Kick Off zum Gastro-Rauchverbot

Der Tag danach: Silvestergefühle inklusive kleinem Kater

Rund 25 Jahre inklusive Volksbegehren hat es bis zum endgültigen Rauchverbot in Österreich gebraucht. In der Nacht auf den 1. November startete der „Final Countdown“ dann aber doch. „Es war ein Gefühl wie zu Silvester“, resümiert eine Wiener Lokalbesucherin kurz nach Mitternacht. Eine Mischung aus Abschiedssentimentalität und Neugier, wie die Wiener künftig damit umgehen werden, lag in der Luft. Die Reaktionen der Gäste waren gemischt.

red/Agenturen

Das Ende der von Zigarettenrauch erfüllten Luft sorgt aber auch fast für Empörung: „Ich habe das Problem bis heute ignoriert und jetzt ärgert es mich wahnsinnig“, meint Gast Max im Cafe „Einhorn“ in Mariahilf gegen 21.00 Uhr. „Es ist idiotisch, den Arbeitnehmerschutz an die Gesundheit zu hängen, denn ein Verbot von Tabakkonsum soll überall und nicht punktuell gelten“, lässt er zu dem in Kraft getretenen Tabak- und Nichtraucherinnen- bzw. Nichtraucherschutzgesetz (TNRSG) wissen. Drei Stunden vor dem Verbot ist in der noch mäßig besuchten Lokalität ein Raucheranteil von rund 90 Prozent zu registrieren. „Ich glaube, dass in Zukunft mehr Snacks konsumiert werden. Nikotin hemmt ja den Hunger“, stellt einer der noch rauchenden Mehrheit mit dem Namen Florian fest.

Rund 200 Meter weiter gegen 22.30 Uhr: „Wien du oide Heisltschick, wir werden dich vermissen!“ steht auf der Auslagenscheibe des Lokals „Schmauswaberl“ auf der Linken Wienzeile. Im Lokal selbst findet sich neben dem Autor Marco Dinic („Die guten Tage“) auch Marlene Engel, Kuratorin des Hyperreality-Festivals. „Wien ist eine sehr leise Stadt, von daher bin ich gespannt, wie das funktioniert“, meint sie 90 Minuten vor dem Rauch-Ende gegenüber der APA. Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern, bei denen das Rauchverbot schon seit Jahren funktioniert, sei kein ausreichendes Argument, denn „Wien ist eine Stadt, in der es ab 22.00 Uhr still ist“, und das sei aufgrund der Bewohner so. „In Paris gibt es seit über zehn Jahren ein Rauchverbot, aber da kommt nicht gleich die Polizei, wenn ein paar Leute laut sind“, argumentiert sie. In Wien aber schon und die daraus resultierenden Anzeigen würden einige Lokalbetreiber dann letztendlich ruinieren. „Du zahlst Strafe ohne Ende, daher muss sich beim Anrainerschutz etwas ändern“, meint auch Camilla, eine ehemalige Geschäftsführerin eines Gastronomiebetriebs.

Neuer Kodex: „Getränke drinnen, geraucht wird draußen“

Felix, ebenfalls „Schmauswaberl“-Gast, sieht eine persönliche und eine politische Seite im Zusammenhang mit dem Rauchverbot. „In der Gastro stehst du in einem Giftcocktail und hast nichts davon“, man könne gar von „Gastrosklaven“, sprechen, denn niemand mache diese Arbeit gerne, „das ist wie Erntearbeit“. „Für mich persönlich ist es tragisch, denn wie soll man im Rüdigerhof Schach spielen, ohne zu rauchen?“ so Felix.

Der genannte Rüdigerhof, 250 Meter weiter in der Hamburgerstraße gelegen, ist dann auch die nächste Station. Es sind nur noch 15 Minuten bis Mitternacht. „Ich geh noch eine rauchen“, sagt ein junger Mann fast ein wenig gelangweilt zu seiner Begleitung. Der Bildschirm im gesteckt vollen Lokal zeigt inzwischen 23.50. Am Eingang versucht eine Kellnerin das Raucherpickerl zu entfernen, Kameras filmen sie dabei - hier ist das Medieninteresse groß, schließlich begeht man das feierliche Zelebrieren des Rauchverbots gemeinsam mit dem Radiosender FM4.

