HIV

Soziales Stigma schlimmer als medizinischer Status

Laut Aids-Hilfe leben in Österreich zwischen 8.000 und 9.000 Menschen mit HIV/Aids. Eine Befragung Betroffener zeigt im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember: Nicht die medizinische Versorgung ist in Österreich das Problem, sondern Stigmatisierung und Diskriminierung machen HIV-Positiven weiterhin das Leben schwer.

red/Agenturen

Spectra Marktforschung hat im Frühjahr 2019 Tiefeninterviews mit 14 Betroffenen aus faktisch allen Altersgruppen durchgeführt. Es waren acht Männer und sechs Frauen, das überwiegende Risiko waren sexuelle Kontakte gewesen. „Die medizinische Versorgung ist hervorragend. Aber die Bewältigung des sozialen Stigmas HIV und AIDS ist noch immer ein Riesenproblem“, fasste Marktforscher Walter Wintersberger Aussagen und Erkenntnisse aus den Befragungen zusammen.

Schon im kommenden Jahr sollten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 90 Prozent der Betroffenen weltweit von ihrer Infektion wissen, 90 Prozent davon mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden und wiederum bei 90 Prozent die HI-Viruslast im Blut unterhalb der Nachweisgrenze liegen. Das werde weltweit nicht zu schaffen sein. Man sollte aber auch eine weitere 90-Prozent-Marke hinzufügen - das Erreichen einer guten Lebensqualität, betonte der Österreich-Geschäftsführer des US-Pharmakonzerns Gilead, Clemens Schödl. Mit Wirksubstanzen bzw. Originalpräparaten des Unternehmens werden weltweit 60 Prozent der wegen HIV Behandelten therapiert.

397 Menschen erhielten 2018 Diagnose HIV

Retrospektiv ließen sich in den Befragungen vor allem drei Gruppen unterscheiden: Personen, die von Anfang an gut über HIV/Aids informiert waren und sehr schnell zu Test, Diagnose und Therapie kamen, Betroffene, die ihr Risiko nicht wahrgenommen hatten oder es verdrängten und schließlich Menschen, die aus Angst und Schrecken vor HIV/Aids den Test und die Diagnose so lange wie möglich hinausschoben. Zum Teil massive Gesundheitsprobleme waren damit verbunden.

„Für alle war die Diagnose ein Schock. Nur einer sagte, er sei fast erleichtert gewesen, weil er keine Angst mehr vor einer Ansteckung haben brauchte“, schilderte der Marktforscher. Je informierter die Betroffenen von Anbeginn waren, desto eher wandten sie sich an professionelle Helfer und Institutionen wie Aids-Hilfe, spezialisierte Ärzte oder Spitalsambulanzen.

Vor allem in medizinischen Einrichtungen ohne HIV-Erfahrung gab es teilweise auch unschöne Erfahrungen. „Einem Befragten wurde während einer Chemotherapie und vor anderen Patienten die Diagnose HIV mitgeteilt“, schilderte Wintersberger.

Elisabeth Mikulenko vom Verein Positiver Dialog, die als Betroffene auch eine 24-Stunden-Telefonhotline für Ratsuchende betreibt, sprach Dienstagabend aus eigener Erfahrung. Sie war offenbar vor rund 17 Jahren bei einem Langzeitaufenthalt in der Dominikanischen Republik infiziert worden und schließlich zurück nach Österreich übersiedelt, um die bestmögliche Versorgung zu bekommen: „Ich war in einem schwarzen Loch. Der behandelnde Arzt (Wiener AKH; Anm.) und eine Psychologin haben mich im Laufe von Monaten wieder herausgezogen. Mir geht's hervorragend.“

Im Jahr 2018 wurde in Österreich bei 397 Menschen die Diagnose einer HIV-Infektion neu gestellt. HIV/Aids ist seit mittlerweile mehr als 20 Jahren sehr gut behandelbar und konnte in Staaten mit einem guten Gesundheitssystem zunehmend in eine chronische Erkrankung übergeführt werden. Weltweit gab es 2018 37,9 Millionen Betroffene. 62 Prozent bzw. 23,3 Millionen HIV-Positive befanden sich in Therapie.