Die Pille wurde 60 Jahre alt

Die „Anti-Baby-Pille“ ist vor kurzem 60 Jahre alt geworden. Am 9. Mai 1960 wurde das erste Präparat in den USA zugelassen. Deutschland folgte am 1. Juni 1961. In Österreich kamen die Ovulationshemmer erst 1962 auf den Markt. Am Dienstag erklärte der Wiener Gynäkologe Christian Fiala, die Kontrolle der natürlichen Fruchtbarkeit sei „eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften unserer Zeit“.

red/Agenturen

„Frauen bekommen natürlicherweise in den rund 35 Jahren ihrer Fruchtbarkeit zwölf bis 15 Kinder, wünschen sich aber meist nur ein bis zwei Kinder“, hieß es in einer Aussendung. Erstmals hätten sie ihre Fruchtbarkeit den eigenen Wünschen anpassen und damit ihr Leben selbst bestimmen können. Fiala führte aus: „Heute gibt es über 60 verschiedenen Präparate, so dass die meisten Frauen eines finden, welches sie gut vertragen. Neben der wirksamen Verhütung ermöglicht die Pille für viele Frauen auch eine Besserung anderer Beschwerden. Nicht nur unreine Haut, sondern auch zahlreiche Menstruationsbeschwerden werden durch die Pille verbessert oder ganz vermieden. So ist nachvollziehbar, dass die Pille mit großem Abstand (34 Prozent) die häufigste von Frauen angewendete Verhütungsmethode ist, gefolgt von der Hormonspirale (sechs Prozent).“

 „Pill scare“ - die Angst vor der Pille

Seit einigen Jahren sei jedoch eine zunehmende Ablehnung hormoneller Verhütung zu beobachten. Diese Kritik an der Pille sei nicht neu, sondern sei bereits mit ihrer Einführung laut geworden. „Aber während Frauen in den ersten Pillen-Generationen noch wussten, dass natürliche Verhütung zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften führt, ist dieses Bewusstsein für die natürliche Fruchtbarkeit in den letzten Jahrzehnten zunehmend verloren gegangen. Mittlerweile glaubt ein Fünftel der Frauen, dass sie ganz ohne Verhütung ohnehin nur null bis drei Kinder bekommen würden. Die Folge: viele ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen als Folge des 'Pill Scare'.“

60 Jahre nach der Einführung der Pille bleibt für Fiala aber noch einiges zu tun, damit Frauen sich besser schützen können. So sollte mehr über die Einnahme im „Langzyklus“ informiert werden, die durchgängige Einnahme der Pille ohne die einwöchige Pause nach drei Wochen.

Kritik an fehlender Kostenübernahme

„Biologisch betrachtet haben Frauen mit der Einnahme der Pille keinen Eisprung und folglich auch keinen Zyklus. Deshalb benötigen sie auch keine künstlich ausgelöste monatliche Blutung. Dieses Einnahmeschema 21 plus sieben wurde vor 60 Jahren lediglich aus Marketinggründen eingeführt, um die Akzeptanz der Pille in der damals sehr konservativen Gesellschaft zu erhöhen“, erklärte der Arzt. Allerdings reduziere diese siebentägige Einnahmepause Monat für Monat die Wirksamkeit der Pille signifikant. Es reiche, die Pille einmal im Jahr für eine Woche abzusetzen, um die Schleimhaut der Gebärmutter auszuscheiden.

Unverständlich ist für Fiala auch, dass Österreich als eines der wenigen Länder in Westeuropa selbst nach 60 Jahren noch immer keine Kostenübernahme wirksamer Verhütungsmittel anbiete, sondern die Kosten ausschließlich Frauen aufbürde. Dies sei auch sozial ungerecht. Laut Fiala könnte durch eine Kostenübernahme von hochwirksamen Verhütungsmitteln die Zahl der Abtreibungen in Österreich von derzeit rund 30.000 jährlich um ein Drittel bzw. um etwa 10.000 gesenkt werden. Auch dass Frauen alle 3 Monate ein neues Rezept für die Pille benötigen sei medizinisch nicht nachvollziehbar. Besonders in Zeiten langer Warteschlangen bei Gynäkologen führt diese zu einem unnötigen Stress bei Frauen und erhöht die Zahl der ungewollten Schwangerschaften. 

Pille Anti-Baby-Pille
Auch 60 Jahre nach der Einführung der Pille bleibt für den Wiener Gynäkologen und Verhütungsexperten Fiala noch einiges zu tun, damit Frauen besser informiert sind und sich besser schützen können.
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