Pandemie

„Welt im Fieber“: Covid-19 und die Spanische Grippe

In der Debatte rund um die Covid-19-Pandemie wird eine lange Zeit fast vergessene Seuche immer wieder als Vergleich herangezogen. Als die Autorin und Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney vor einigen Jahren über die Spanische Grippe schrieb, hatte sie Mühe, für ihre Arbeit einen Verlag zu finden. Heute gilt die in Paris lebende Britin als weltweit gefragte Expertin, ihr Buch ist ein Bestseller.

red/Agenturen

Tatsächlich ist es frappant, wie gut sich die Ereignisse, die sie in ihrem 2017 auf Englisch und 2018 auf Deutsch erschienenen Buch „1918 - Die Welt im Fieber“ beschreibt, mit den Entwicklungen der vergangenen Monate vergleichen lassen - von der Reaktionen der Menschen bis zum Umgang der Behörden mit der sich anbahnenden Katastrophe. Der Unterschied: Bei dieser bisher schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte infizierte sich ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung, rund 500 Millionen Menschen; zwischen 50 und 100 Millionen starben. Obwohl die Spanische Grippe mehr Opfer forderte als der Erste Weltkrieg, ist sie deutlich weniger im kollektiven Gedächtnis verankert.

Dass sich Menschen an Kriege oder Naturkatastrophen besser erinnern als an Seuchen, liege daran, dass sich eine Pandemie schlecht erzählen lasse. „Der Bösewicht dieser Geschichte ist ein unsichtbarer Mikroorganismus, das macht es nicht unbedingt leichter, die Geschichte zu erzählen“, sagt Spinney in einem aktuellen Interview mit dem „Spiegel“. Wenn man nicht verstehen könne, warum etwas geschehe, keinen Feind sehe, fühle sich eine Pandemie wie eine tödliche Lotterie an. Diese Willkür führe auch dazu, das Geschehene nicht weitererzählen zu können.

In einem kürzlich im „Guardian“ veröffentlichten Artikel schreibt Spinney darüber, welche Lehren aus der Spanischen Grippe für den Umgang mit der aktuellen Krise gezogen werden können. Ein Vergleich sei zwar grundsätzlich wenig geeignet, betont sie, da es sich um unterschiedliche Virenfamilien handle, die Spanische Grippe in einer Zeit mit schlechteren Lebensbedingungen und medizinischer Versorgung ausbrach und mit ihren Millionen Opfern wohl einen Ausreißer in der Geschichte darstellte. Zudem starben an der Spanischen Grippe vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, während das Coronavirus ältere Menschen am härtesten trifft. Dennoch könne man gewisse Parallelen ziehen.

Angst vor dem Unbekannten

Was in Zusammenhang mit Pandemien etwa immer auftrete, sei Fremdenfeindlichkeit. Die Angst vor dem unbekannten Virus mische sich mit der Angst vor unbekannten Menschen, die sich auch hervorragend politisieren lasse, sagte die 48-Jährige dem „Spiegel“. Sie verweist auf US-Präsident Donald Trump, der das Coronavirus wiederholt als „chinesisches Virus“ bezeichnete. Die Spanische Grippe wurde etwa so genannt, weil zuerst in Spanien, das seine Presse kaum zensurierte, über die Epidemie berichtet wurde. Wo sie ihren Ursprung hatte, ist nicht eindeutig geklärt, in Spanien nahm sie jedenfalls nicht ihren Ausgang. Bevor sich die Bezeichnung Spanische Grippe durchsetzte, sprach man im Senegal von der „Brasilianischen Grippe“ und in Brasilien von der „Deutschen Grippe“. Die Perser gaben den Engländern die Schuld, die Polen nannten sie „Bolschewikenkrankheit“.

Dass Pandemien heute keine stigmatisierenden Namen mehr erhalten - die aktuelle wird neutral Covid-19 (coronavirus disease 2019) bezeichnet - ist der Weltgesundheitsorganisation WHO zu verdanken, die 2015 entsprechende Richtlinien veröffentlichte.

Pandemien treffen arme Bevölkerungsschichten am härtesten

Auch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben sich nicht sehr verändert. Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen, Masken und Händewaschen wurden vor rund hundert Jahren ebenso eingesetzt. Auch 1918 gab es leere Fußballstadien und es verbreiteten sich Fake News rund um die Krankheit, wie Spinney im „Guardian“ beschreibt.

Neu ist dagegen die weltweite Verhängung von Ausgangssperren. Sie scheinen zwar die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, das Gesundheitssystem zu entlasten und damit Leben zu retten, könnten aber auch soziale Ungleichheiten verschärfen, warnt Spinney. Pandemien treffen ärmere Bevölkerungsschichten am härtesten - jene, die in schlecht bezahlten Jobs arbeiten, in überfüllten Wohnungen leben und einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben. Spinney weist darauf hin, dass die Schweinegrippe 2009 dreimal mehr Tote in Englands ärmsten Bevölkerungsfünftel gefordert hatte als im reichsten.

Die Autorin verweist außerdem auf eine Studie unter 1.200 Norwegern, die Anfang April veröffentlicht wurde. Daraus geht unter anderem hervor, dass ärmere und schlechter gebildete Menschen eher vorübergehend entlassen wurden oder Einkommensverluste erlitten. In Norwegen, einem kleinen Land mit gut funktionierendem Sozialstaat sei es bisher nicht zu Protesten gekommen, sichtbarer seien die sozialen Auswirkungen der Ausgangssperren aber etwa in Indien, wo Hunderttausende arbeitslos gewordene Wanderarbeiter aus den Städten in ihre Heimatdörfer fliehen.

Demograf Svenn-Erik Mamelund von der Oslo Metropolitan University, der an der Studie beteiligt war, war im vergangenen Jahr Teil eines Komitees, das Empfehlungen für die WHO im Falle einer Pandemie ausarbeitete. Einen Lockdown habe das Komitee wegen der schädlichen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen selbst im Worst-Case-Szenario nicht empfohlen, wird er zitiert.

Für Spinney hat die Geschichte gezeigt, dass globale Verflechtung, soziale Krisen und Pandemien oft zusammenhängen. Um zu verhindern, das die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus neue Missstände bewirken, müssten die Regierungen diese Entwicklungen sorgfältig beobachten, appelliert sie.

 

Spanische Grippe
Die Spanische Grippe – hier ein Militär-Krankenhaus in Kansas/USA – forderte zwischen 1918 und 1920 zwischen 50 und 100. Mio. Opfer.
National Museum of Health and Medicine, Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C., US