Mädchen fernöstlich behandelt und fast gestorben - Ärzte vor Gericht

Zwei Ärzte, die ein Mädchen nach der Fünf-Elemente-Theorie behandelt hatten, haben sich am Mittwoch wegen fahrlässiger Körperverletzung am Wiener Landesgericht verantworten müssen. Das Kind war jahrelang nur mit Akupressur, Akupunktur sowie Enzymen gegen Colitis Ulcerosa therapiert worden - bis es nach einem Multiorganversagen im Juli 2019 gerade noch durch die Schulmedizin gerettet wurde.

red/Agenturen

Die Mediziner, ein praktischer Arzt und ein koreanischer Arzt der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), der in Wien allerdings nur als Therapeut praktizieren darf, verantworteten sich damit, dass ihre Behandlung lediglich komplementär, also erlaubterweise ergänzend zur Schulmedizin gewesen wäre. Der Österreicher führt auch eine entsprechende Abteilung an einem oberösterreichischen Spital, wo man u.a. versucht, bei Krebspatienten die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu lindern.

Über diese Einrichtung kam der Arzt in Kontakt zu den Eltern des mittlerweile 13-jährigen Mädchens. Dieses war bereits seit 2012 wegen der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung in normaler Spitalsbehandlung. Ab Juni 2013 wurde die Kleine auch in dem Institut des Angeklagten nach fernöstlicher Lehre in Wien therapiert. Er will aber von Beginn an darauf aufmerksam gemacht haben, dass dies nur zusätzlich zur normalen Medizin geschieht.

Das allerdings wird von den Eltern, ein Verfahren gegen sie wurde bereits eingestellt, in Abrede gestellt. Man sei der Meinung gewesen, dass ihre Tochter integrativ behandelt würde. Man habe ein derartiges Vertrauen in die Fähigkeiten des Koreaners gehabt, dass man gegen den ausdrücklichen Rat aller konservativen Mediziner 2014 die Behandlung im Welser Spital beendet habe, weil der TCM-Experte dies empfohlen habe. Zudem habe man geglaubt, auch schulmedizinisch in dem Institut behandelt zu werden.

Warum die Mutter, eine ausgebildete Krankenschwester, geglaubt hätte, dass ihrer Tochter eine integrative Behandlung zuteil wurde, war Verteidiger Martin Deuretsbacher offensichtlich ein Rätsel. In dem Institut liegen Teppiche, die Patienten ziehen die Schuhe aus, Kinder spielen am Boden, Hintergrundmusik und Räucherstäbchen sorgen für fernöstliche Stimmung. Was es dagegen nicht gibt, sind Blutdruckmessungen, -abnahmen oder sonstige medizinische Gerätschaften, die man sonst in praktischen Ordinationen findet. Auch werden keine Rezepte ausgestellt, dafür Meridiane behandelt und Entgiftungskugeln verteilt.

Empfehlungen der Spitalsärzte ignoriert

Der Arzt wollte nicht gewusst haben, dass die Familie die schulmedizinische Behandlung abgebrochen hatte. Des öfteren habe er Blutbefunde verlangt, diese aber nie bekommen. Zudem habe er weitere Fachärzte empfohlen und, als sich der Zustand des Kindes im Juli 2019 plötzlich dramatisch verschlechterte, ausdrücklich empfohlen, ein Spital aufzusuchen. „Ich habe gesagt, wenn es meine Nichte wäre, würde ich sofort in ein Krankenhaus fahren.“

Ganz anders stellten die Eltern und vor allem die mehr involvierte Mutter die Situation dar: „Ich habe nie die Schulmedizin abgelehnt, meine Kinder sind geimpft. Ich weiß sehr wohl, dass ohne Schulmedizin nichts geht.“ Man habe geglaubt, integrativ behandelt zu werden. Richter Andreas Böhm hielt der Krankenschwester jedoch mehrmals vor, dass sie erkennen hätte müssen, dass hier keinerlei konservative Behandlung durchgeführt wurde. Warum sie dem Bundessozialamt eine Bestätigung des Mediziners vorgelegt hatte, in der dieser ausdrücklich über die komplementäre Behandlung schreibt, konnte die Oberösterreicherin ebenfalls nicht erklären.

Man habe sich von den Lobeshymnen auf den Koreaner auf der Homepage blenden lassen und dieser „Koryphäe“ derart vertraut, dass man die Empfehlungen der Spitalsärzte ignoriert habe. Ein Versuch, diesen zu befragen, scheiterte an Sprachschwierigkeiten, weshalb bei der nächsten Verhandlung ein Dolmetsch zugezogen wird.

Ebenfalls nicht erschienen war die Tochter, diese sei laut einem systemischen Familientherapeuten zu traumatisiert, sagte die Mutter. Aufgrund der schweren Vorwürfe gegen die beiden Ärzte, wollte Böhm nicht auf die Aussage des Kindes verzichten, außer ein Psychotherapeut bestätigt, dass dies der 13-Jährigen nicht zuzumuten ist. Die Verhandlung wurde deshalb auf unbestimmte Zeit vertagt.