Und schon ist es soweit: „Gemma abräumen“, sagt ein Kellner zu seinem Kollegen. Die Aktion sorgt für leise „Buh“-Rufe. Der Gästeschwund tritt jedenfalls schnell ein: Kurz vor 00.30 Uhr ist es im Kaffeehaus in Margareten nur noch halb so voll wie vor Mitternacht - nicht zuletzt auch, weil inzwischen außerhalb des Lokals geraucht werden muss. „Es ist grundsätzlich so, dass ich dafür bin, dass die Politik eingreifen und negative Dinge verbieten muss. Es ist schon gut, dass es verboten ist, auch wenn es traurig ist“, meint eine Frau, die erste Zigarette des neuen Tages rauchend. Zurück bei der ersten Station „Einhorn“, wo der nun geltende, neue Verhaltenskodex instruiert wird: „Getränke bleiben drinnen, geraucht wird draußen“, lässt der Kellner die neuen Besucher wissen. Die Worte „Scheiß Gastro“ sind auf seinem T-Shirt zu lesen.

Eine letzte gemeinsame Tschick wurde auch im Cafe „Schadekgasse 12" in Wien-Mariahilf geraucht. Wenige Minuten vor Mitternacht rief der Kellner dazu auf, beinahe alle Gäste zündeten sich noch eine Zigarette an. Um Punkt Mitternacht war damit Schluss, sofort wurden die Aschenbecher eingesammelt, rauchende Gäste vor die Tür verwiesen. Im wenige Meter daneben gelegenen „Futuregarden" wies ein Zettel an der Tür „liebe Gäste, liebe Freunde" darauf hin, dass aus Rücksicht auf die Nachbarn maximal vier Personen gleichzeitig vor dem Lokal rauchen dürfen. Auch in dieser Bar wurden exakt um Mitternacht die Aschenbecher eingesammelt und an Wände und Türen Nichtraucher-Pickerl angebracht. Die Kellner mussten in den ersten Stunden des neuen Tages dem Reflex widerstehen, Aschenbecher aufzustellen. „Es ist auf einmal viel weniger verraucht", konstatierte eine Lokalbesucherin bereits wenige Minuten nach Inkrafttreten des Rauchverbots.

Unspektakuläres Rauchende im Bermuda-Dreieck

Auch in der „Cuban Mojito Bar" in der Naglergasse in der Wiener Innenstadt war es Schlag Mitternacht vorbei. „Ich will keine Strafen riskieren", erläuterte die Chefin im Gespräch mit der APA. Der einst gut bestückte Humidor war beinahe leergeräumt, einige Gäste nahmen die letzten Zigarren mit. Geraucht wurde fast bis zur letzten Sekunde. Dann kam der Aschenbecher vor die Tür und wurde gut gesichert: „Heute ist Halloween, die Leute sind ein bisschen verrückt."

Vor Mitternacht waren nicht nur kubanische Tabakprodukte in aller Munde, sondern auch das Rauchverbot selbst. Die Fronten gingen quer durch Familien und Paare. „Ich mache mir Sorgen", sagte die Betreiberin der „Cuban Mojito Bar". „Der Umsatz wird sicher heruntergehen. Aber vielleicht normalisiert sich das in ein paar Wochen wieder." Ihre Tochter hingegen sah den gesundheitlichen Aspekt: „Für mich persönlich ist das gut. Ich merke, wie sich der Tabakkonsum auf meine Gesundheit auswirkt. Und weil hier viele Zigarren geraucht wurden, war das noch ärger. Das ist viel intensiver."

In der „Loos Bar" hatte Chefin Marianne Kohn ähnlich agiert. „Punkt Mitternacht war es vorbei. Die Chefin hat uns hinausgebeten", schilderte eine Besucherin rauchend vor dem legendären Lokal im Kärntner Durchgang. Vor der Bar war ein großer Sonnenschirm aufgespannt, um die Lärmentwicklung rauchender Gäste auf die Anrainer abzudämpfen.

