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Coronavirus

OÖ: Mediziner sehen System bis an die Grenze belastet

Es ist nicht mehr möglich, eine ungestörte Routineversorgung zu leisten und daneben die Covid-19-Patienten zu versorgen. Es ist jetzt absehbar, dass das System bis an die Grenze belastet wird. Das sagten Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Linzer Kepler Uniklinikum (KUK) und Jens Meier, Vorstand der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin ebendort, am Montag in einem JKU-Corona-Update mit Rektor Meinhard Lukas.

red/Agenturen

Lamprecht sprach von der größten Herausforderung für das Gesundheitswesen seit dem Krieg. Im Frühjahr habe es am KUK ein bis zwei Stationen für Covid-19-Patienten gegeben, jetzt seien es sieben. Zwei Intensivstationen seien ganz, eine dritte zur Hälfte gefüllt, so Meier, der betonte, dass Spezialisten nicht unbeschränkt verfügbar seien. „Es gab schon Engpässe in Krankenhäusern, die Patienten werden über das Land verteilt.“ Man behelfe sich mit interdisziplinären Ärzteteams, die Herausforderung für die Pflege sei enorm. Meier ging davon aus, dass 100 zusätzliche Intensivbetten kommen.

Die Einschnitte seien beachtlich, aber noch seien dringende und onkologische Eingriffe durchführbar, planbare Eingriffe wurden schon quer durch alle Abteilungen verschoben. „Jetzt ist absehbar, dass das System bis an die Grenze belastet wird“, sagte Meier. Lamprecht gab zu, sich vieles gar nicht vorstellen zu wollen und pochte darauf, dass „sehr einfache Maßnahmen wie Abstand halten, Hygiene und Mund-Nasenschutz tragen die Ausbreitung des Virus verhindern“.

„Es ist notwendig, mit weniger Personen und schlechterer technischer Ausstattung mehr Patienten zu versorgen“, erklärte Meier. Von einer „beinharten Triage aus der Katastrophenmedizin“ sei man noch weit entfernt, man wolle diese „mit zusätzlichen Betten und einer Spreizung der Leistung vermeiden, ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das verhindern können, wenn die Maßnahmen aus dem Lockdown nicht greifen“. Diese seien zum Schutz des Gesundheitssystems notwendig.

Der Großteil der Patienten sei jenseits der 60, „aber wir sehen die gesamte Breite, es gibt auch Schwererkrankte mit Mitte 20“, sagte Lamprecht. Auf der Intensivstation würden auch Menschen von Mitte 30 bis Mitte 70 behandelt. „Mehr als die Hälfte überlebt die Intensivstation, das sind aber hohe Mortalitätsraten“, so Meier.

Bei der Medikation habe sich „Remdesivir durchgesetzt, wir erzielen den besten Effekt, wenn es frühzeitig eingesetzt wird“, so Lamprecht. In der zweiten Phase der Erkrankung hätte sich ein Cortison-Präparat bewährt. Die Ergebnisse aus der klinischen Studie mit dem vom österreichischen Genetiker Josef Penninger mitentwickelten Wirkstoff stünden noch aus. Die am KUK damit behandelten Patienten konnten das Krankenhaus wieder verlassen.

Den Unterschied zwischen SARS-CoV-2 und der Influenza erklärte Lamprecht einfach: Wegen Influenza seien noch nie die Grenzen der Belastbarkeit im Gesundheitswesen erreicht oder Krankenhausstationen geschlossen worden. Das effiziente Reagieren im Frühjahr würde nun zum Verhängnis, da viele es im Nachhinein für überzogen hielten, die Infekte im Sommer gering blieben. „Jetzt hat es uns voll erwischt“, so Lamprecht.

Wie Meier sah er es als entscheidend, den Menschen eine Perspektive zu geben. Denn mehr Eigenverantwortung und die sozialen Kontakte zu reduzieren, Einschränkungen zu ertragen, bis Hilfe wie Medikamente und Impfungen da seien, falle leichter, wenn „wir sagen, Mitte 2021 wird es sich bessern“. Lamprecht ist „optimistisch, im ersten Halbjahr 2021 zwei bis drei Impfstoffe zur Verfügung zu haben“. Es gebe Daten, die zeigen würden, dass Stoffe in der Lage seien einen einige Monate anhaltenden Schutz zu erzeugen. „Allein, wenn man Risikogruppen und dem Betreuungspersonal eine Impfung anbieten könnte, wäre viel gelungen, weil der Druck aus der momentanen Situation entwichen wäre“.

Intensivstationen in OÖ werden immer voller

Die Zahlen auf den Intensivstationen zeigen, wie dramatisch sich die Lage in Oberösterreich mittlerweile entwickelt: Stand Montagmittag lagen 740 Covid-19-Patienten auf Normalstationen in den Spitälern, 98 auf Intensivstationen. Bisher waren aber nur 100 Intensivplätze für Coronafälle freigehalten worden. Nun stockt das Land jedoch auf. Laut Krisenstab stehen ab dieser Woche 300 Intensiv- und Beatmungsplätze zur Verfügung, wovon 150 für Corona-Patienten vorgesehen sind.

Erfahrungsberichte von Betroffenen lassen darauf schließen, dass es am Wochenende in einzelnen Spitälern bereits eng gewesen sei. Vom Land hieß es, man gebe keine Detailinfos zu einzelnen Krankenhaus-Standorten, da sich die Zahlen rasch ändern würden und die Entwicklung dynamisch sei. Das Management und die Zuteilung von Intensiv- und Beatmungsplätzen erfolge trägerübergreifend, um so auf regionale Gegebenheiten reagieren zu können. Man habe eine oberösterreichweite Sicht auf die freien bzw. belegten Plätze. Sollte es kurzfristig zu Einschränkungen kommen, gebe es natürliche eine Kommunikation mit dem Rettungsdienst. Ausweichquartiere sind nach wie vor in Prüfung.

Oberösterreich ändert Teststrategie

Das Land Oberösterreich reagiert nun auf die Situation und ändert seine Teststrategie. Kontaktpersonen der Kategorie 1 sollen nur mehr getestet werden, wenn sie Symptome haben. Denn diese Personen müssten unabhängig von einem positiven oder negativen Testergebnis in Quarantäne. Dies trägt dazu bei, dass die Behörden sich auf die neuen Infektionsketten fokussieren können, hieß es in einer Presseaussendung von Gesundheitsreferentin LHStv. Christine Haberlander (ÖVP) am Montag.

Die Umstellung der Teststrategie soll zu einer Nachvollziehung der Infektionsketten führen. Weiterhin getestet werden alle Personen, die sich mit Symptomen unter der Nummer 1450 melden und als Verdachtsfall gelten. Auch bei den Testungen in den sensiblen Bereichen ändere sich nichts. Es gelte hier, die Wartezeiten zu reduzieren und möglichst rasch Betroffene abzusondern.

Wesentlich zur Präzisierung würde auch die Anerkennung von positiven Antigen-Tests ohne nachfolgenden PCR-Test bei symptomatischen Personen beitragen. „Hier laufen bereits gute Gespräche mit dem Bundesministerium für Gesundheit, die Ergebnisse dieser Tests anzuerkennen und so für eine Entlastung zu sorgen“, erklärte Haberlander. „Die besten Regeln helfen nicht, wenn sich die Menschen nicht daran halten. Ich appelliere nochmals und eindringlich an alle Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher: Die Lage ist ernst, sogar sehr ernst. Halten wir die Maßnahmen ein, tragen wir Masken, halten wir Abstand - so halten wir zusammen“, insistierte sie