Coronavirus

Psychologen sollen Kinder bei Schulbeginn unterstützen

Psychologen sollen die italienischen Kinder unterstützen, die nach über sechsmonatigem Unterrichtsstopp infolge der Coronavirus-Epidemie im September wieder in die Schulen gehen werden. Vor allem sollen Psychologen jene Schüler betreuen, die unter Angst vor der Ansteckung leiden, heißt es im Bildungsministerium in Rom, das für den Schulbeginn am 14. September arbeitet.

red/Agenturen

Klassenzimmer sind mit maximal 15 Schüler geplant, um Infektionen zu vermeiden. „So können wir endlich das Problem der überfüllten Klassen lösen, da in den vergangenen Jahren am Schulsystem heftig gespart wurde“, erklärte Bildungsministerin Lucia Azzolina.

Da zusätzliche Klassen gebildet werden, wird der Unterricht auch in Kinos, Theatern und Museen stattfinden. Geplant ist die zusätzliche Anstellung zehntausender Lehrer. Gestaffelte Zeiten für den Schulbeginn sind vorgesehen, um Massenandrang in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu verhindern.

Lehrer können sich auf freiwilliger Basis kostenlosen Antikörper-Tests unterziehen. Kinder dürfen von nur einem Elternteil in die Schule begleitet werden. Neben dem Unterricht in Klassenzimmern soll auch Fernunterricht angeboten werden. Die Regierung stellt einkommensschwachen Familien einen Bonus für den Erwerb von PCs und Tablets für den Fernunterricht der Kinder zur Verfügung.

Für jede Schule soll ein Arzt auf die Umsetzung der Anti-Covid-Sicherheitsvorkehrungen achten. In den Schulkantinen sollen Einzelportionen in Plastikbehälter angeboten werden. Schulleiter müssen Ansammlungen vor den Snack-Automaten vermeiden.

Die Schulen sind wegen der Coronavirus-Pandemie in Italien seit dem 5. März geschlossen. Dies hatte den Protest vieler berufstätiger Eltern ausgelöst. Die Regierung stellte Familien einen Baby-Sitter-Voucher zur Deckung der Kosten für Kinderbetreuung in diesen Monaten zur Verfügung.

Studienlage nach wie vor unklar

Vor dem Ende der Sommerferien basteln viele Staaten eifrig an Konzepten zur Wiedereröffnung der Schulen. Immer wieder wird dabei ein evidenzbasiertes Vorgehen gefordert. Problem: Genau diese Evidenz zur Verbreitung von Covid-19 durch Kinder gibt es aber nicht - darauf haben nun deutsche Forscher anlässlich der Schulöffnungen in Deutschland hingewiesen.

Anlässlich des Schulbeginns in manchen deutschen Bundesländern hat das Science Media Center Germany verschiedene Expertenmeinungen eingeholt und veröffentlicht. Tenor: „Wissenschaftlich herrscht allerdings erhebliche epistemische Unsicherheit bei der entscheidenden Frage, welche Rolle Kinder und Jugendliche, die selber sehr selten an Covid-19 erkranken, bei der Verbreitung der Epidemie in der Bevölkerung spielen.“

Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe emerging viruses an der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf, verwies auf die meist milderen und oft asymptomatischen Verläufe bei Kindern. „Ob Kinder genauso häufig wie Erwachsene infiziert werden, und wie effektiv Kinder die Infektion auf andere weiter übertragen, ist im Moment noch nicht ausreichend verstanden. Hohe Viruslasten bei Kindern lassen es biologisch plausibel erscheinen, dass Kinder die Infektion auch weitergeben können, wie dies für alle anderen Erkältungserreger auch der Fall ist.“

Die bisherigen Studien zum Thema böten keine ausreichende Orientierung, so Eckerle. „Das große Problem bestehender epidemiologischer Studien ist, dass diese fast ausschließlich in der artifiziellen Situation eines 'Lockdowns' inklusive Schulschließungen entstanden sind. Oder in den vergangenen Monaten erfolgten, wo die Infektionsinzidenz an vielen Orten sehr gering war. Damit können diese Studien uns keine gute Orientierung für den kommenden Winter geben.“

Bei der aktuellen Debatte fehle ihr der Blick auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse - wie beispielsweise die Möglichkeit der Aerosol-Übertragung und das hohe Risiko, wenn sich viele Menschen über längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten. „Wir haben zwar gute Konzepte zur Händehygiene, aber wir brauchen auch Konzepte zum ausreichenden Luftaustausch in Klassenzimmern“, meinte Eckerle. „Wenn wir jetzt zum normalen Schulalltag zurückgehen und uns an ein Wunschdenken klammern, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie spielen, dann wird uns das auf die Füße fallen.“

Nötig sind für Eckerle „auf jeden Fall kleinere Klassen, feste Bezugsgruppen, effiziente Strukturen zur schnellen Testung von symptomatischen Kindern und Lehrern sowie eine Strategie, wie man mit Infektionsfällen an einer Schule umgeht, wahrscheinlich auch Masken, und vieles mehr.“

Bisherige Untersuchungen meist während Lockdowns oder in Phase geringer Infektionszahlen

Richard Neher, Forschungsgruppenleiter Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel, meinte anlässlich einer Modellrechnung aus Großbritannien zum Einfluss von Schulöffnungen auf eine zweite Covid-19-Welle. „Im März wurden mehr oder weniger gleichzeitig in den meisten europäischen Ländern viele soziale Distanzierungsmaßnahmen eingeführt. Daher ist es schwierig, den Rückgang der Virus-Ausbreitung einzelnen Maßnahmen wie zum Beispiel Schulschließungen zuzuordnen.“

Ohnehin sei es wesentlich informativer, die Erfahrungen verschiedener Länder nach Schulöffnungen zu untersuchen. Aber auch hier sind die Resultate widersprüchlich: „An vielen Orten wurde der Präsenz-Unterricht zumindest teilweise wieder aufgenommen, ohne dass es zu größeren Ausbrüchen kam. An anderen Orten, Israel zum Beispiel, werden Schulen mit einer zweiten Welle in Verbindung gebracht.“

Ähnlich auch Hans-Georg Kräusslich, Abteilungsleiter Virologie am Zentrum für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg: Zwar hätte sich in mehreren Studien gezeigt, dass insbesondere jüngere Kinder unter zehn Jahren seltener infiziert sind als Erwachsene. „Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die meisten Studien zum Zeitpunkt zumindest partieller Kontaktbeschränkungen entstanden sind.“ Klar sei, dass Kinder infiziert werden und das Virus auch weitergeben können - „nach aktuellem Stand scheinen sie jedoch nicht besonders zur schnellen Ausbreitung des Erregers beizutragen, während dies bei anderen Infektionen der Atemwege der Fall ist.“

Auch Kräusslich verweist auf Infektionsherde an Schulen nach deren Öffnung etwa in Israel. „Hygienemaßnahmen und Maskenpflicht zumindest bei Verlassen des Klassenraums bleiben somit aus virologischer Sicht sehr wichtig. Inwieweit weitere Maßnahmen notwendig seien, könne man erst im weiteren Verlauf sicher beurteilen.

 

Stellungnahme Gesellschaft für Virologie