REPORTAGE - INTERNATIONAL
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Bali

Eine sanfte Geburt ohne Traumata

Als Hebamme schenkt sie Leben und kämpft gegen den Tod – seit knapp zwei Jahrzehnten beweist sie, dass es möglich ist, die hohe Sterblichkeitsrate von Müttern und Säuglingen in Indonesien zu senken – ein Portrait über Robin Lims „Bumi Sehat“-Klinik.

Martin Zinggl / AFP
Eine Sanfte Geburt
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„Junge, gesunde Menschen in der Blüte ihres Lebens, tun das Natürlichste auf der Welt: ein Kind zu bekommen“

Barfüßig huscht sie über den Fliesenboden. Robin Lim bewegt sich schnell, spricht schnell, handelt schnell. Wie jeden Tag tourt sie durch ihre Geburtsklinik auf der indo-nesischen Insel Bali. Heute etwas gemächlicher als sonst, weil ihr eine Gruppe Italiener folgt. Spender, die den Bau der „Bumi Sehat“-Klinik mitfinanziert haben und sich von dem Ergebnis überzeugen wollen. Eine Brise trägt den Duft von Orchideen, Ingwertee und Räucherstäbchen durch die offenen Gänge des zweistöckigen Gebäudes, das farbenfroh und hell ausgemalt wurde. Ein künstlich angelegter Bach und ein Brunnen vervollständigen den Eindruck, den Lim vermitteln möchte: Harmonie.

Sie führt die italienischen Besucher zu einer Hebamme, die eine Schwangere über Geburtsmöglichkeiten informiert. Daneben sitzt der werdende Vater, der verschreckt Fotos gebärender Frauen anblickt. Lim legt ihre Hand auf seine Schulter und flüstert ihm beruhigende Worte zu, bis er verlegen lächelt. Die Italiener strahlen, fotografieren Lim, bitten sie um Selfies und Autogramme.
Die Übermutter

Robin Lim versteht sich als Übermutter, die allen Schutzsuchenden helfen will – und muss. „Es steht in meiner Verantwortung“, sagt die 61-jährige Amerikanerin mit philippinischen Wurzeln. Als Hebamme schenkt sie Leben und kämpft gegen den Tod – seit knapp zwei Jahrzehnten beweist sie, dass es möglich ist, die hohe Sterblichkeitsrate von Müttern und Säuglingen in Indonesien zu senken.

Mit Erfolg, der sich allerdings auf Lims Kliniken beschränkt. Denn in Indonesien sterben 228 Mütter pro 100.000 Geburten sowie 25 Kinder pro 1000 Geburten. Im Vergleich dazu sind es in Österreich bei gleicher Anzahl von Geburten vier Mütter und drei Neugeborene. Aufgrund von Komplikationen in der Schwangerschaft oder während der Entbindung kommen weltweit in etwa 1000 Frauen um – täglich. „Junge, gesunde Menschen in der Blüte ihres Lebens, die das Natürlichste auf der Welt tun: ein Kind zu bekommen“, seufzt Lim.

„Die Regierung versprach, dass niemand mehr bei der Geburt sterben darf“, erzählt sie. „Seitdem setzen sich indonesische Hebammen nicht mehr gegen die Ärztinnen und Ärzte durch, die meinen, Kaiserschnitte seien der sicherere und einfachere Weg der Geburt, bei 16-jährigen Mädchen wie bei fünffachen Müttern.“

Offiziell beziffert die indonesische Regierung die Rate der Kaiserschnitte mit 15,3 Prozent, ideal nach der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Nach unseren Erhebungen sind es jedoch acht von zehn Frauen, die ihr Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt bringen“, sagt Lim.

„Kinderkriegen ist zur Industrie geworden und kostet viel Geld, das die meisten Paare nicht haben. Wegen jeder Kleinigkeit werden Mütter im Spital behalten, nur um Profit zu machen. Ein bisschen Blut aus der Vagina bedeutet eine Woche Aufenthalt und bis zu 200 US-Dollar pro Tag.“ In Indonesien kostet eine gut behütete Geburt so viel wie ein Jahreseinkommen eines durchschnittlichen Arbeiters. Günstigere Alternativen sind Krankenhäuser mit misslichen Zuständen und Hausgeburten. Auch Kaiserschnitte sind teuer, aber immerhin billiger als der Aufenthalt in einer Privatklinik. „Als Hebammen wollen wir den natürlichen Prozess der Geburt beschützen und greifen nur zu technischen Mitteln, wenn es lebensbedrohlich wird“, sagt Lim. Ihr Motto: „Jede Mutter zählt.“

Eine Italienerin fragt, ob Lim je daran gedacht hat, in Pension zu gehen. „Jeden Tag“, antwortet sie, zieht die Ärmel ihres Shirts hoch. Blaue Flecken und Kratzspuren auf den Armen kommen zum Vorschein. „Katzen?“, fragt die Italienerin. „Schlimmer“, antwortet Lim, „gebärende Mütter, die kratzen, beißen und schlagen.“ Stolz zeigt sie die Wunden her. „Ich bin süchtig danach, von Hebammen, Müttern und Kindern umgeben zu sein.“

„Bumi Sehat“
Ein tragischer Zwischenfall machte aus Lim eine Hebamme und führte sie 1993 nach Indonesien. Zuhause in den USA starb ihre Schwester während ihrer Schwangerschaft an einem Schlaganfall und mit ihr das ungeborene Kind. Lim suchte eine Auszeit und einen geeigneten Ort, um ihrem Leben einen neuen Inhalt zu geben. Sie fand ihn auf Bali, wo sie mit ihrem Mann und den gemeinsamen sechs Kindern hinzog.

Dort wurde sie mit ihrem siebenten und damit vorletzten Kind schwanger und lernte die Kliniken kennen, in denen arme Indonesierinnen gebären müssen. „Wird eine Frau hier schwanger, erhöht sich im folgenden Jahr ihr Risiko, zu sterben, um das 300-fache, oftmals aufgrund von Blutungen nach der Geburt.“ Wer Geld hat, kann dem vorbeugen und leistet sich einen guten medizinischen Service. Armen Müttern werden die Neugeborenen bei der Geburt weggenommen, bis sie ihre Spitalsrechnungen bezahlen.

Lim entschied sich für eine Hausgeburt und löste damit einen Hilferuf unter den Schwangeren in der Nachbarschaft aus. Sie erlernte den Beruf der Hebamme und gründete „Bumi Sehat“ („Gesunde Mutter Erde“), eine Stiftung, die kostenlose und sichere Geburtshilfe ermöglicht. Zunächst boten Lim und ihr Team aus fünf Hebammen Hausgeburten an, 2003 errichtete sie eine Klinik. Von Bali aus wuchs die Organisation, eröffnete Zweigstellen in Aceh nach dem Tsunami, im erdbebenzerstörten Haiti sowie auf den Philippinen, nachdem Taifun Haiyan über den Inselstaat gefegt war. Mehr als 300.000 Patientinnen hat Lims Organisation bereits geholfen, in etwa 8000 Kinder entbunden.

Für ihren Einsatz würdigte sie der amerikanische Fernsehsender CNN mit der Auszeichnung „Hero of the Year“. Von dem Preisgeld baute sie die „Bumi Sehat“-Klinik in Ubud, im kühlen Hochland Balis. 69 Frauen arbeiten dort: Ärztinnen, Hebammen, Krankenschwestern, Sekretärinnen, Putzhilfen sowie freiwillige Mitarbeiterinnen. Mit Männern arbeitet Lim nicht – aus Prinzip.

Als Lim und die italienischen Spender die Wartehalle betreten, herrscht Freude und Chaos wie auf einem indonesischen Jahrmarkt. Die einzige Attraktion jedoch ist die Übermutter selbst. Wie von einem Magneten angezogen bewegen sich die Menschen auf sie zu, die Frau mit den schwarzbraunen Haaren, die ihr bis zum Becken reichen. Kinder, Väter, Schwangere, die sich gerade noch dehnten und streckten, und Mütter, in ihren Armen den eigenen Säugling: rot und zerknautscht von der Geburt. „Ibu“, rufen sie, Indonesisch für „Mutter“. „Ibu Robin!“

Lim tätschelt Bäuche und Rücken, streichelt Kinderköpfe, fragt Mütter, wie es ihnen geht. Spricht sie, schweigen alle. Dazwischen lacht sie, sodass sich feine Falten um ihre Augen bilden. 

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