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Coronakrise

Phase 2: Italien startet mit Verwirrung, Spanien voll der Euphorie

Deutliche Lockerungen sind im schwer von Corona betroffenen Italien sowie Spanien zum Tragen gekommen. In Italien hat am Montag die „Phase 2“, allerdings verbunden mit Verwirrung, begonnen. Auch in Spanien hat die Lockerung der strengen Restriktionen angefangen, und zwar als Teil eines Vier-Phasen-Plans, mit dem das Land bis Ende Juni eine „neue Normalität“ erreichen möchte. Serbien, eines der Länder, die am Striktesten auf Sars-CoV-2 reagiert haben, will den Aufnahmezustand noch diese Woche aufheben.

red/Agenturen

In Italien kommt es zu ein wenig mehr Bewegungsfreiheit, doch die Ausgangsregeln sind teilweise unklar und sorgen für Verwirrung. Nachdem die Epidemiekurve seit Wochen rückgängig ist, dürfen Italiener ab Montag wieder in Parks spazieren gehen. Erlaubt ist nur Einzelsport, wie etwa Joggen. Besuche bei Angehörigen in der Wohngemeinde sind wieder gestattet, große Familientreffen und private Feiern hingegen weiterhin verboten. Viel wurde darüber spekuliert, wie genau der Begriff „Angehörige“ zu definieren ist. Besuche bei Partnern oder Verlobten, mit denen man nicht zusammenlebt, sind erlaubt, Freunde treffen jedoch nicht, teilte das Innenministerium nach langen Spekulationen mit.

Eine korrekt ausgefüllte Selbsterklärung über den Grund des Freigangs muss jeder Passant auch in der „Phase 2“ stets mit sich führen. Man braucht jedoch nicht den Namen des Angehörigen angeben, den man besucht. Vier Millionen Italiener nehmen am Montag wieder ihre Arbeit auf. Vorgesehen ist der Neustart von Industrie und Bauwirtschaft.

Eine offene Frage ist, wie die öffentlichen Transportsysteme auf die „Phase 2“ reagieren werden. In Bussen und U-Bahnen dürfen nur 50 Prozent der Fahrgäste, die normalerweise zugelassen werden, mitfahren. Ein- und Ausgänge auf Bahnhöfen und Flughäfen müssen anders gesteuert werden - etwa durch „Einbahnstraßen“. Büros sollten ihre Öffnungszeiten erweitern, um Stoßzeiten zu vermeiden. Beim Fliegen soll es Maskenpflicht geben.

Premier Giuseppe Conte rief die Italiener zu Pflichtbewusstsein auf. „Das Land ist in unseren Händen. Mit Umsicht und Entschlossenheit wollen wir verhindern, dass Italiens Wirtschaftsmotor zum Erliegen kommt. Wir können jedoch nicht neu starten, ohne zuerst an die Gesundheit und Sicherheit von uns allen zu denken. Ich bin zuversichtlich, dass wir es zusammen schaffen werden“, schrieb der Regierungschef auf Facebook.

Todesrate in Italien im März um 50 Prozent gestiegen

Die Zahl der Todesfälle im März ist in Italien gegenüber dem Vergleichsmonat 2019 stark gestiegen. Ein Plus von 49,4 Prozent wurde bei den Todesfällen verzeichnet, berichtete das italienische Statistikamt Istat.

Die Todesrate ist je nach Region unterschiedlich. Im Raum von Bergamo, Epizentrum der Coronavirus-Pandemie, wurde im März ein Zuwachs von 568 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat 2019 gemeldet. In der lombardischen Stadt Cremona betrug der Zuwachs 391 Prozent, in Lodi 371 Prozent und Brescia 291 Prozent.

In Rom sank die Todesrate sogar um 9,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut Istat gebe es klare Unterschiede zwischen Nord-, Mittel- und Süditalien. Die Zahlen betreffen 87 Prozent der 7.904 italienischen Gemeinden.

Vom 20. Februar bis zum 31. März wurden 13.710 Covid-19-Todesopfer in Italien gemeldet. Die Sterberate ist bei Männern in allen Altersgruppen höher, außer in jener zwischen 0 und 19 Jahren. Die meisten Todesopfer hatten Vorerkrankungen.

Spanien feiert

In Spanien hat die erste Lockerung der Ausgangssperre für Freizeitaktivitäten nach 48 Tagen für Partystimmung und volle Straßen gesorgt. Noch bis kurz vor Mitternacht strömten die Menschen am Samstag zahlreich und ausgelassen ins Freie. Erstmals seit Mitte März durften die knapp 47 Millionen Bürger aus dem Haus, um spazieren zu gehen oder Sport zu treiben.

Strandpromenaden wie das Paseo Marítimo in Barcelona füllten sich schon frühmorgens mit Radfahrern, Joggern und Spaziergängern. In Madrid sah man vor allem auf großen Straßen wie der Gran Vía oder dem Paseo de la Castellana sehr viele Menschen.

Selbst in weniger dicht besiedelten, sonst eher ruhigen Gebieten wie der nordwestlich von Madrid gelegenen Region Kastilien und León war am Samstag bei sommerlichen Temperaturen der Teufel los. „Heute joggen viele, die vorher noch nie in ihrem Leben gelaufen sind“, mutmaßte die regionale Gesundheitsministerin Verónica Casado, die ob der Menschenansammlungen „schon erschrocken“ war.

