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Coronavirus

Internationale Skepsis zu russischem Covid-19-Impfstoff

Weltweit äußerten sich am Dienstag zahlreiche Experten skeptisch zu dem in Russland zugelassenen SARS-CoV-2-Impfstoff. Er habe noch keine groß angelegte Wirksamkeitsstudie (Phase-III) hinter sich, die auch breit Auskunft über auftretende Nebenwirkungen geben könnte.

red/Agenturen

Die österreichische Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) erklärte gegenüber der APA: „Zulassung nach einer Phase-II? Das ist offenbar wirklich nur in Russland möglich. Zum Glück und richtigerweise undenkbar ohne Phase-III für unsere Breiten!“ Wissenschaftlich sei zu der russischen Vakzine bisher nichts publiziert worden. Details fehlten, um das Projekt beurteilen zu können.

In Phase-II-Tests werden an einer kleinen Probandengruppe Immunogenität, Sicherheit und Dosis von Vakzinen geprüft. Zulassungsstudien auf Wirksamkeit und Verträglichkeit sind große Phase-III-Studien mit tausenden Probanden und Placebokontrolle.

Kritische Stimmen aus den USA

Auch renommierte Mediziner in den USA warnen. „Aktuell würde ich mir den (Impfstoff; Anm.) nicht verabreichen lassen. Ganz sicher nicht außerhalb einer klinischen Versuchsreihe“, sagte Scott Gottlieb, der frühere Chef der US-Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel-Sicherheit (FDA), am Dienstag im US-Fernsehen. Anscheinend sei das Medikament in Russland bisher nur an einigen hundert Patienten getestet worden, so Gottlieb. „Sie sind uns sicher nicht voraus, und wir würden zum jetzigen Zeitpunkt keinen Impfstoff zur breiten Verteilung freigeben.“ Gottlieb ist ein konservativer TV-Kommentator und hatte die FDA von 2017 bis 2019 geleitet.

„Niemand weiß, ob es sicher ist oder ob es funktioniert. Sie bringen die Mitarbeiter im Gesundheitswesen und ihre Bevölkerung in Gefahr“, schrieb der aus Österreich stammende Wissenschafter Florian Krammer, Virologe am New Yorker Krankenhaus Mount Sinai, auf Twitter.

Skepsis unter deutschen Experten

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, kritisierte die Zulassung eines Corona-Impfstoffs in Russland scharf: „Die Zulassung eines Impfstoffs ohne die entscheidende dritte Testreihe halte ich für ein hochriskantes Experiment am Menschen“, sagte Reinhardt der „Rheinischen Post“ aus Düsseldorf laut Vorabmeldung vom Dienstag. Es sei „unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen.“

Skeptisch zeigte sich ebenso der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit: „Ich sehe die Zulassung sehr, sehr zurückhaltend. Es gibt bislang keine publizierten Daten zu dem Impfstoff - das ist schon mal eine ganz große Schwierigkeit“, sagte Schmidt-Chanasit am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Bislang habe noch kein Wissenschaftler den Impfstoff unabhängig beurteilen können. Sollte sich ein Impfstoff als weniger effektiv herausstellen, bestehe die Gefahr, dass es zu „gegenteiligen Effekten“ komme – etwa einer Impfmüdigkeit in der Bevölkerung. Dies sei zuletzt etwa bei einem Impfstoff gegen das Dengue-Fieber auf den Philippinen der Fall gewesen. „Die Bevölkerung hatte da zu Recht kein Vertrauen mehr in den Impfstoff und sich wie Versuchskaninchen gefühlt“, sagte der Virologe vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.
Durch den Vertrauensverlust seien dann Impfungen insgesamt zurückgegangen – etwa gegen Polio oder Masern.

Erste Vakzine dieser Art

Die Crux liegt darin, dass es sich bei einem SARS-CoV-2-Impfstoff um die erste Vakzine dieser Art handelt. Bei der saisonalen Influenza-Vakzine gibt es von zugelassenen Impfstoffen, die sich von Jahr zu Jahr nur wenig ändern, eine ganz andere Situation mit jahrzehntelanger Erfahrung.

Auch die bei den Kandidatvakzinen zum Schutz vor Covid-19 verwendeten Techniken sind zum Teil vollkommen neu. So existiert bisher weltweit kein einziger zugelassener Impfstoff mit der Verwendung von Erbgutbestandteilen von Krankheitserregern (mRNA-oder DNA-Vakzine). Die Erfahrungen mit Impfstoffen auf Adenovirus-Basis ist bisher international ebenfalls begrenzt.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor die Entwicklung und Zulassung des nach seinen Worten wirksamen Impfstoffs „Sputnik V“ gegen das Coronavirus verkündet. Am Mittwoch soll die dritte und letzte klinische Testphase beginnen; schon in wenigen Wochen sollen dann erste Personenkreise wie etwa medizinisches Personal oder Lehrer geimpft werden.

Die industrielle Produktion soll im September starten. Die russische Bevölkerung soll dann ab Januar mit dem neuen Stoff geimpft werden.

WHO zurückhaltend zu russischem Impfstoff

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat mit Zurückhaltung auf die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin verkündete Zulassung eines Corona-Impfstoffes reagiert.

Die WHO sei sich bewusst, dass Russland ein Vakzin registriert habe und begrüße alle Fortschritte bei der Forschung und Entwicklung zu Covid-19-Impfstoffen, teilte das WHO-Regionalbüro Europa auf Anfrage der dpa mit. Zugleich wies das Büro darauf hin, dass die beschleunigte Impfstoffforschung in jedem Entwicklungsschritt gemäß bewährter Prozesse vonstattengehen sollte. Damit werde sichergestellt, dass jeglicher Impfstoff sicher und effektiv sei, wenn er letztlich in die Produktionsphase gehe. Die WHO stehe in Kontakt mit den russischen Wissenschaftlern und Behörden und freue sich darauf, Einzelheiten der Versuche zu überprüfen.

Erste Interessenten für Russlands Corona-Impfstoff „Sputnik V"

Erste Länder haben bereits Interesse an Russlands Corona-Impfstoff „Sputnik V“ bekundet - dem ersten zugelassenen weltweit. Der brasilianische Staat Paraná kündigte an, ein Abkommen mit Russland zu schließen, um den Impfstoff selbst zu produzieren.

Der Vertrag dazu solle an diesem Mittwoch unterschrieben werden, sagte Jorge Callado, Präsident des federführenden Technologie-Instituts Tecpar in Curitiba, im brasilianischen Fernsehen. Die Impfung soll voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2021 verfügbar sein.

Interesse auch aus Israel

Es gebe darüber hinaus auch Interesse aus dem Ausland, an der dritten und damit entscheidenden Testphase für eine mögliche Zulassung teilzunehmen. Genaue Angaben machte Dmitrijew zunächst nicht. Die neue Testphase sollte mit der Zulassung des Impfstoffes beginnen. Russland habe bereits international Anfragen über eine Milliarde Dosen erhalten. Der vom Kreml gegründete Fonds finanziert die Produktion und Entwicklung des Impfstoffs.

Auch Israel teilte mit, grundsätzlich an „Sputnik V“ interessiert zu sein. Es gebe bereits Beratungen über den neuen Impfstoff, hatte der israelische Gesundheitsminister Juli Edelstein am Dienstag gesagt.

WHO: sechs Impfstoff-Kandidaten in Phase-III-Studie

Unterdessen versprach US-Präsident Donald Trump dem amerikanischen Volk schnelle Fortschritte bei der Entwicklung eines eigenen Impfstoffes. „Wir sind auf dem besten Weg, schnell 100 Millionen Dosen zu produzieren, sobald der Impfstoff zugelassen ist, und kurz danach bis zu 500 Millionen“, sagte Trump im Weißen Haus. Mehrere aussichtsreiche Stoffe seien in der letzten Erprobungsphase und stünden vor einer Zulassung.

Der Name für den russischen Impfstoff „Sputnik V“ soll an den ersten Satelliten im All erinnern, den die Sowjetunion 1957 vor den USA gestartet hatte. Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten.

Laut einer Liste der Weltgesundheitsorganisation vom Montag werden derzeit sechs andere Impfstoff-Kandidaten in einer Phase-III-Studie getestet. Nur ein gut wirksamer Impfstoff kann Experten zufolge eine rasche deutliche Wende in der Corona-Pandemie bringen, ohne dass strenge Lockdown-Regeln nötig sind.

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