Umfrage

Kinderarmut schadet dem Körper und belastet die Seele

Kinder aus armutsgefährdeten Familien leiden häufiger an chronischen Krankheiten als Kinder aus gut situierten Familien. Sie sind häufiger übergewichtig und leiden häufiger an mangelnder körperlicher Fitness sowie an psychosomatischen Symptomen. Das sind die besorgniserregenden Ergebnisse einer Befragung unter Ärztinnen und Ärzten zum Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Kindergesundheit in Österreich.

red
PK
Bei der Präsentation der Umfragergebnisse: (v.l) Thomas Szekeres, Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer und Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich.
Stefan Seelig / Ärztekammer für Wien

Initiiert wurde die Befragung von der Volkshilfe Österreich und der Ärztekammer für Wien. An den Interviews nahmen mehr als 500 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen in Wien und Niederösterreich teil, ausgewertet wurden die Antworten vom Forschungsinstitut SORA. Gefragt wurden die Ärztinnen und Ärzte, wie sie die gesundheitliche Situation von armutsgefährdeten Kindern im Vergleich zu nicht armutsgefährdeten Kindern einschätzen und welche Maßnahmen sie für eine Sicherung der Kindergesundheit in Österreich für sinnvoll halten.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Knapp die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte nimmt in ihrer beruflichen Praxis wahr, dass Kinder aus armutsgefährdeten Familien häufiger Arztordinationen besuchen als Kinder, die in nicht armutsgefährdeten Familien aufwachsen. Eine deutliche Mehrheit beobachtet auch, dass sich armutsgefährdete Kinder weniger gesund und leistungsfähig fühlen. 

Acht von zehn Befragten erkennen in ihrer täglichen Arbeit, dass Kinder aus armutsgefährdeten Familien häufiger an mangelnder körperlicher Fitness leiden. Diese Kinder leiden auch deutlich häufiger unter psychosomatischen Symptomen, wie zum Beispiel verminderter Konzentrationsfähigkeit, erhöhter Müdigkeit, Nervosität, Aggressivität oder depressivem Verhalten.

Es fehlt an Beratung und Aufklärung

Nahezu alle befragten Ärztinnen und Ärzte stellen die Tendenz zu häufigerem Übergewicht bei Kindern aus armutsgefährdeten Familien fest. Die Mehrheit der Befragten sieht darin vielfältige Ursachen, aber etwa jede/r dritte Befragte identifiziert die Ursache mit mangelnder Information über gesunde Ernährung einerseits und mit den höheren Kosten für gesunde Ernährung andererseits.

Sechs von zehn Ärztinnen und Ärzten beantworten zudem die Frage, ob Kinder aus armutsgefährdeten Familien häufiger an chronischen Krankheiten leiden, eindeutig mit ja. Chronischen Erkrankungen bei Kindern vorbeugen kann man aus Sicht der Befragten einerseits durch mehr Beratung der Eltern und Bewusstseinsbildungsprogrammen an Schulen, wie zum Beispiel mit Kursen zu gesunder Ernährung. Andererseits hält auch knapp die Hälfte der Befragten eine ausreichende finanzielle Ausstattung von armutsgefährdeten Familien für notwendig, um chronischen Krankheiten vorzubeugen.

Gefragt, was es braucht, um Kindergesundheit für alle in Österreich zu sichern, wurden von den Ärztinnen und Ärzten vorrangig Beratung und Aufklärung genannt, darunter eine bessere Beratung und Aufklärung der Eltern, mehr Aufklärung zu Gesundheit, Bewegung und Ernährung allgemein, verstärkte Aufklärung und Präventionsarbeit in Schulen und Kindergärten sowie mehr Bewegungs- und Sportprogramme. 

Neben dem Ausbau der Beratung dreht sich ein zweites Ideenbündel um Maßnahmen, die direkt oder indirekt mit finanziellen Ressourcen zusammenhängen: eine bessere finanzielle Unterstützung und soziale Absicherung der Familien, kostengünstigere gesunde Ernährung, wie zum Beispiel die gesunde Jause als Angebot der Schulen, Ganztagesbetreuung der Kinder sowie kostenfreie Therapien und kostenfreie Freizeitangebote. Als weitere Maßnahmen werden der Ausbau von medizinischen Einrichtungen und die Aufstockung von medizinischem Personal, wie zum Beispiel mehr Kinderärzte, sowie die Ausweitung der Mutter-Kind-Pass-Untersuchung vorgeschlagen.

