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Paul-Watzlawick-Ehrenring

Mahner gegen Entmündigung: Ehrung für Robert Pfaller

Robert Pfaller, einer der bekanntesten Philosophen Österreichs, wurde gestern Abend mit dem Paul-Watzlawick-Ehrenring der Wiener Ärztekammer ausgezeichnet. Die Ehrung erhält der von der Jury als „Ausnahmeerscheinung“ gewürdigte Pfaller u.a. für sein jüngstes Buch „Erwachsenensprache - Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ mit seinen „teilweise witzigen, an Paul Watzlawick erinnernden Paradoxa und ironischen Anspielungen“.

red/Agenturen

Die Auszeichnung Pfallers durch die Wiener Ärztekammer ist dabei aus Sicht von Laudator Konrad Paul Liessmann nicht frei von Ironie: „Wer der Ärztekammer, die sich vehement für ein allgemeines Rauchverbot eingesetzt hatte, vorwerfen wollte, dass sie mit Robert Pfaller einen der wortmächtigsten Verteidiger der Rauchfreiheit auszeichne, wer umgekehrt Robert Pfaller vorhalten sollte, dass er seine Prinzipien verrate, wenn er sich von einer Institution ehren lasse, die seiner Ansicht nach doch zu den Apologeten der von ihm kritisierten Verbotskultur gehöre, der hätte den Witz, der in dieser paradoxen Intervention liegt, nicht verstanden. Paul Watzlawick hätte an dieser Ehrung seine Freude gehabt.“

Internationale Beachtung fand Pfaller durch seine Studien über Interpassivität (2000). Interpassivität bezeichnet die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte, also Menschen oder Dinge, zu delegieren. Die Theorie der Interpassivität bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Lustempfindungen, weshalb Interpassivität auch als „delegiertes Genießen“ bezeichnet werden kann. Ein geläufiges Beispiel hierfür aus dem Alltag ist das von Slavoj Žižek analysierte Konservengelächter („canned laughter“) in Sitcoms, dass an unserer Stelle lacht und uns so die „Mühe“ des eigenen Lachens erspart. Wir fühlen uns so befreit, als wäre das Lachen unser eigenes gewesen.

Die heutige neoliberale Kultur sieht Pfaller – auf Seiten der Massen – von Lustvermeidung und Askese geprägt. Aus Verzicht auf Lust werde die Lust auf Verzicht. Diesen bereits auf Max Weber und dessen Werk „Die protestantische Ethik“ zurückgehenden Gedanken greift Pfaller vor allem in der psychologisch gewendeten Prägung und Umarbeitung von Gilles Deleuze und Félix Guattari auf. In ihrem Buch Anti-Ödipus schreiben sie: „So bleibt die grundlegende Frage der politischen Philosophie immer noch jene, die Spinoza zu stellen wusste (und die „Reich“ wiederentdeckt hat): Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlasst einen zu schreien: ‚Noch mehr Steuern! noch weniger Brot!‘ Und, so ließe sich ergänzen, warum schreien sie nicht mit den Worten Wladimir Majakowskis: „Her mit dem schönen Leben“?

„Ärztinnen und Ärzte brauchen Anregung zur Zivilcourage!“

Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres strich im Vorfeld Pfallers Beitrag zum fächerübergreifenden Dialog hervor, dem der Preis gewidmet ist. „Ärztinnen und Ärzte brauchen Philosophie und Geowissenschaften, und sie brauchen Anregung zur Zivilcourage - wie jene von Robert Pfaller, und in Zeiten wie diesen ganz besonders.“

Der Paul-Watzlawick-Ehrenring wird in Kooperation mit den Wiener Vorlesungen heuer zum elften Mal verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern zählten etwa Rüdiger Safranski, Friedrich Achleitner, Ruth Klüger, Konrad Paul Liessmann, Franz Schuh oder zuletzt die Politikwissenschafterin Ulrike Guérot.

Die Auszeichnung im Rahmen einer Wiener Vorlesung wurde auf Facebook übertragen.

Zur Person

Robert Pfaller wurde 1962 in Wien geboren. Der Philosoph lehrte u.a. 2009 bis 2014 an der Universität für angewandte Kunst Wien und ist derzeit Professor für Philosophie an der Kunstuniversität Linz. Mit seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ hat er 2011 ein Plädoyer für das Lustprinzip und gegen Überreglementierung vorgelegt, in der 2017 erschienenen „Erwachsenensprache“ argumentierte er gegen eine Infantilisierung der Gesellschaft. Er war außerdem Mitbegründer der überparteilichen Initiative „Mein Veto! - Bürger gegen Bevormundung“ und der Plattform „Adults for Adults: Citizens Against Patronizing Politics“ gegen staatliche „Regulierungswut“ und „Pseudopolitik“.

 

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Robert Pfaller
Der heurige Preisträger des Paul-Watzlawick-Ehrenrings ist der Philosoph Robert Pfaller.
Ärztekammer Wien_Stefan Selig