Medizinhistorische Streifzüge – Folge 17

Die Pest in Wien

Über Jahrhunderte hindurch versetzte die Pest, im Volksmund auch „schwarzer Tode genannt“, die Menschen in Angst und Schrecken. Vor ihr war niemand gefeit, egal ob Bettler oder Edelmann. Das spürte auch Kaiser Leopold I., der 1679 nach Ausbruch der Pest sicherheitshalber aus Wien floh und erst wieder zu seinen Untertanen zurückkehrte, als die Pest bereits wieder im Abklingen begriffen war. Er hinterließ den Wienern die Pestsäule am Graben – heute beliebter Treff von Jung und Alt. Regelmäßig begibt sich Hans-Peter Petutschnig bei medinlive auf eine Zeitreise zu den Spuren der alten Wiener Medizin.

Hans-Peter Petutschnig

Derzeit versetzt SARS-COV-2 viele Menschen berechtigterweise in Angst und Schrecken. Mit den Infektions- und Todeszahlen früherer Epidemien sind die aktuellen Zahlen jedoch keinesfalls vergleichbar. Besonderen Schrecken verbreitete dabei die Pest, die vom 14. Jahrhundert an bis ins 19. Jahrhundert in Europa in wechselnden Regionen und Zeitabläufen wütete. 

1349 erreichte die Pest, auch bekannt als „schwarzer“ Tod aufgrund der durch die Krankheit verursachten schwarzen Beulen, Wien und dürfte in kurzer Zeit in etwa die Hälfte der Einwohner dahingerafft haben. Die Toten wurden in Pestgruben vor den Stadtmauern begraben, da innerhalb der Stadt keine Friedhofskapazitäten mehr vorhanden waren. Wer an der Pest erkrankte, starb meist innerhalb der folgenden drei Tage. Personen, die am vierten Tag noch immer lebten, durften auf Genesung hoffen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Pest in Wien waren enorm. Es fehlte überall an Arbeitskräften. Sogar Erntehelfer in den Weingärten wurden höher entlohnt. Im ganzen Land fehlte es an Fachkräften in den Handwerksbetrieben.

Weitere schwere Pestepidemien sind in mittelalterlichen Quellen für die Jahre 1381, 1410/11 und 1436 dokumentiert. 1436 musste aufgrund der Erkrankungen die Universität temporär geschlossen werden.

Nachdem es danach eine längere Auszeit der furchtbaren Krankheit gab, kam es im 16. und 17. Jahrhundert wieder zu einer ganzen Serie von Pestepidemien. Eine Nachepidemie raffte 1588 unter anderem alle Nonnen im Himmelpfortkloster dahin. An das Kloster erinnert heute noch die Himmelpfortgasse, nur wenige Meter von der Weihburggasse entfernt. Die schwerste Pestepidemie der frühen Neuzeit in Wien fand 1679 statt und ist Wienern mit der Figur des „lieben Augustin“, eines die Pest überlebenden populären Sackpfeifers, noch wohl bekannt.

Maßnahmen gegen neue Pestausbrüche waren die Kontrolle von Reisenden, die Sperrung von Wirtshäusern und anderen Vergnügungsstätten, das Verbot von Prozessionen und letztendlich auch die Sperrung privater Häuser (Quarantäne) – hier hat sich bis in Zeiten von COVID-19 also wenig verändert.

Die gegen den Ausbruch von Pestepidemien ergriffenen Maßnahmen wurden seit 1541 in landesfürstlichen „Infektionsordnungen“ festgeschrieben. Vor allem aber riefen die Kaiser die Untertanen auf, ein gottgefälliges Leben zu führen, um den Zorn Gottes nicht zu erregen. Die Seuchenabwehr scheiterte aber in der Regel vor allem an den hygienischen Defiziten, da die Pest zumeist über Ratten und Rattenflöhe übertragen wird, die Übertragung von Mensch zu Mensch durch die Lungenpest ist wesentlich seltener.

Pestarzt Paul de Sorbait
Der bekanntesten Pestarzt des Reichs, Paul de Sorbait (1624-1691), erkannte rasch die Vorboten der epidemischen Ausbreitung der Pest.


© Unknown author, Paul de Sorbait, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

 

Es blieb dem damals bekanntesten Pestarzt des Reichs, Paul de Sorbait (1624-1691), vorbehalten, die Vorboten der epidemischen Ausbreitung der Pest erstmals zu erkennen und die damalige Wiener „Pest-Ordnung“ entsprechend zu verändern. 1679 las sich das so: „Nachdem die Erfahrung mit sich bringt, dass Sauberkeit ein sonderbar nützlich und notwendiges Mittel ist, sowohl die Einreissung der Infektion zu verhüten, als auch dieselbe abzuwenden: Herentwegen (= Deshalb) die Unsauberkeit solches Übel verursacht und erhaltet. So ist Unserer ernstlicher Befehl, dass Erstens kein Blut, Eingeweide, Köpfe und Beiner von dem abgetöteten Vieh, noch auch Kraut-Blätter, Krebs, Schnecken, Eyerschallen oder anderen Unflat auf denen Gassen und Plätzen ausgegossen: Ingleichen keine todte Hund, Katzen oder Geflügel auf die Gassen geworfen, sondern ein und anders vor die Stadt hinausgetragen werden.

