praevenire Gesundheitstage

Immunonkologie als „Game Changer"

Die Gesundheitspolitik fürchtete sich vor den entstehenden Behandlungskosten. Doch für die Patienten hat die neue Immunonkologie zumindest bei fortgeschrittenen Melanom- und Lungenkarzinom-Erkankungen völlig verändert. Die Ärzte seien von bloßen Sterbebegleitern zu Therapeuten mit Erfolgsaussichten geworden, hieß es Dienstagabend bei einem Auftaktgespräch zu den Praevenire-Gesundheitstagen in Seitenstetten (NÖ).“

red/Agenturen

Beim Bronchuskarzinom war die Immuntherapie ein absoluter 'Game Changer'. Seit 2015 haben wir Patienten, die noch immer 'quietschvergnügt' in unsere Ambulanz kommen. Wir merken, dass wir auf einem ganz anderen 'Level' behandeln. Das kann man noch viel größer auf das Melanom übertragen, wo es früher keine Behandlung gegeben hat“, sagte der Innsbrucker Onkologe Georg Pall.

Den entscheidenden Fortschritt gab es vor etwa fünf Jahren mit der Etablierung der sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren: Derzeit vor allem monoklonale Antikörper, welche durch Blockade von PD-1, PD-L1- oder CTLA4-Oberflächenmolekülen auf Immunzellen die bei Krebserkrankungen auftauchende Hemmung der körpereigenen Abwehrkräfte wieder aufheben.“

Innovative Krebstherapien haben Behandlung von Melanom- und Lungenkarzinom-Erkrankungen völlig verändert

Ich selber behandle seit 20 Jahren eigentlich nur Lungenkarzinom-Patienten. An der Berliner Charite, wo ich im Jahr 2000 begonnen habe, haben wir damals eigentlich reine Sterbebegleitung gemacht. Das hat sich komplett geändert“, erklärte der Wiener Spezialist Maximilian Hochmair (Klinik Floridsdorf). Bei Patienten mit Lungenkarzinomen, bei denen sich durch Biomarker-Tests eine hohe Wahrscheinlichkeit des Ansprechens auf die Immuntherapeutika ergebe, sehe die Situation derzeit so aus: „Ein Drittel ist nach fünf Jahren am Leben und weitgehend gesund. Früher waren das ein Prozent.“

Was beim Melanom und beim Lungenkarzinom so gut wirkt, ist bei vielen anderen bösartigen Erkrankungen noch in der Forschungsphase. Die Immun-Checkpoint-Inhibitoren wirken offenbar längst nicht gleich bei den unterschiedlichen Krebserkrankungen. Hier befände man sich oft noch auf der Suche nach „Nischen“, wo sie einen Effekt haben könnten, erklärte Onkologin Birigt Grünberger (LKH Wiener Neustadt). Auch an Kombinationstherapien wird gearbeitet.“

Österreich ist in der Behandlung des Lungenkarzinoms ein Weltmeister. Wir sind unter den fünf Besten.“ Beim Nichtraucherschutz sei Österreich mit dem Gastro-Rauchverbot internationale vom letzten Platz erst ins Mittelfeld gelangt. Was laut den Experten dringend notwendig wäre: Ein aktuelles Krebspatienten-Register mit allen Daten zu Diagnose und Therapie, um die modernen Therapien besser im klinischen Alltag zu entwickeln.

Covid-19 - Enorm viele Hoffnungsprojekte

Mit Covid-19 hat die medizinische Wissenschaft wiederum einen noch nie dagewesenen Sprint in Richtung neuer Therapien und SARS-CoV-2-Impfstoffe hingelegt. Doch laut Elisabeth Lackner (GBA Group Pharma) wird es trotzdem zumindest noch eine Weile dauern, bis eine breit verfügbare Vakzine vorhanden ist. Möglicherweise könnten Antikörper-Therapien vorerst eine gute Alternative darstellen, erklärte sie am Mittwoch bei den Praevenire-Gesundheitstaten im Stift Seitenstetten.

„Zu Covid-19 gibt es derzeit weltweit 810 Projekte zu Therapien und Impfstoffen. 420 sind in klinischen Studien. Es gibt rund 300 Impfstoffprojekte, 40 davon am Menschen, neun in der Phase III (Wirksamkeit, Verträglichkeit; Anm.). Auch das ist etwas, das wir noch nie hatten. Zwei Medikamente - Remdesivir und Convaleszenten-Plasmas - haben eine Notfallzulassung erhalten“, erklärte Elisabeth Lackner von Europas größtem Service-Provider für die Pharma- und Biotech-Industrie.

Man sollte bezüglich schützender SARS-CoV-2-Vakzine derzeit nicht zu optimistisch sein, erklärte die Expertin. Das betreffe vor allem das Ausweiten der Kapazitäten vom anfänglichen Labormaßstab bis hin zur Versorgung von Milliarden Menschen. Man müsse da vom Labor bis zu einem „Riesenmaßstab“ gehen. „Die meisten Impfstoffe müssen beim Transport zwei bis acht Grad Celsius haben. Man hat ausgerechnet, dass man für den weltweiten Transport dafür 8.000 Boeing-747-Flugzeuge benötigen würde. mRNA-Impfstoffe hingegen sind nicht stabil. Sie müssen bei minus 80 Grad Celsius gehalten werden. Dafür haben wir noch keine weltweite Lieferkette“, sagte die Expertin.

Hundertprozentige Wirkung nicht sicher

Die Mengen an notwendiger Vakzine seien enorm. „Sieben der neuen Vakzine müssen zweimal gegeben werden“, sagte Elisabeth Lackner. Man könne auch längst nicht voraussetzen, dass ein SARS-CoV-2-Impfstoff hundertprozentig wirke. Bedeutend könnte aber auch sein, wenn ein Impfstoff mit geringerer Erfolgsrate auch nur die schweren Verlaufsformen von Covid-19 verhindere. Unerhört wichtig sei die Unterstützung der Industrie durch die Staaten. „Kein einziger Pharmakonzern würde sonst Produktionskapazitäten schaffen. Derzeit werden sie aber ausgebaut“, sagte Elisabeth Lackner. Das österreichisch-französische Impfstoffunternehmen Valneva hätte beispielsweise von Großbritannien 1,3 Milliarden Euro für eine allfällige Produktion zugesagt bekommen.

Laut der Expertin wäre am ehesten für den kommenden Jänner oder Februar mit einer Notfallzulassung der ersten Vakzine für einen eingeschränkten Kreis von Personen zu rechnen. Eine andere Möglichkeit könnten monoklonale Antikörper sein, die als eine Art Passiv-Impfung wirken oder auch zur schnellen Therapie einer SARS-CoV-2-Infektion verwendet werden. Die US-Pharmakonzerne Regeneron und Eli Lilly entwickeln das. „Mit der Antikörpertherapie könnten wir das bekommen, was wir von einem Impfstoff erwarten - beispielsweise die Linderung von Symptomen. Ich glaube, dass uns die Antikörper schon weit bringen.“