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Coronavirus

Brasilien am Limit: Mehr als 5.000 Todesopfer

Die Infektionszahlen steigen, das Gesundheitssystem ist an der Grenze, am Mittwoch wurden mehr als 5.000 Todesopfer gezählt: Das Coronavirus könnte in Brasilien so schlimme Folgen haben wie zuletzt in New York oder Norditalien. Aber über den Umgang mit der Krise ist das größte Land Lateinamerikas äußerst gespalten.

red/Agenturen

In Brasilien sind mittlerweile mehr als 5.000 Menschen durch die Corona-Pandemie ums Leben gekommen. In den vorangegangenen 24 Stunden sei die Zahl der Todesopfer um den Rekordwert von 474 auf mehr als 5.000 gestiegen, teilte das Gesundheitsministerium in Brasilia mit. Womöglich sei die Opferzahl noch höher, da die Ursachen von 1.156 Todesfällen noch untersucht würden.

Damit starben in Brasilien nach offiziellen Angaben bereits deutlich mehr Menschen durch das neuartige Coronavirus als in China, wo der Erreger im Dezember erstmals bei Menschen festgestellt worden war und offiziell rund 4.600 Todesfälle registriert wurden. Insgesamt knapp 72.000 Corona-Infektionen wurden in Brasilien nachgewiesen.

Experten weisen darauf hin, dass die Testkapazitäten dort allerdings sehr begrenzt seien und daher wahrscheinlich viele Fälle unentdeckt blieben. Die Zahl der Infizierten in dem 210-Millionen-Einwohner-Land könne daher zwölf- bis 15-mal höher sein als offiziell angegeben. Auch nach den offiziellen Zahlen ist Brasilien das am schwersten von der Corona-Pandemie getroffene Land Südamerikas.

„System ist kollabiert“

Angesichts der steigenden Zahl von Corona-Infektionen ist das Gesundheitswesen in Manaus am Limit, es gibt allerdings Krankenhäuser, die ausschließlich Covid-19 Patientinnen und Patienten behandeln. Dabei herrschten dort auch schon vor dem Ausbruch der Pandemie chaotische Zustände. Funktionäre wurden wegen Korruption verhaftet, Gehälter nicht gezahlt. Nun erzählen Bewohner von Manaus am Telefon, dass sie aufgefordert werden, nur noch bei Atemproblemen ein Hospital aufzusuchen. „Das System ist kollabiert“, sagt einer von ihnen.

Nachdem ein Video kursierte, das Patienten neben in Plastikfolien gewickelte Toten zeigte, wurde ein Kühlcontainer zur Lagerung von Leichen vor einem Hospital aufgestellt. Massengräber wurden ausgehoben, die Särge werden inzwischen übereinandergestapelt.

Laut der Beobachtungsstelle brasilianischer Universitäten verdoppelte sich die Zahl der Corona-Toten zuletzt innerhalb von acht Tagen. „Das ist der Beginn der schwierigsten Phase in Brasilien“, sagt der Politikwissenschaftler Mauricio Santoro von der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro. „Nach einem Drehbuch, das wir schon anderswo gesehen haben - in Brasilien erschwert wegen unserer schwierigen sozialen Lage.“

„Kritischer Moment der Pandemie“

Auch in anderen Städten sind die Krankenhäuser an ihre Grenzen geraten. Auf den Intensivstationen der öffentlichen Kliniken in Rio de Janeiro gibt es keine freien Betten für Corona-Patienten mehr. Gelson Wagner Vossa Vaz liegt seit Tagen in der Notaufnahme und müsste eigentlich dringend auf eine Intensivstation verlegt werden. „Er wurde bereits intubiert. Sein Zustand ist sehr ernst“, berichtet sein Bruder Roberto Carlos dem Nachrichtenportal „G1“. Nun setzt Rio auf provisorische Hospitäler in Zelten - unter anderem im Maracana-Stadion.

„Wir sind in einem sehr kritischen Moment der Pandemie. Der Andrang ist sehr groß“, sagt Direktor Werner Scheinflug. „Es ist der Moment, in dem es am notwendigsten ist, zu helfen, und den Druck herauszunehmen, um die anderen Krankenhäuser zu entlasten.“ Geräte und Material hat eine der größten privaten Krankenhausgruppen Brasiliens zur Verfügung gestellt. In der Millionen-Metropole Sao Paulo hingegen gibt es große Probleme bei der Versorgung mit Material. Zuletzt demonstrierten Krankenschwestern und Pfleger wegen fehlender Schutzausrüstung.

Oftmals ist der Umgang mit der Krise in Brasilien aber noch betont lässig: In Rio de Janeiro nehmen Leute zu einem Plausch auf der Straße die Schutzmaske ab, manche stehen in Gasthäusern zusammen, als ob nichts passiert wäre. „Sie wollen den Ernst der Lage noch nicht wahrhaben“, meint ein Taxifahrer. Auch der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro nimmt das Coronavirus auf die leichte Schulter, hält nichts von Einschränkungen, fordert eine Rückkehr zur Normalität.

Argentinien vs. Brasilien

Dies steht in krassem Gegensatz zum Nachbarland Argentinien, wo seit dem 20. März eine recht restriktive Ausgangssperre gilt. Die meisten Menschen dürfen ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr verlassen. Erlaubt sind nur Besorgungen in nahen Lebensmittelgeschäften und Apotheken. Die Polizei setzt die Ausgangsbeschränkungen hart durch: Tausende Menschen wurden wegen Verstößen vorläufig festgenommen.

Durch die restriktive Corona-Politik ist es der Regierung von Präsident Alberto Fernandez gelungen, die Infektions- und Opferzahlen recht niedrig zu halten. Die gewonnene Zeit nutzte die Regierung, um provisorische Kliniken zu bauen und die Kapazitäten im Gesundheitswesen zu erhöhen. In Brasilien dagegen ist sich Bolsonaro mit seinen Ministern und den Gouverneuren uneins und trägt Grabenkämpfe aus.

Im Streit über den richtigen Umgang mit dem Virus entließ Bolsonaro den beliebten Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, der eine strenge Linie verfolgt hatte. Der prominente Justizminister und ehemalige Korruptionsermittler Sergio Moro trat aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zurück. Gouverneure wichtiger Bundesstaaten wie Rio de Janeiro oder Sao Paulo verfügten Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Manche, wie der Gouverneur von Santa Catarina, folgten aber auch Bolsonaros Motto „Brasilien darf nicht stillstehen“. Während die Zahl der Toten immer weiter steigt und Brasilien auf den Kollaps zusteuert, wurde in Blumenau im Süden des Landes bereits ein Einkaufszentrum wiedereröffnet. Dicht an dicht strömten die Besucher hinein - unter dem Applaus der Angestellten.

Rio de Janeiro Brasilien
Nach den USA ist Brasilien derzeit einer der Brennpunkte der Corona-Pandemie.
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