Medizinhistorische Streifzüge – Folge 9

Das sündige Wien

Warum suchten liebestolle römische Legionäre gerne Bäckereien auf, welche Zahlungsmittel standen Freiern zur Verfügung und was war unter dem sogenannten Hüstelstrich zu verstehen? Regelmäßig begibt sich Hans-Peter Petutschnig bei medinlive auf eine Zeitreise zu den Spuren der alten Wiener Medizin. Dabei gibt es viel zu entdecken, längst Vergangenes, mitunter Skurriles, Schockierendes oder auch Prägendes, oft gut verborgen unter baulichen Veränderungen der letzten Jahrhunderte. In dieser Folge: Die Prostitution in Wien von der Antike bis zur Zeit Maria Theresias.

Hans-Peter Petutschnig

Zwischen 1989 und 1991 wurde der Michaelerplatz großflächig archäologisch untersucht. Neben mittelalterlichen und neuzeitlichen Resten wurden bei den Grabungen auch Reste der römischen Lagervorstadt außerhalb des Militärlagers Vindobona (Canabae) aus dem 2. bis 5. Jahrhundert n. Chr. aufgefunden.

Offiziell durften römische Legionäre bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. nicht verheiratet sein. In der Regel lebten sie daher mit ihren Lebensgefährtinnen im Konkubinat. Die Freizeit verbrachten sie bei ihren Familien in der Canabae, in der sich neben Läden und Schenken oft auch die Bordelle, sogenannte „Lupanars“, befanden. Hergeleitet ist der Name von lupa (Wölfin, die Puffmutter).

Bordelle waren in der römischen Zeit private Unternehmungen – wobei die Unternehmer durchaus kreativ waren, was die „Gesellschaftsform“ ihrer Häuser anging: Neben den von Beginn an als Bordell geplanten Gebäuden, eben den Lupanaren, gab es Betriebe, die als „normale“ Geschäftslokale geführt wurden, und quasi nebenbei auch sexuelle Leistungen anboten, etwa Wirtshäuser, Kneipen und Geschäfte, und hier vor allem Bäckereien.

Zum Kundengewinn betrieben die Bordelle offensive Werbung. Die Eingänge der Freudenhäuser waren auf verschiedene Weise gekennzeichnet. Möglich waren beispielsweise Phallussymbole oder erotische Darstellungen, wie wir sie auch aus Pompei kennen.

Michaelerplatz Wien
Der Michaelerplatz, wo neben mittelalterlichen und neuzeitlichen Resten auch Reste einer römischen Lagervorstadt aus dem 2. bis 5. Jahrhundert n. Chr. bei Grabungen aufgefunden wurden.

© Stefan Seelig
 

 

Bezahlt wurde mit sogenannten „Spintrien“, also münzähnliche Plättchen, die vermutlich aus der frühen römischen Kaiserzeit stammen. Auf der Motivseite waren gelegentlich erotische Motive dargestellt, auf der Rückseite wiesen sie eine Zahl auf. Die Funktion der Spintrien ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Ezechiel Spanheim, der im 17. Jahrhundert als einer der ersten Spintrien näher untersuchte, sah in den Marken Gutscheine, die in den Theatern unter den Besuchern verteilt wurden, wie auch antike Texte überliefern. In der Folgezeit wurden weitere Vermutungen geäußert: Eintrittsmarken für Theater- oder Thermenbesuche, Jetons für Bordelle, die auf der Rückseite den Wert der auf der Vorderseite abgebildeten Dienstleistungen, die der Besitzer in Anspruch nehmen konnte, angaben, oder aber auch Spielmarken. Aktuell geht man davon aus, dass es sich um Spiel- und Bordellmarken handelt. Wer einen Besuch im Kunsthistorischen Museum einplant, sollte einen kurzen Abstecher in den Saal II. des Münzkabinetts machen: Dort sind in der Vitrine 39 einige Spintrien ausgestellt.

Vom Michaelerplatz geht Richtung Neuer Markt der Michaelerdurchgang weg. Auf dessen linker Seite befindet sich eine bemalte Steinskulptur mit einer Ölbergszene, die früher ein beliebter – und intimer – Ort zur Anbahnung von Liebesgeschäften war: Vor dem Relief knieten die Hübschlerinnen, einer der vielen liebevollen Ausdrücke der Wiener für ihre Prostituierten, während der Mittags- oder Abendmesse mit einem Rosenkranz in der Hand. Gegen das Beten konnten nicht einmal die gefürchteten Keuschheitskommissare Maria Theresias etwas vorbringen. Kam nun ein Freier vorbei, wurde beiderseitig „gehüstelt“ – das Geschäft war unter Dach und Fach. Wenn nicht gehüstelt wurde, wusste man, dass die bei der Kapelle Betende tatsächlich eine Gläubige war, beziehungsweise dass der vorbeischlendernde Herr nur zufällig und ohne frivole Gedanken den Durchgang passierte.
 

Michaelerdurchgang Hüstel- oder Räusperstrich
Auf der linken Seite des Michaelerdurchgangs befindet sich diese bemalte Steinskulptur mit einer Ölbergszene, die früher ein beliebter – und intimer – Ort zur Anbahnung von Liebesgeschäften war.


© Stefan Seelig

 

Noch heute ist der Bereich als „Hüstel“- oder „Räusperstrich“ bekannt, gleichwohl er seine übertragene Bedeutung gänzlich verloren hat – ähnlich wie der nahe gelegene Bereich Kohlmarkt und Graben. Dort gingen in früheren Zeiten besonders junge Mädchen, die „Grabennymphen“, dem Gewerbe nach. Jeden Tag wurde dort ein amtlicher Kreidestrich gezogen, um das Anwerbungsfeld zu markieren (reine und unreine Seite). Da die Grabennymphen nahe den Werbern sein wollten, gingen sie immer hart „am Strich“.

 

 

Hans-Peter Petutschnig ist seit vielen Jahren für die Pressearbeit und den Verlag der Wiener Ärztekammer verantwortlich. Er ist zudem stellvertretender Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien und organisiert zahlreiche kulturelle Veranstaltungen für Ärztinnen und Ärzte. Zusammen mit der staatlich geprüften Wiener Fremdenführerin sowie Kunst- und Kulturvermittlerin Bibiane Krapfenbauer-Horsky hat er das Buch „Auf den Spuren der alten Heilkunst in Wien – Medizinische Spaziergänge durch die Stadt“ verfasst.

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Hans-Peter Petutschnig
Hans-Peter Petutschnig, seit vielen Jahren für die Pressearbeit und den Verlag der Wiener Ärztekammer verantwortlich, begibt sich nun regelmäßig bei medinlive auf eine Zeitreise zu den Spuren der alten Wiener Medizin.
Stefan Seelig
„Zum Kundengewinn betrieben die römischen Bordelle offensive Werbung. Die Eingänge der Freudenhäuser waren beispielsweise mit Phallussymboles oder erotischen Darstellungen gekennzeichnet.“