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Coronavirus

Tschechischer Premier gestand erstmals Fehler

Der tschechische Regierungschef Andrej Babis hat erstmals Fehler in der Bekämpfung des Coronavirus eingestanden. Im Video auf seinen Facebook-Profil reagierte er auf die rasant angestiegenen Zahlen von Neuinfektionen in seinem Land in den letzten Tagen.

red/Agenturen

Die schnelle Lockerung der Restriktionen im Juni und Juli sei „vielleicht Fehler“ gewesen. „Im Juni hatten wir das Gefühl, dass das Coronavirus weg ist. Leider haben wir uns geirrt“, sagte Babis und fügte hinzu, die Menschen hätten sich aber damals beschwert, dass die Regierung ihnen Maulkörbe anlegen wolle und dass Unternehmen beschränkt würden. Jetzt schreien jene am meisten, die früher nach Lockerungen gerufen hätten, so der Premier.

Unterdessen forderte Gesundheitsminister Adam Vojtech am Montag die Tschechen auf, sich „gut zu überlegen“, ob sie sich selbst ohne Empfehlung der Ärzte testen lassen. Vojtech reagierte so auf die starke Überforderung der Teststationen. Für einen Termin muss man in Tschechien bis zu einer Woche warten oder stundenlang in der Schlange vor den Teststellen stehen. „Für einen Test sollte man einen klaren Grund haben“, so Vojtech. Man könne aber niemanden daran hindern, sich testen zu lassen. Man werde die Kapazitäten weiter ausbauen, versprach der Minister.

Die Infektionszahlen steigen in dem 10,7-Millionen Nachbarland weiter rasant an. In der vergangenen Woche lagen die täglichen Zuwächse zwischen 1.100 und fast 1.600, nur am Sonntag fiel die Zahl auf 792, was allerdings auf weniger Tests zurückzuführen ist. Der renommierte Hygieniker Roman Prymula gestand, dass es in Tschechien eine „zweite Welle“ gebe.

Fast 1.400 Neuinfektionen in Tschechien bedeuten Rekord

Tschechien hat zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage einen Rekord bei den Corona-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Am Donnerstag wurden 1.382 weitere Fälle verzeichnet, rund 220 mehr als am Vortag. Das gab das Gesundheitsministerium in Prag am Freitag bekannt. Die Zahl der aktuell Infizierten lag bei 11.178.

Es hieß, dass die Infektion bei den meisten einen leichten Verlauf nehme. Im Krankenhaus wurden nur knapp 250 Patienten behandelt. Bisher wurden in Tschechien 448 Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung registriert. Tschechien hat knapp 10,7 Millionen Einwohner. Das deutsche Auswärtige Amt hatte am Mittwoch eine Reisewarnung für die Hauptstadtregion Prag ausgesprochen. Seit Donnerstag gilt in ganz Tschechien wieder eine Maskenpflicht in fast allen Innenräumen sowie in allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Regierung kündigte an, dass alle Senioren ab 60 Jahren in den nächsten Tagen per Post fünf kostenlose Mundschutzmasken und eine partikelfiltrierende Atemschutzmaske erhalten sollen. Unterdessen kam es in mehreren Altersheimen zu einem Corona-Ausbruch. Teils half die Armee aus.

Ampel in Prag und vier weiteren Bezirke mit Warnstufe Gelb gekennzeichnet

Eine regionale Corona-Ampel soll in Tschechien helfen, Maßnahmen gezielter zu ergreifen. Seit Freitag sind neben der besonders betroffenen Hauptstadt Prag auch vier weitere Bezirke in ihrem Umkreis mit der Warnstufe Gelb gekennzeichnet. Diese gilt zudem in Uherske Hradiste (Ungarisch Hradisch) an der Grenze zur Slowakei. Die Warnstufe Gelb bedeutet eine „beginnende Übertragung innerhalb der Gemeinschaft“. In Prag wird es vom Montag an verpflichtend sein, sich beim Betreten von Geschäften und Restaurants die Hände zu desinfizieren. Dies soll die Polizei überwachen.

Die Opposition warf Ministerpräsident Andrej Babis vor, zu spät gehandelt zu haben. „Heute ist allen klar, dass die Ausbreitung des Virus praktisch außer Kontrolle geraten ist“, kritisierte der Vorsitzende der Bürgerdemokraten (ODS), Petr Fiala, im Parlament. Die Kontaktnachverfolgung mit Handydaten und Corona-App funktioniere nicht wie geplant. In drei Wochen finden in Tschechien Regionalwahlen und Ergänzungswahlen zum Senat statt.

Die Slowakei könnte indes ihre Nachbarländer Österreich und Tschechien auf die Rote Liste der Corona-Risikoländer setzen. So lautet die Empfehlung des slowakischen Expertenrates, die aber noch von der Pandemiekommission bestätigt werden muss, wie der slowakische Nachrichtensender TA3 am Freitag berichtete. „Es gibt die Befürchtung, dass Österreich und Tschechien zu roten Ländern erklärt werden könnten,“ bestätigte der Staatssekretär des slowakischen Außenressorts Martin Klus dem Sender gegenüber. Für Reisende aus roten Ländern gilt in der Slowakei Quarantänepflicht.