Gerichtssache

Neuer Prozess gegen Vorgesetzte des „Patient:innenmörders“ in Deutschland

In einem neuen Prozess geht es in Deutschland wieder um die Mordtaten eines 2019 zu lebenslanger Haft verurteilten früheren Krankenpflegers. Dieser sitzt längst hinter Gittern. Ein Gericht will aber nun die Frage klären, ob Vorgesetzte die Morde möglicherweise verhindern hätten können. Richter Sebastian Bührmann, der den Mann wegen 85 Morden verurteilt hatte, eröffnete am Donnerstag am Landgericht Oldenburg den komplexen Strafprozess gegen dessen frühere Vorgesetzten.

red/Agenturen

„Die Uhren sind unsererseits auf Null gestellt“, sagte der Richter zum Prozess-Auftakt. Alle Vorwürfe müssen in den 42 Verhandlungstagen neu in das Verfahren eingebracht, geprüft, bewiesen oder widerlegt werden.

Und die Vorwürfe gegen die drei Verantwortlichen aus dem Klinikum Delmenhorst und den vier aus dem Klinikum Oldenburg wiegen schwer. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätten sie Mordtaten des damaligen Pflegers mit an „Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ verhindern können. Allen Angeklagten sei von bestimmten Zeitpunkten an klar gewesen, dass von dem Mann eine Gefahr für die Patient:innen ausgehe, sagte Staatsanwältin Gesa Weiß.

Dennoch hätten sie sich mit den - wenn auch unerwünschten - Taten abgefunden und weitere Morde billigend in Kauf genommen. Sie seien nicht eingeschritten aus Sorge um die Reputation der Kliniken und aus Angst, sich dem Vorwurf des Mobbings und der falschen Verdächtigung auszusetzen. Die Schwurgerichtskammer beschloss dennoch, den Vorwurf gegen die Angeklagten aus Delmenhorst - wie schon bei denen aus Oldenburg - von Totschlag oder versuchten Totschlag auf Beihilfe dazu abzumildern.

Anwält:innen sprechen von „grotesken Anschuldigungen“

Die Verteidiger der Angeklagten - drei Ärzt:innen, drei leitende Pfleger:innen und ein Ex-Klinik-Geschäftsführer - gaben jeweils Stellungnahmen ab, die eine klare Frontstellung gegenüber der Anklage zeigten. Die Anwält:innen sprachen von haltlosen, grotesken, absurden und widersprüchlichen Anschuldigungen und monströsen Vorwürfen, die auf Gerüchten basierten.

„Ein Herzchirurg, der als Chefarzt über viele Jahre teils stundenlang bei Operationen um das Leben seiner Patient:innen kämpft, ist niemals damit einverstanden, dass sie anschließend auf der Intensivstation von einem Pfleger getötet werden“, machte eine Rechtsanwältin mit Blick auf ihren Mandanten ihren Standpunkt klar.

Die Verteidigung des Ex-Geschäftsführers der Klinik Oldenburg widersprach zudem der Darstellung, dass die Oldenburger Angeklagten schon 2001 hätten wissen müssen, dass der Pfleger eine Gefahr sei. „Allein der Gedanke ist absurd“, sagte einer der vier Verteidiger des Ex- Klinikchefs. Man werde in dem Verfahren beweisen, dass es damals keine Verdachtsmomente gegen den später Verurteilten gegeben habe.

Er warnte zudem vor der Gefahr eines „Rückschaufehlers“. Bei diesem psychologischen Phänomen werde die Vorhersehbarkeit bestimmter Ereignisse im Nachhinein überschätzt. Selbst engste Mitarbeiter:innen hätten den Mann damals nicht als Mörder erkannt. Insgesamt werden die Angeklagten von 18 Verteidigern vertreten.

Fünfjährige Verbrechensserie, acht Fälle

Die Verbrechensserie begann 2000 im Klinikum Oldenburg und endete 2005 im Klinikum Delmenhorst. In dem Prozess geht es konkret um acht Fälle, für die der frühere Krankenpfleger bereits verurteilt wurde: Drei Morde im Oldenburger Klinikum sowie drei Morde und zwei Mordversuche in Delmenhorst.

Als Gerichtssaal diente am Donnerstag wie 2019 ein Saal in der Weser-Ems-Halle. Dort waren auch rund ein Dutzend Zuschauer:innen, darunter Angehörige der Opfer, und ebenso viele Medienvertreter anwesend. Auch der damals Verurteilte selbst soll als Zeuge geladen werden und zunächst am dritten Verhandlungstag (1. März) aussagen. Er hatte seine Opfer mit Medikamenten zu Tode gespritzt. Seine Verbrechen beging er zunächst am Klinikum Oldenburg. 2002 wechselte er mit einem Arbeitszeugnis ans Klinikum Delmenhorst, wo er weiter mordete.