Eindringlicher Appell von Ärztekammer und Volkshilfe an neue Regierung

„Im 21. Jahrhundert sollte Kinderarmut in Österreich kein Thema mehr sein. Doch leider ist dem nicht so. Kinderarmut verschwindet nicht, vielmehr ist es umgekehrt, sie wächst, und damit auch die schlechteren gesundheitlichen Voraussetzungen“, kommentiert der Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer, Thomas Szekeres, die Ergebnisse der aktuellen Befragung zum Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Kindergesundheit in Österreich.  

Allein die Tatsache, dass fast 400.000 Kinder und Jugendliche in Österreich als armutsgefährdet gelten, sei ein Warnsignal, allen voran an die Politik. Szekeres: „Die armen Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen. Kinder, die in Armut leben, erkranken öfter, zeigen vermehrt Störungen in ihrer Entwicklung, erkranken häufiger psychisch, neigen durch schlechtere Ernährung vermehrt zu Adipositas und anderen Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Haltungsschäden, sterben um fünf bis acht Jahre früher als die Durchschnittsbevölkerung und sind stärker suizidgefährdet.“

Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich, ergänzt dazu: „Die Volkshilfe beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Kinderarmut. In Armut aufwachsen bedeutet nicht nur, dass es Kindern an materiellen Dingen mangelt. Es bedeutet auch, mit einem geringeren Geburtsgewicht zur Welt zu kommen, bei Schuleintritt eine geringere Körpergröße zu haben und häufiger in Unfälle verwickelt zu sein. Das wissen wir aus unterschiedlichen Studien. In der gemeinsamen Umfrage mit der Ärztekammer wollten wir erfahren, welche Beobachtungen Ärztinnen und Ärzte in ihrer täglichen Praxis in Österreich dazu machen.“

Mehr in Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung investieren

„Die Ärztinnen und Ärzte haben in der Umfrage neben Prävention und Beratung besonders die finanzielle Unterstützung von Familien als wichtigstes Instrument zur gesundheitlichen Stärkung von Kindern genannt. Das bestätigt uns in unserer Forderung nach einer staatlichen Kindergrundsicherung, die eine flächendeckende Gesundheitsförderung aller Kinder garantiert, unabhängig vom Einkommen der Eltern“, betont Fenninger.

Der Appell von Ärztekammerpräsident Szekeres an die künftige Bundesregierung lautet daher: „Bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf läuft Österreich vergleichbaren Ländern wie der Schweiz oder Deutschland hinterher. Im Sinne eines sozialen Gesundheitssystems für alle, insbesondere für jene von Armut und Ausgrenzung betroffenen Österreicherinnen und Österreicher, ist die Politik gefordert, mehr in Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung zu investieren.“

armut
Fast 400.000 Kinder in Österreich sind armutsgefährdet.
iStock
„Im 21. Jahrhundert sollte Kinderarmut in Österreich kein Thema mehr sein. Kinderarmut verschwindet nicht, vielmehr ist es umgekehrt, sie wächst, und damit auch die schlechteren gesundheitlichen Voraussetzungen“,warnte der Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer, Thomas Szekeres.
Umfrage
Armutgefährdete Kinder werden oft zu chronisch kranken Erwachsenen.
Online-Umfrage der Ärztekammer für Wien, rund 500 teilnehmende ÄrztInnen in Wien und Niederösterreich, Screenshot: Präsentation 24.10.2019
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Kinder aus armutsgefährdeten Familien sind häufig übergewichtig.
Online-Umfrage der Ärztekammer für Wien, rund 500 teilnehmende ÄrztInnen in Wien und Niederösterreich, Screenshot: Präsentation 24.10.2019
„In Armut aufwachsen bedeutet nicht nur, dass es Kindern an materiellen Dingen mangelt. Es bedeutet auch, mit einem geringeren Geburtsgewicht zur Welt zu kommen, bei Schuleintritt eine geringere Körpergröße zu haben und häufiger in Unfälle verwickelt zu sein“, warnt Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich.