Ignaz Semmelweis

Kämpfer für medizinischen Fortschritt

Gegen starken Widerstand begründete der Gynäkologe Ignaz Philipp Semmelweis um 1847 an der ersten Wiener Geburtsklinik die strengen Hygienevorschriften in Spitälern. Damit konnte er die Sterblichkeit bei Kindbettfieber signifikant senken. Heute, Montag, vor 201 Jahren (1. Juli 1818) wurde der ungarische Mediziner geboren.

red/Agenturen

Der in Budapest geborene Wiener Chirurg und Geburtshelfer (1. Juli 1818 bis 13. August 1865) gilt als Pionier der Hygiene in der Medizin und als ein Kämpfer für den medizinischen Fortschritt. Semmelweis hatte erkannt, dass es an Geburtshilfe-Stationen, in denen die Patientinnen von geistlichen Schwestern und Hebammen betreut wurden, eine weitaus niedrigere Mortalität gab, als an Stationen, in denen Ärzte und Studierende arbeiteten, die auch Leichensektionen durchführten.

Semmelweis fand heraus, dass die Übertragung von infektiösem Material (Bakterien waren damals noch nicht bekannt) die Ursache der Infektionen und der damit verbundenen Sterblichkeit war. Er veranlasste die Mediziner und Studierenden dazu, sich vor einer Entbindung bzw. der Untersuchung von schwangeren Frauen die Hände gründlich mit einer Chlorlösung und später mit Chlorkalk zu desinfizieren. Diese Hygiene-Maßnahme war höchst wirkungsvoll – die Sterblichkeit sank von maximal rund 8 Prozent auf 1,3 Prozent. Später verschärfte Semmelweis seine Vorschriften dahingehend, dass die Hände vor jeder Untersuchung zu desinfizieren seien, wodurch er in manchen Monaten keinen einzigen Todesfall mehr hatte.

„Retter der Wöchnerinnen“

Semmelweis wurde oft als „Retter der Wöchnerinnen“ bezeichnet. In Wien hatte er im März 1847 Wundinfektionen als Ursache für das Kindbettfieber erkannt.

Der spätere Arzt kam im ungarischen Buda zur Welt. Er war eines von neun Kindern. Ab 1840 studierte er an der Wiener Universität Medizin. Kaiser Joseph II. hatte 1784 auf dem Boden des Allgemeinen Krankenhauses ein „Gebärhaus“ gegründet. Der Hintergrund: Vor allem ledige Mütter sollten davon abgehalten werden, ihre Kinder umzubringen. Die soziale Lage war der Hintergrund für ihre Taten und somit auch für die Einrichtung der Institution.

Doch gerade dieses „Gebärhaus“ wurde in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zu einer Stätte der Trauer. Immer mehr Wöchnerinnen erlagen in den Tagen nach der Entbindung dem damals rätselhaften Puerperalfieber (Kindbettfieber, Übers.). Ein „Genius epidemicus“, schlechte Luft und andere nicht genauer feststellbare Dinge wurden für die Todesfälle verantwortlich gemacht.

Doch es gab Merkwürdigkeiten rund um die Kindbettfieber-Epidemien in Wien: 1834 war eine zweite Gebärklinik im Wiener Allgemeinen Krankenhaus eingerichtet worden. Seit 1839 diente sie ausschließlich der Ausbildung der Hebammen. Und die Unterschiede in den Sterberaten zwischen der 1. Gebärklinik, wo die Medizinstudenten ausgebildet wurden, und jener der 2. Abteilung waren eklatant: Bei den Hebammen starben „bloß“ drei Prozent der Wöchnerinnen. Dort, wo die Mediziner ausgebildet wurden, waren es zehn bis 31 Prozent. Man nahm sogar „verletztes Schamgefühl“ als Ursache an.

„Alles war unerklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war unzweifelhafte Wirklichkeit“, schrieb Semmelweis. Er war am 20. März 1847 Assistent an der 1. Gebärklinik geworden.

Hinweis durch Tod eines Freundes

Im März 1847 hatte Semmelweis den Tod eines Freundes und Lehrers, des Gerichtsanatomen Jakob Kolletschka, zu beklagen. Er war an Blutvergiftung gestorben. Ein Student hatte ihn bei einer Sektionsübung mit einem Skalpell in den Finger geschnitten. Genau das war der springende Punkt, der entscheidende Hinweis auf den Ursprung solcher Infektionen.

Die Wiener Medizinhistorikerin Erna Lesky hat dazu geschrieben: „Als Semmelweis den Obduktionsbefund las und genau dieselben Organbefunde verzeichnet fand wie bei seinen toten Wöchnerinnen, da ist ihm die Erleuchtung gekommen. Genau so wie das mit Leichenteilen infizierte Messer des Studenten Kolletschka den Tod brachte, genau so bringen die mit Leichenteilen infizierten Finger der Studenten und Ärzte, die nach den Sezierübungen bei (Carl von, Anm.) Rokitansky die Wöchnerinnen der I. Gebärkliniken untersuchen, diesen den Tod. Hebammen aber pflegen nicht zu sezieren. Damit war das Rätsel der mysteriösen Sterblichkeitsdifferenz zwischen der I., der Ärzteklinik, und der II., der Hebammenklinik, gelöst.“

Ende Mai 1847 führte Semmelweis an der Klinik die Chlordesinfektion ein. Bis zum 16. November des gleichen Jahres sank die Mortalität der Wöchnerinnen auf 2,45 Prozent. Im Dezember berichtete Ferdinand von Hebra in der Zeitschrift der „K.K. Gesellschaft der Ärzte in Wien“ von den Entdeckungen.

Doch der Chef von Semmelweis, Johann Klein, und andere Mediziner glaubten nicht an die neuen Erkenntnisse. Im März 1849 wurde sein Assistentenvertrag nicht verlängert. 1850 gab es Probleme mit der Dozentur von Semmelweis. Er erhielt nur eine beschränkte Lehrbefugnis. So ging er nach Budapest, wo er erst ab Mai 1851 als unbezahlter Honorarprimar am St. Rochus-Spital arbeiten durfte. 1855 wurde der Arzt schließlich an die geburtshilfliche Lehrkanzel in Budapest berufen.

Einflussreiche Ärzte ignorierten neue Erkenntnisse

Erst 1858 entschloss sich Semmelweis zur Herausgabe seines ersten Aufsatzes zu „seinem“ Thema in ungarischer Sprache: „Die Ätiologie (Herkunft; Anm.) des Kindbettfiebers“. Doch auch in deutscher Sprache als „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“ (1861) setzten sich die Arbeiten des Geburtshelfers nicht durch. Einflussreiche Ärzte in Wien, Prag, Würzburg, Berlin und Paris beschlossen, die neuen Erkenntnisse weiterhin abzulehnen.

Als praktisch letzte Agitationsmöglichkeit verwendete Semmelweis schließlich offene Briefe. „Das Morden muss aufhören und damit das Morden aufhöre, werde ich Wache halten, und ein jeder, der es wagen wird, gefährliche Irrtümer über das Kindbettfieber zu verbreiten, wird an mir einen rührigen Gegner finden“, schrieb er.

Die Bakteriologie, die später Keime (Streptokokken, Staphylokokken, Escherichia coli, Gonokokken etc.) als Erreger des „Tods im Wochenbett“ identifizieren konnte, war noch nicht „erfunden“. Die Lebenszeit des Arztes lief ab. Er erkrankte an einer Paralyse, wie durch das Auffinden seiner Krankengeschichte im Jahr 1977 festgestellt wurde. Irrenhaus und der Tod am 13. August 1865 waren die Konsequenz. Als eigentliche Todesursache - ein makabres Detail - wurde auch bei ihm eine Blutvergiftung aufgrund einer zuvor erlittenen Verletzung festgestellt.

Die Frage der Hygienemaßnahmen in medizinischen Einrichtungen ist und bleibt auch 200 Jahre nach der Geburt von Semmelweis relevant wie eh und je. In Europa kommt es pro Jahr zu rund 3,2 Millionen Krankenhausinfektionen. Etwa jeder 20. Spitalspatient ist von einer solchen potenziell lebensgefährlichen Komplikation betroffen. 37.000 Menschen in der EU sterben direkt an nosokomialen Infektionen. Umgelegt auf Österreich sind das rund 2.400 Todesfälle. Die ausreichende ständige Anwendung bloßer Händehygiene bei Ärzten und Pflegepersonal muss ständig propagiert und überwacht werden.

Semmelweis
Zu Lebzeiten wurde dem Gynäkologen Ignaz Philipp Semmelweis keine Würdigung zuteil. Dabei haben seine Studien eine Revolution der Hygiene in der Medizin verursacht.
Eugen Doby (1834-1907[1]) [Public domain]