Austrian Health Forum

Ohne soziale Akzeptanz keine Digitalisierung

Ohne soziale Akzeptanz wird es auch in der Medizin keinen Durchbruch der Digitalisierung geben. Schon allein aus allgemein politischen Gründen. „Wenn der Populismus zunimmt, geht das Vertrauen weg von den Experten hin zu 'Peers'„, sagte am Freitag beim Austrian Health Forum (bis 15. Juni) David Bosshart, Geschäftsführer des Schweizer Gottlieb Duttweilter Institut für Wirtschaft und Gesellschaft.

red/Agenturen

Die Abwendung von Fachleuten hin zu Führerpersönlichkeiten ohne Expertise ist genau das, was die moderne Gesellschaft derzeit gar nicht benötigt, wie der international renommierte Trendforscher anführte. „Die Veränderungen verlaufen nicht mehr linear. Sie sind exponentiell.“ Mit „langsam, gut und teuer“ werde man mit der demografischen Entwicklung und den steigenden Gesundheitskosten nicht zurechtkommen. „Ich glaube, dass wir vor ähnlichen grundlegenden Wandlungen stehen wie die UdSSR in den 1990er-Jahren“, sagte der Experte.

Zukunft der Medizin außerhalb von Spital, Sprechstunde und Praxis

Die digitale Gesundheit werde Prozesse schneller und extrem kostengünstig machen. Gleichzeitig werden sich die Orte, an denen Medizin passiert, dramatisch verschieben. Bosshart sagte: „Die Zukunft der Medizin ist außerhalb der Spitäler, der Sprechstunden und der Praxis. Medizin wird 'on demand' und beim Konsumenten passieren. Die meisten Gesundheitsprobleme sind fehlgeleitete Kommunikationsprozesse. Hier werden uns Maschinen helfen, wieder viel mehr Zeit zu haben für die Patienten.“ Medizin sei vor allem Sozialmedizin.

Wichtig sei es, dass die Gesellschaft die Ziele definiere, die man erreichen wolle. „Der Staat soll die wichtigen Dinge regulieren. Dabei muss man die Angebots-getriebene Nachfrage im Gesundheitswesen durchbrechen“, betonte der Experte. Die Entwicklung gehe dahin, dass der Patient in Zukunft die eigene Gesundheit managen werde. Prognosesysteme über den mit größter Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Verlauf von Gesundheit hin zu Krankheit würden völlig neue Möglichkeiten in der Prävention eröffnen.

Warnung vor Populismus

Laut Bosshart hat die Entwicklung der Digitalisierung in der Medizin den „Gipfel überzogener Erwartungen“ bereits überschritten. Man komme vom „Tal der Enttäuschungen“ über den „Pfad der Erleuchtung“ in Richtung eines „Plateaus der Produktivität“.

Dabei müsse man aber die Menschen mitnehmen. „Haben wir nur die technologische Reife, aber keine soziale Akzeptanz, passiert gar nichts“, sagte der Experte. Die E-Mobilität käme hierzulande seit Jahren nicht so recht vom Fleck, weil die Menschen Bedenken bezüglich Umsetzbarkeit und Umweltverträglichkeit hätten. Bei der Digitalisierung seien die Ängste rund um Datensicherheit etc. zu bearbeiten und Risiken zu minimieren.

Der Politik komme dabei eine entscheidende Bedeutung zu. „Eine gute Demokratie löst Probleme der Bürger. Sonst wenden sie sich an denjenigen, der am lautesten schreit oder an den Stärksten“, sagte der Fachmann. Und man sehe derzeit „überall“ mehr Populismus, was zu schlechten Entscheidungen führe.