es zumeist zu spät, aber es könne der Verlauf der Erkrankung gestoppt, Symptome gelindert und die Lebensqualität der Frauen erhöht werden, sagte Hauser. „Wenn schon Brustkrebs, dann Brustkrebs in Österreich in einem zertifizierten Zentrum“, konstatierte der Experte.

Neuerkrankungsrate steigt immer noch an

Bei der Pressekonferenz sprach auch Mona Knotek-Roggenbauer, Präsidentin der NGO Europa Donna. Diese Non-Profit-Organisation engagiert sich europaweit im Bereich Brustkrebs. Knotek-Roggenbauer erkrankte selbst 2011 an Brustkrebs und wurde in einem nicht zertifizierten Zentrum behandelt. Dort erlitt sie eine Sepsis und ein Multiorganversagen, ihrer Familie wurde gesagt, dass ihnen zwei Stunden bleibe, um sich von ihr zu verabschieden. Ihr Vater organisierte, dass sie mit dem Hubschrauber in ein zertifiziertes Zentrum geflogen wurde. „Dort war ich innerhalb einer halben Stunde stabil“, schilderte Knotek-Roggenbauer. „Nach zehn Tagen bin ich aus dem Koma erwacht.“ Sie betonte, dass „jeder ein Recht auf eine zweite Meinung“ habe, „es muss nicht immer alles am gleichen Tag entschieden werden“, sagte Knotek-Roggenbauer. Außerdem „kosten Menschen mit Komplikationen dem System so viel Geld“, betonte die Präsidentin von Europa Donna.

Die Zentren bieten „eine bessere Qualität und Betreuung der Patienten“, sagte Tanja Volm, Direktorin der Zertifizierungsstelle Doc-Cert AG. Die Zertifizierung erfolgt durch externe Experten, alle drei Jahre findet eine Überprüfung statt, jährlich müssen die Krankenhäuser Berichte vorlegen. Die ÖZK bewertet die Ergebnisse der zertifizierten Zentren und stellt die Zertifizierungsurkunden aus.

Das Netz an zertifizierten Brustgesundheitszentren in Österreich soll in den nächsten Jahren weiter entwickelt werden. Die Neuerkrankungsrate steigt immer noch an: Waren es 2006 noch etwa 5.000 Frauen und Männer, die an Brustkrebs erkrankten, waren es 2017 bereits über 5.400. Der Sprecher der ÖZK, Neunteufel, nannte als Ziel für die Zukunft die Behandlung aller Patienten in zertifizierten Zentren. Außerdem solle dieses Konzept „auf andere Disziplinen und Tumore übertragen werden“, sagte er.

Brustkrebs
Jährlich erkranken in Deutschland etwa 70.000 Frauen neu an Brustkrebs. Bei frühem Brustkrebs kann ein Tumor oft durch Operation vollständig entfernt werden, häufig folgt zusätzlich eine Strahlentherapie.
iStock andresr