Im traditoniell viel frequentierten Bermuda-Dreieck herrschte bereits kurz vor Mitternacht Hochbetrieb. Auf den Straßen tummelten sich neben vielen Kostümverweigerern auch etliche Zombies, blutverschmierte Krankenschwestern und Horrorclowns. Viele von ihnen rauchten bereits im Freien, da sich etwa das „Bermudabräu" dazu entschlossen hatte, schon vor Mitternacht keinen Zigarettenqualm in den Räumlichkeiten zuzulassen.

Aschenbecher vor den Lokalen sind noch Mangelware

Nach dem offiziellen Inkrafttreten des Rauchverbots in der Gastronomie erhöhte sich die Zahl der Personen auf den schmalen Gassen merklich. Viele Raucher bevorzugten bis dahin die gut gefüllten, warmen Lokale. So wurde im „Kaktus", im „Krah Krah" sowie in der „Slammer Bar" das Recht auf eine Zigarette in vollen Zügen genossen. Kurz vor Mitternacht lichtete sich der blaue Qualm im „Kaktus" zusehends. Aschenbecher wurden vom Personal beinahe unauffällig entfernt - so manche widerrechtlich angezündete Zigarette landete in der Folge auf dem Boden. Eine Ankündigung, das Rauchen fortan bitte zu unterlassen, gab es nicht. Die Wende hin zu einer rauchfreien Gastronomie erfolgte unspektakulär.

Die neue gesetzliche Lage drang nicht bis zu jedem „Kaktus"-Gast durch. Innerhalb von nur wenigen Minuten musste das Barpersonal mehrere Personen auf das Rauchverbot aufmerksam machen. Viele Gäste entschlossen sich daraufhin, ihre Zigarette auszudämpfen, wenige traten achselzuckend vor das Lokal. Zu Protesten kam es nicht. Ein junger Mann zog die Legalität der Bequemlichkeit vor und verabschiedete sich bereits kurz nach Mitternacht mit den Worten „Boah, i brauch a Tschick" nach draußen. Dort weisen gleich mehrere Schilder vor diversen Lokalen darauf hin, dass es hier Anrainer gebe und diese ein Anrecht auf eine ruhige Nacht hätten. Man möge sich bitte ruhig verhalten. Das nahmen sich nicht alle Feierwütigen zu Herzen, wobei ein markanter Teil des Lärms weniger von den Rauchern, als von umherziehenden Gruppen auszugehen schien. Sehr wohl verantworteten die Raucher hingegen eine rasch wachsende Anzahl an auf dem Kopfsteinpflaster der Wiener Innenstadt befindlichen Zigarettenstummeln. Mistkübel oder Aschenbecher vor den diversen Bars stellten einen seltenen Anblick dar.

Dichte Rauchschwaden fanden Gäste weit nach Mitternacht noch in einer nicht ebenerdig gelegenen Bar im Bermuda-Dreieck. „Der Arbeitstag hat am 31. Oktober für uns begonnen", erläuterte ein Kellner die Missachtung des Rauchverbots. „Daher sind wir der Meinung, dass heute Nacht noch geraucht werden darf."  Eine weniger eigenwillige Interpretation des neuen Gesetzes fand sich in einem Shisha-Club in der Vorstadt, in diesem Fall in Floridsdorf in der Prager Straße, selbst wenn der Betreiber zugab, dass es gehöriges Zähneknirschen gab. „Ich lebe davon", sagte er. Nichtsdestotrotz hatte er rauchwillige Gäste um Mitternacht vor die Tür komplimentiert, fürchtete aber, dass es Anzeigen wegen Lärmerregung hageln wird. Nun, in dieser Nacht waren seine Besucher zumindest diszipliniert. Wie es für das Lokal weitergeht? „Ich schau mir an, wie sich der Umsatz in den nächsten Monaten entwickelt. Und dann entscheide ich, was ich weiter mache", sagte der Besitzer.

