Coronavirus

Messe Wien: „Es ist Routine eingekehrt"

„Es gab Anlaufschwierigkeiten, ja“ sagt die ärztliche Leiterin der Einrichtung, Susanne Drapalik. Nach der Evakuierung des Asylwerberheims Erdberg in die Messe Wien am 1. Mai hat es wiederholt Vorwürfe, im Covid-19-Betreuungszentrum herrschten chaotische Zustände gegeben. Besagte Anlaufschwierigkeiten seien aber in kürzester Zeit beseitigt worden: „Es hat sich Routine eingestellt.“

red/Agenturen

Das mit rund 400 Flüchtlingen belegte „Haus Erdberg“ hatte am „Tag der Arbeit“ akut umgesiedelt werden müssen, nachdem dort eine Reihe von Bewohnern positiv auf das Coronavirus getestet worden waren und das Gebäude selbst u.a. aus baulichen Gegebenheiten nicht unter Quarantäne gestellt werden konnte. Neben mehr als einem Dutzend Infizierten in der Halle A befinden sich 277 Personen als Kontaktpersonen in der Halle C in Absonderung.

Die Entscheidung, die Heimbewohner in die Messe zu verlegen, sei am 1. Mai am Abend sehr rasch gefallen, erinnert sich Drapalik. Sie ist Landeschefärztin des Samariterbunds, der für das Betreuungszentrum Messe verantwortlich ist. Alles habe in großer Geschwindigkeit erfolgen müssen. „Am 1. Mai - einem Feiertag - 300 Menschen zu verlegen, ihnen das zu erklären, ihnen gleich Essen anzubieten und Personal, das noch kurz geschult werden muss, bereitstellen zu können, war schon eine Riesen-Herausforderung, die aber eigentlich geklappt hat.“

„In Krise bleibt keine Zeit für Sesselkreis“

War der Messe-Betreuungsstandort überhaupt für eine derart rasche Besiedelung mit mehreren Hundert Personen auf einen Schwung ausgelegt? „Von der Grundkonzeption war das eigentlich nicht vorgesehen“, meint Drapalik: „Aber in einer Krise kann dann halt auch eine Situation auftauchen, mit der man nicht gerechnet hat. Das hat eine Krise so an sich.“ Man habe schnell entscheiden müssen: „In einer Krise hast du nicht die Zeit für einen Sesselkreis.“

Die Aufregung ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten, da Berichte von dort untergebrachten Personen, aber auch Mitarbeitern nach außen drangen. So wurde etwa bekannt, dass Muslimen - noch dazu an Ramadan - ein Gericht mit Schweinefleisch angeboten wurde. „Das war ein Hoppala. Das hätte nicht passieren dürfen. Aber es passieren Fehler - und wir haben das sofort ausgetauscht“, sagte Drapalik. Die Fleischzutat sei auf der Verpackung nicht gleich ersichtlich gewesen.

Inzwischen stünden Speisen, die halal sind, zur Verfügung und würden auch - den Ramadan-Vorschriften gemäß - um 3.00 Uhr früh verzehrt werden können. Freunde von außen könnten ebenfalls Essenspakete abgeben, die dann den Personen überbracht werden.

Fotos in Sozialen Medien zeigten außerdem dicht gedrängte Menschen teils ohne Mundschutz in der Quarantäne-Halle. Auch Fluchtversuche habe es gegeben, so die Behauptung. Ein dort tätiger Zivildiener, der im Herbst bei der Wien-Wahl für die NEOS kandidieren will und die Zustände in der Messe angekreidet hat, ist inzwischen vom Dienst freigestellt worden, wie der „Kurier“ am Donnerstag berichtete. Drapalik argumentiert mit dem Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht. Über diese werde das Personal am Anfang auch unterrichtet: „Das hat nichts mit seinem politischen Hintergrund zu tun.“ Es hätte genug Möglichkeiten gegeben, geortete Missstände intern zu melden. Der Zivildiener habe dies aber nicht getan.

Notwendigkeit der Quarantäne schwer zu vermitteln

Drapalik berichtet, dass die Einhaltung der Corona-Regeln am Beginn alles andere als leicht durchzusetzen gewesen sei. „Das war am Anfang schwer. Wir mussten immer wieder sagen: Bitte Masken tragen. Bitte keine Schlangen bilden. Bitte Abstand halten.“ Es seien mehrsprachige Durchsagen gemacht und Zettel aufgehängt worden - in Deutsch, Englisch, Farsi, Arabisch.

Man habe die Menschen vor der Übersiedlung informiert. Die größte Herausforderung sei aber gewesen, Leuten, die sich eigentlich gesund fühlen, die Notwendigkeit der Quarantäne zu erklären. „Der Großteil der Personen sind Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Wenn man fast 300 junge Männer in eine Halle sperrt und ihnen sagt 'Du darfst nicht mehr hinausgehen', ist das nicht so einfach“, so die Medizinerin. „Ausbruchsversuche“ habe es trotzdem keine gegeben. „Manche haben geglaubt, es wäre erlaubt einkaufen zu gehen. Da mussten wir noch einmal erklären, was Quarantäne heißt.“

Inzwischen sei die Lage aber äußerst ruhig. Sollte es zwischendurch trotzdem zu kleineren Reibereien kommen, seien Securitys und Dolmetscher an Ort und Stelle. Außerdem hätten die Flüchtlinge Kontakt zu ihren Betreuungspersonen aus dem „Haus Erdberg“, der Psychosoziale Dienst und die Akutbetreuung Wien würden unterstützen.

Drapalik sagt, dass die 277 Flüchtlinge mit negativem erstem Test inzwischen ein zweites Mal getestet wurden. Das Ergebnis soll noch vor dem Wochenende vorliegen: „Es hat bisher aber niemand Symptome entwickelt.“ Nach Ablauf der zweiwöchigen Quarantäne - also Mitte Mai - sollen die Personen wieder zurück in das inzwischen vollständig desinfizierte Quartier in Erdberg übersiedeln. Wobei laut der Ärztin auch darüber nachgedacht wird, sie eventuell auf mehrere kleinere Unterkünfte aufzuteilen. „Aber man darf nicht vergessen: Das ist ihr Zuhause.“

 

Messe Wien
Die Messe Wien: In den Hallen A und C wurden je 880 Betten - angeordnet in Zweierkojen - gestellt, in die Halle D kamen noch einmal 480 Betten. Auf bis zu 3.100 Betten hätte man im Bedarfsfall steigern können.
Reed Messe Wien_David Faber