Organspendeskandal Deutschland

Freigesprochener Arzt will 1,2 Millionen Euro

Fast ein Jahr lang saß ein Arzt wegen des Organspendeskandals an der Göttinger Uniklinik in Untersuchungshaft. Dann wurde der Chirurg freigesprochen. Nun fordert er Schadenersatz in Millionenhöhe. 

red/Agenturen

Statt in einem Gefängnis in Deutschland zu sitzen, hätte er in Jordanien 50.000 US-Dollar im Monat verdienen können. Das zumindest behauptet der vor gut vier Jahren im Göttinger Transplantationsskandal freigesprochene Arzt. Am Freitag begann im Landgericht Braunschweig ein Zivilverfahren, in dem der Chirurg gut 1,2 Millionen Euro Schadenersatz vom Land Niedersachsen fordert. Das Land ließ aber bereits durchblicken, dass es starke Zweifel hat, dass der Mediziner in Jordanien ein derart hohes Gehalt bekommen hätte.

In einem bundesweit aufsehenerregenden Prozess hatte das Landgericht Göttingen den Arzt 2015 vom Vorwurf des elffachen versuchten Totschlags und der dreifachen Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen. Die Richter bescheinigten dem Mediziner damals zwar, er habe medizinische Daten manipuliert, um schneller Spenderorgane für seine Patienten zu bekommen. Doch das Gericht entschied auch: Das Verhalten des Chirurgen war auf Basis der damaligen Rechtslage nicht strafbar. Der Bundesgerichtshof schloss sich dieser Auffassung an.

Im Januar 2013 war der frühere Leiter der Transplantationschirurgie an der Göttinger Universitätsklinik in Untersuchungshaft gekommen, nach seinen Angaben wollte er nur wenige Tage später eigentlich einen neuen Job in Jordanien antreten. Er saß knapp ein Jahr in U-Haft.

Beim Prozessauftakt am Montag wollte der Richter von dem Mediziner zunächst wissen, warum es keinen schriftlichen Vertrag mit der Klinik in Jordanien gab. Die Vereinbarung mit dem Fixgehalt sei mündlich per Handschlag getroffen worden, antwortete der Chirurg. Der ärztliche Leiter der Klinik in Jordanien bestätigte diese Absprache am Freitag als Zeuge.

Nach eigenen Angaben arbeitet der früher in Göttingen tätige Mediziner mittlerweile für das Krankenhaus in der jordanischen Hauptstadt Amman. Was er dabei seit 2017 verdient, wollte er vor Gericht aber nicht berichten. Sein Anwalt verwies darauf, dass sein Mandant nach dem Skandal keine berufliche Perspektive in Deutschland habe. Ob und in welcher Höhe seine Forderungen berechtigt sind, muss nun das Landgericht entscheiden.

Der mögliche Verdienstausfall ist der mit Abstand größte Posten. Daneben will der Arzt auch einen Zinsschaden erstattet haben, der durch ein Darlehen für seine Kaution entstanden sei. Ende 2013 wurde er nach Zahlung von 500.000 Euro aus der U-Haft entlassen. Auch die Kosten für eine Verfassungsbeschwerde gegen seine Inhaftierung sollen dem Mediziner ersetzt werden. Am 13. September geht das Verfahren weiter. Ob es dann schon ein Urteil gibt, ist aber unklar.

Das Auffliegen des Organspendeskandals in Göttingen hatte 2012 weitreichende Folgen. An mehreren deutschen Kliniken wurden Manipulationen aufgedeckt, was das Vertrauen in die Transplantationsmedizin nachhaltig erschütterte. Nach Angaben der Deutschen Transplantationsgesellschaft stehen Manipulationen wie in Göttingen inzwischen klar unter Strafe. Nach dem Skandal seien Regeln verschärft worden. Mittlerweile hätten Verstöße wie der des früheren Göttinger Mediziners klar definierte, strafrechtliche Konsequenzen.