In Wien-Leopoldstadt wurde das neue Rauchverbot ebenfalls weitgehend eingehalten, wie nicht zuletzt anhand einiger Raucher vor diversen Bars und Tschocherln, also kleinen Lokalen, zu erkennen war. Aber auch hier setzten sich ein paar Unbelehrbare über das junge Gesetz hinweg. Im „Bricks" an der Taborstraße frönte so mancher Gast in einem entlegenen Raum noch dem Glimmstängel. Vor der Bar achteten Angestellte darauf, dass der Lärm nicht ausuferte, was meistens gut funktionierte. Vor einem kleinen Tschocherl in selbiger Straße versammelten sich verhältnismäßig viele Personen davor anstatt darin. Gegrölt oder geschrien wurde dennoch nicht. Ein junger Raucher zeigte sich auf das neue Rauchverbot in der Gastronomie angesprochen weitgehend unbeeindruckt: „A bissl frisch is es schon", meinte er angesichts der niedrigen Außentemperaturen. Wirklich stören würde es ihn jedoch nicht. Schließlich sei es nicht ganzjährig kalt und besser unterhalten könne man sich hier im Freien auch.

Wien kennt kein Pardon, ansonsten bundesweite Unterschiede

In Wien war bereits im Vorfeld vor Kontrollen unmittelbar ab Inkrafttreten des Nichtrauchergesetzes gewarnt worden. „Schonfrist gibt es keine", adressierte die zuständige Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) an die Gastronomen. Seitens des Marktamts, das in der Bundeshauptstadt gemeinsam mit der Gruppe für Sofortmaßnahmen für die Überprüfung des Gastro-Rauchverbots zuständig ist, hieß es im Vorfeld, man werde mit rund zehn Mitarbeitern stadtweit unterwegs sein.

In zumindest zwei oststeirischen Diskotheken - einer großen und einer etwas kleineren - hat das Rauchverbot nach Mitternacht kaum einen der Gäste interessiert. Die meisten Raucher qualmten einfach weiter, wurde der APA zugetragen. Nur vereinzelt gingen Leute extra ins Freie, um sich einen Glimmstängel anzuzünden. Das Personal dürfte ebenfalls nicht groß eingeschritten sein. Bei der Landespolizeidirektion Steiermark hieß es auf Nachfrage, dass keine Anzeigen eingelangt sind. Ein Sprecher betonte aber auch noch einmal, dass die Uniformierten weder für Kontrollen zuständig sind noch eine Handhabe hätten.

Damit ging nun eine schier unendliche Geschichte zu Ende, die in den meisten europäischen Ländern bereits Realität ist. Diskutiert wird über ein Rauchverbot in Österreich bereits seit 25 Jahren, der Weg dorthin war steinig. Beschlossen wurde es dann 2015 von der rot-schwarzen Koalition, das Inkrafttreten war für Mai 2018 vorgesehen. Dieses Verbot kippte dann die türkis-blauen Regierung wieder. Nach dem Don´t Smoke - Volksbegehren mit 881.692 Unterstützer, das von der Ärztekammer für Wien und der der österreichischen Krebshilfe initiiert wurde, machte die Ibiza-Affäre den Weg frei. Im Parlament wurde das Rauchverbot im Spiel der freien Kräfte gegen die FPÖ-Stimmen doch beschlossen.

Für die Gesundheit sollte das Rauchverbot rasch positive Auswirkungen zeigen - nämlich innerhalb einer Woche 623 Spitalsaufenthalte weniger. Der Grazer Sozialmediziner Florian Stigler hat die Erfahrungen anderer Staaten auf Österreich umgelegt. „Internationale Studien zeigten, dass eine rauchfreie Gastronomie Herzinfarkte um durchschnittlich 15 Prozent, Schlaganfälle um 16 Prozent und Lungenentzündungen um 24 Prozent reduzierte."

Zigarette_Boden
It´s the end of the world as we know it – zumindest für so manchen Raucher gilt das seit heute Nacht. Geraucht werden darf in der Gastronomie nämlich nicht mehr. Dem voraus ging ein zähes, politisches Hin und Her.
pixabay