Die große Mehrheit hielt sich zwar an Ausgeh- und Distanzregeln. Aber es bildeten sich auch unerlaubte größere Gruppen. Ministerpräsident Pedro Sánchez mahnte zur Vorsicht: „Wir machen heute einen weiteren Schritt zur Lockerung der Ausgehsperre, wir müssen das aber vorsichtig und verantwortlich tun. Das Virus ist immer noch da“, schrieb der sozialistische Politiker auf Twitter.

Viele Bürger waren sehr früh aufgestanden. Denn neben örtlichen Beschränkungen und strengen Regeln gibt es zum Genuss der „neuen Freiheit“ auch Zeitfenster. Die meisten Erwachsenen und Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren dürfen nur zwischen 06.00 und 10.00 sowie zwischen 20.00 und 23.00 Uhr aus dem Haus. Bürger, die älter als 70 sind, dürfen zwischen 10.00 und 12.00 sowie zwischen 19.00 und 20.00 Uhr raus. Kinder unter 14 dürfen zwischen 12.00 und 19.00 Uhr mit einem Elternteil vor die Tür.

Beim Spazierengehen darf man sich nur bis zu einem Kilometer vom eigenen Wohnsitz entfernen. Beim Sport soll man die Wohngemeinde nicht verlassen. Sport muss man unbegleitet treiben, spazieren gehen darf man zwar auch zu zweit, aber nur mit einem Mitbewohner. In einigen Städten, darunter in Madrid, blieben die Parks vorerst alle weiterhin geschlossen. Viele Küsten- und Badeorte gestatteten zwar das Betreten der Strände, untersagten aber mehrheitlich weiterhin das Baden im Meer oder das Sonnen im Sand.

Die Lockerung ist Teil des Vier-Phasen-Plans, mit dem Spanien bis Ende Juni eine „neue Normalität“ erreichen möchte. Jede Stufe soll zwei Wochen dauern. Nach und nach sollen immer mehr Geschäfte, Lokale und Kirchen sowie später Fitnessstudios, Kinos, Theater und Hotels geöffnet werden. Reisen zwischen den Regionen werden frühestens Ende Juni wieder erlaubt sein. Mit ausländische Touristen wird frühestens im Herbst gerechnet. In Spanien durfte man seit Mitte März und bis Freitag nur noch in Ausnahmefällen und allein aus dem Haus - etwa, um zur Arbeit zu fahren, den Hund auszuführen oder Einkäufe zu tätigen.

Der „Hausarrest“ trage Früchte, betonte Sánchez am Samstag. Die Zahl der neuen Toten lag mit 276 erstmals seit Mitte März am dritten Tag in Folge unter 300. Insgesamt starben bisher 25.100 Infizierte. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionsfälle kletterte um knapp 1150 oder nur noch gut 0,5 Prozent auf etwas über 216 000. Sánchez kündigte an, er werde beim Parlament dennoch eine Verlängerung des Alarmzustands um weitere zwei Wochen beantragen. Zudem werde von Montag an das Tragen von Schutzmasken in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht sein.

Serbien plant Ausnahmezustand zu beenden

In Serbien, wo ähnlich strenge Regelungen gerade für die ältere Bevölkerung galten, wird der Ausnahmezustand wird nun am kommenden Donnerstag aufgehoben, wie Präsident Aleksandar Vucic am Sonntagabend im serbischen Fernsehen ankündigte. Eine entsprechende Entscheidung des Parlamentes soll am Mittwoch fallen.

Ab dem heutigem Montag wurde in Serbien der Eisenbahn- und regionale Busverkehr wieder aufgenommen. Der städtische öffentliche Verkehr in Belgrad wird am Freitag wieder den Betrieb gehen. Auch Restaurants und Cafes dürfen seit Montag ihren Betrieb wieder aufnehmen. Kindergärten werden ab kommenden Montag wieder geöffnet werden, allerdings mit verringerter Kapazitäten.

Die ursprünglich für 26. April geplanten Parlamentswahlen sollen laut Vucic im Juni abgehalten werden - entweder am 14. oder am 26. Die Aufhebung des Ausnahmezustandes bedeutet allerdings nicht auch die Aufhebung aller geltenden Beschränkungen. Diese gelten weiter und können nach Bedarf auch verschärft werden.

Mit der Aufhebung des Ausnahmezustandes wird der Einsatz des Militärs beendet. Derzeit werden vom Militär Krankenhäuser und öffentliche Institutionen bewacht. Auch Flüchtlingscamps werden seit Mitte März von Soldaten bewacht, bzw. die Bewegungsfreiheit der rund 9.900 Migranten massiv eingeschränkt. Sie dürfen die Camps derzeit nicht verlassen.

Seit Verhängung des Ausnahmezustandes am 17. März gilt in Serbien eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 18.00 und 5.00 Uhr in der Früh. Auch die meisten Wochenende mussten die Bürger zu Hause verbringen. Den über 65-jährigen wurde es zunächst völlig untersagt, ihr Heim zu verlassen. Mittlerweile dürfen sie täglich einen einstündigen Spaziergang machen, allerdings erst nach 18.00 Uhr, wenn für die anderen die Ausgangssperre gilt. Auch die Nahrungsmittelgeschäfte sind für die ältere Generation nur einmal wöchentlich offen und zwar von 04.00 bis 7.00 Uhr früh. Welche von diesen Maßnahmen, die für die älteste Generation gelten, ab Donnerstag nicht mehr in Kraft sind, war zunächst unklar.