Trotz der Warnungen von Sorbait wurde der Ausbruch der Seuche bis Juli 1679 von den städtischen Behörden aber völlig ignoriert (auch das kommt, zieht man einige europäische Länder sowie einzelne Staaten des amerikanischen Kontinents zum Vergleich heran, bekannt vor). Dann brach das Chaos aus. Die kaiserliche Familie und ein Großteil des Hofes verließen die Stadt. Leopold I. floh über Umwege nach Prag. Tote lagen tagelang auf den Straßen herum. Nur wenige Menschen waren bereit, als Totengräber zu arbeiten. Kranke lagen auf Sammelwägen, vor dem Stubentor häuften sich infizierte Betten, Stroh und Leichen. Sorbait ordnete an, dass die Toten in Pestgruben bestattet und mit ungelöschtem Kalk überschüttet werden sollten. Diese Pestgruben wurden, über die Vorstadtzonen verstreut, angelegt.

Nach Ende der großen Pestepidemie erinnerte zunächst eine am Graben gelegene hölzerne, später eine steinerne Dreifaltigkeitssäule, die als Dank vor das Abklingen der Pest errichtet wurde, an das Ereignis – Kaiser Leopold I. hat dazu ein entsprechendes Gelübde abgelegt.

Die Grundaussage der Pestsäule ist, dass durch die persönliche Frömmigkeit und Fürbitten des Kaisers die Pest sowie die Osmanen, die beide als Strafe Gottes für ein sündhaftes Leben bewertet wurden, abgewendet beziehungsweise besiegt werden konnten. Die Säule stellt somit auch ein (Sieges-)Denkmal für Leopold I. dar.

Pestsäule Graben
Die Pestsäule am Graben stellt auch ein (Sieges-)Denkmal für Leopold I. dar.


© Stefan Seelig

 

Im Programm der Pestsäule findet sich mehrfach die Zahl drei, unter anderem in den drei vertikalen Stufen: Die oberste Stufe ist der Heiligen Dreifaltigkeit vorbehalten. Der mittlere Bereich gehört den Engeln als Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Der den Menschen vorbehaltene Sockel zeigt im obersten Drittel, an der der Bräunergasse zugewandten Seite, Leopold I. als Fürbitter für das Volk. Nur er darf zur Heiligen Dreifaltigkeit beten. Somit schließt sich der Kreis: Die Heiligen als Mittler für das Volk.

Epitaph Paul von Sorbait
An Paul de Sorbait erinnert dieses Epitaph im rechten Seitenschiff des Stephansdoms.


© Stefan Seelig

 

An Paul de Sorbait erinnert ein Epitaph im rechten Seitenschiff des Stephansdoms mit den Worten: „Paulus von Sorbeid in Belgien geboren, hier verstorben, Musiker, Rhetoriker, Philosoph, Soldat, Arzt, Professor, Stadtarzt, Universitätsrektor, - ein Bettler, ein Nichts. Musiker war ich, um den richtigen Takt zu wahren, Redner, um mich zu einem guten Redeschluß zu lenken, Soldat, um durch Förderung anderer mich herabzusetzen, Universitätsrektor, um die Privilegien zu verteidigen, Höfling, um zu lernen, anderen und nicht mir selbst zu helfen. Jedoch der bittere Tod, taub gegenüber den Weisen des Musikers und den Überredungskünsten des Rhetorikers und den Drohungen des Soldaten und den Vorlesungen des Professors und den Verschreibungen des Arztes und den Verteidigungsreden des Rektors und den Erniedrigungen des Höflings, raffte mich hinweg. Nun bin ich ein Bettler und ein Nichts. Ich bitte dich, bete für mich.

Sorbait starb am 29. April 1691 im Alter von 67 Jahren.

 

 

 

Hans-Peter Petutschnig ist seit vielen Jahren für die Pressearbeit und den Verlag der Wiener Ärztekammer verantwortlich. Er ist zudem stellvertretender Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien und organisiert zahlreiche kulturelle Veranstaltungen für Ärztinnen und Ärzte. Zusammen mit der staatlich geprüften Wiener Fremdenführerin sowie Kunst- und Kulturvermittlerin Bibiane Krapfenbauer-Horsky hat er das Buch „Auf den Spuren der alten Heilkunst in Wien – Medizinische Spaziergänge durch die Stadt“ verfasst.

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Hans-Peter Petutschnig, seit vielen Jahren für die Pressearbeit und den Verlag der Wiener Ärztekammer verantwortlich, begibt sich nun regelmäßig bei medinlive auf eine Zeitreise zu den Spuren der alten Wiener Medizin.
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Die Grundaussage der Pestsäule ist, dass durch die persönliche Frömmigkeit und Fürbitten des Kaisers die Pest sowie die Osmanen, die beide als Strafe Gottes für ein sündhaftes Leben bewertet wurden, abgewendet beziehungsweise besiegt werden konnten.
Pest in Wien
1349 erreichte die Pest, auch bekannt als „schwarzer“ Tod aufgrund der durch die Krankheit verursachten schwarzen Beulen, Wien und dürfte in kurzer Zeit in etwa die Hälfte der Einwohner dahingerafft haben.
© Bermann, BERMANN(1880) p0385 Die Pest in Wien, 1348, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons