Deutsche Virologen für Sorgfalt in Schulen

Die Schulen sollen im kommenden Herbst und Winter geöffnet sein. Laut einer Stellungnahme von Mitgliedern der deutschen Gesellschaft für Virologie muss aber ein umfangreiches Maßnahmenpaket begleitend für Sicherheit sorgen. Nur so könnten größere Ausbrüche verhindert werden, schreiben die Experten in ihren Empfehlungen.

red/Agenturen

„Wir befürworten jede Maßnahme, die dem Zweck dient, die Schulen und Bildungseinrichtungen in der kommenden Wintersaison offen zu halten. (...) Der Schulbetrieb muss jedoch an pragmatische Konzepte gekoppelt sein, die das Risiko der Infektionsausbreitung an Schulen eliminieren oder zumindest deutlich reduzieren können“, schreiben die deutschen Experten, unter ihnen auch der Berliner Virologe Christian Drosten, für die Fachgesellschaft.

Schulen und Bildungseinrichtungen seien ein wichtiger Bereich der Gesellschaft, in dem die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verhindert werden sollte. Die Virologen: „Für eine wirksame Unterdrückung der Virusausbreitung in der Gesamtgesellschaft bleibt es auch weiterhin eine Grundvoraussetzung, die Viruszirkulation in den Schulen niedrig zu halten. Gleichzeitig ist eine effektive Kontrolle der Neuinfektionen in der Umgebung der Schulen, also dem privaten Umfeld von Schülern und Lehrkräften, die beste Prävention für die Eintragung des Virus in die Schulen.“

Viruslast von Kindern nicht unterschätzen

Zwar würden Kinder mit SARS-CoV-2-Infektionen oft asymptomatisch bleiben oder nur milde Krankheitsverläufe zeigen, doch das bedeute kein Null-Risiko: „Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen.“

Infektionsraten bei Kindern und deren Rolle in der Pandemie seien bisher nur unvollständig durch wissenschaftliche Studien erfasst. Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen deuteten darauf hin, dass die anfänglich teilweise angenommene minimale Rolle von Kindern infrage gestellt werden müsse.

„Unter bestimmten Umständen kann es sein, dass Kinder einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Infektionen mit SARS-CoV-2 ausmachen. Inzwischen liegt der prozentuale Anteil von Kindern an der Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland in einer Größenordnung, die dem Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung entspricht“, stellen die Fachleute fest. Die Viruslast von Kindern dürfte sich kaum von jener der infizierten Erwachsenen unterscheiden. „Ergebnisse aus einigen sorgfältig durchgeführten Haushaltsstudien zeigten, dass Kinder etwa gleich häufig infiziert waren wie Erwachsene“, schreiben die Experten weiter.

Unterrichtsorganisation muss sich anpassen

Jedenfalls müssten zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen umgesetzt werden. Die Fachleute: „Bezogen auf die Schulöffnung im Herbst bedeutet dies, dass zusätzliche Maßnahmen getroffen werden sollten, um Übertragungsrisiken in Schulen zu minimieren. Dazu gehört beispielsweise, die Klassengrößen abhängig von der Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren, räumliche Ressourcen auszuschöpfen und pragmatische Lösungen für einen verbesserten Luftaustausch in öffentlichen Gebäuden wie Schulen zu finden.“

In Bezug auf den Klassenverband sollten aus virologischer Sicht feste Kleingruppen inklusive Lehrpersonal definiert werden mit möglichst geringer Durchmischung der Gruppen im Schulalltag. Unterrichtseinheiten könnten möglichst breit per Kleingruppe über verschiedene Tageszeiten und Wochentage verteilt werden.

Niederschwellige Testungen

In den Schulen sollten aus virologischer Sicht immer Masken getragen werden, auch im Unterricht. Dann geht es um die Tests. „Schüler mit einer akuten Atemwegsinfektion sollten auch bei milden Symptomen labordiagnostisch abgeklärt werden, wenn dies möglich ist, weil sie als Anzeiger von Übertragungsherden (Clustern) eine unverzichtbare Rolle in der Früherkennung von Schulausbrüchen spielen“, stellen die Fachleute fest. Eine besonders niedrigschwellige Testung sollte für das Lehrpersonal sichergestellt sein. Das organisatorische Ziel bei der Testung von Schülern und insbesondere Lehrpersonal sollte eine Befundübermittlung innerhalb von 24 Stunden nach Probennahme sein.

Positiv getestete Schüler und Lehrer seien Indikatorfälle für Übertragungscluster. Für die Behandlung von Übertragungsclustern könnte eine generelle und sofortige Kurzzeitquarantäne in Betracht gezogen werden. Zur Prävention größerer Schulausbrüche sei eine sofortige zumindest kurzzeitige Quarantäne des gesamten Sozialverbands erforderlich. „Am Ende einer Kurzzeitquarantäne könnte eine 'Freitestung' der Mitglieder des Clusters erfolgen, d. h. eine weitere Quarantäne wäre dann nicht mehr nötig“, stellen die deutschen Virologen fest.

Ärzteverband begrüßt Rückkehr zum Regelunterricht

Der Ärzteverband Marburger Bund hält die Rückkehr zum Regelbetrieb an Schulen für richtig - trotz zweier wieder geschlossener Schulen in Mecklenburg-Vorpommern. „Die Schule ist eine Großveranstaltung - aber eine, die wir uns leisten müssen“, sagte Verbandschefin Susanne Johna der Deutschen Presse-Agentur. Dafür sei es wichtig, Corona-Regeln gut festzulegen. „Die Überlegungen dazu kommen teilweise erstaunlich spät, denn das Schuljahr beginnt ja nun nicht überraschend.“ 

Dazu gehöre eine Strategie zum regelmäßigen Belüften der Räume, die auch im Herbst und Winter durchzuhalten sei. Sinnvoll seien auch Masken auf dem Schulhof gerade in beengteren Bereichen. „Während des Unterrichts halte ich das nicht für angebracht.“

Kritik von Eltern

Kritik an der Politik äußerte der Bundeselternrat. Der Vorwurf: fehlende Vorbereitungen in den Sommerferien. „Es ist ärgerlich, dass die Kultusminister das so lässig angegangen sind und die Sommerferien nicht dafür genutzt haben, einen verlässlichen Unterricht auch in Corona-Zeiten vernünftig vorzubereiten“, sagte der Vorsitzende Stephan Wassmuth der „Welt“ (Samstag). Schon seit Wochen habe man dafür plädiert, Klassen zu teilen, um im Falle eines Ausbruchs nur wenige Schüler in Quarantäne schicken zu müssen. Die Schulen seien zu schnell und unvorsichtig geöffnet worden.

Nur wenige Tage nach Beginn des neuen Schuljahrs waren am Freitag in Mecklenburg-Vorpommern zwei Schulen bereits wieder geschlossen worden. Eine Grundschule in Graal-Müritz nahe Rostock bleibt wegen eines mit Corona infizierten Schülers zwei Wochen zu, ein Gymnasium in Ludwigslust mit rund 800 Schülern wird bis einschließlich Mittwoch kommender Woche geschlossen, nachdem eine Lehrerin positiv getestet wurde. Die Blicke richten sich jetzt auch auf andere Bundesländer, wo die Schule in der kommenden Woche wieder beginnt. Darunter ist das bevölkerungsreichste Land Nordrhein-Westfalen.

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Ein umfangreiches Maßnahmenpaket soll den Betrieb in den Bildungseinrichtungen sichern, fordern die deutschen Virologen.
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