Medienecho Coronakrise

„Wirrwarr in der zivilisierten Welt"

Nach der Akutphase, in der viele Länder strikte Shutdowns verordnet haben, um das Virus einzudämmen, wird nun langsam gelockert und verstärkt über die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Coronakrise gesprochen.

red/Agenturen

„Lidove noviny“ (Prag)

„Der Süden Europas beschwert sich über den Norden, dass dieser nicht solidarisch genug sei - und die Kommission sieht eher nur zu. (...) Man muss hinzufügen, dass die EU in den Bereichen des Gesundheitswesens und der Hygiene keinerlei Befugnisse hat. Zudem sammeln die neue Kommission und das neugewählte EU-Parlament erst noch Erfahrungen. Doch vor allem ist die EU ein institutionell unfertiges und instabiles Gebilde, quasi immer noch ein Experiment. Auch nach Jahrzehnten spricht man vom „europäischen Projekt“. In dem Wort „Projekt“ schwingt die Möglichkeit mit, dass es scheitert. Der Schlag durch die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen ist so gewaltig, dass selbst viel stabilere politische Systeme erschüttert werden wie das der USA. Wir sind daher mit unserem europäischen Wirrwarr in der zivilisierten Welt keineswegs allein.“

„Rzeczpospolita“ (Warschau)

„Hört man die Stimmen der Ökonomen, der Politiker und der normalen Bürger, die ungeduldig die Tage bis zur Rückkehr zum normalen Leben zählen, dann sieht man: Die Mehrheit von uns wünscht sich, dass die Welt in ihren Zustand vor der Pandemie zurückkehrt. Aber die Sehnsucht nach dem, was war, wird sich mischen mit der Notwendigkeit von Veränderungen. Am schlimmsten wäre es, wenn wir die momentane Krise als Episode abtun, die man schnell vergessen sollte.

Niemand wird uns mehr davon überzeugen können, dass das Gesundheitssystem eine untergeordnete Sphäre des Funktionierens von Staat und Gesellschaft ist und man seine Probleme durch Privatisierung lösen kann. Oder davon, dass der Staat keine eigenen Reserven braucht und strategische Sektoren nicht schützen muss, weil doch alles auf den offenen Weltmärkten vorhanden ist.“

„El Periódico“ (Madrid)

„Ministerpräsident Pedro Sánchez hat begonnen, die Deeskalation der Initiativen zur Eindämmung der Ausbreitung der Covid-19 in den Blickwinkel der Spanier zu rücken. Die Daten der Virus-Häufigkeit und der noch immer vorherrschende Mangel an Mitteln, um damit umzugehen, lassen aber nicht viele Illusionen zu. Diese Wiederaufnahme von Aktivitäten und die Reduzierung der Sondermaßnahmen müssen koordiniert werden (der Grund für die Beantragung einer weiteren Verlängerung des Alarmzustands), was je nach Entwicklung der Situation notwendigerweise langsam geschehen muss. Zudem dürfen Schritte zurück im Falle eines neuen Ausbruchs nicht ausgeschlossen werden. (...) Und das Endergebnis wird keine Rückkehr zu der Realität sein, die wir vor Ausbruch der Pandemie gelebt haben: Sánchez spricht bereits von einer „neuen Normalität“.

„Financial Times“ (London)

„Um den Druck auf die schwächsten Mitgliedsländer zu verringern und ihnen die Mittel für den Wiederaufbau ihrer Wirtschaft zu geben, muss sich die Eurozone den Gedanken der gegenseitigen Unterstützung zu eigen machen. Corona-Bonds sind dafür zwar zu emotionsgeladen. Aber es gibt Vorschläge für einen zeitlich begrenzten Wiederaufbau-Fonds, bei dem EU-Anleihen entweder auf der Grundlage von Garantien der Mitgliedsstaaten oder aus dem EU-Haushalt ausgegeben werden. Das Geld würde in Form von Subventionen fließen, müsste aber je nach Stärke der Erholung eines Landes zurückgezahlt werden. (...) Das Ausmaß dieser Krise erfordert eine Demonstration außergewöhnlicher Solidarität. Ohne sie wird die politische Unterstützung für den Euro verfliegen.“

„Le Figaro“ (Paris)

„Die Entscheidung, die ganze Bevölkerung ab dem 17. März unter Hausarrest zu stellen, war brutal. (...) Die Franzosen haben sich bereitwillig gebeugt. Ihre Blicke richten sich nun auf den 11. Mai. (...) Emmanuel Macron und der Regierung bleiben drei Wochen, um den Horizont zu lichten, Zweifel auszuräumen, Befürchtungen zu beschwichtigen. (...) Der 11. Mai, das schicksalhafte Datum, rückt näher. Eine Reihe von Fragen warten auf klare Antworten. Wird das Tragen von Masken verpflichtend oder nicht? Werden großflächige Tests vorgenommen oder nicht? Werden nur die jüngeren oder nur die älteren Schüler den Unterricht wiederaufnehmen oder niemand? Wird eine Corona-Tracking-App zum Einsatz kommen oder nicht? Während viele europäische Länder zum Handeln bereit sind, scheint sich Frankreich in einem Labyrinth bürokratischer Prozeduren zu verlieren.“

„De Standaard“ (Brüssel)

„Wenn wir die Offenlegung privater Daten gegen Einschränkungen der persönlichen Freiheit abwägen müssen, wird die ethische Debatte noch komplizierter. Denn sowohl die Privatsphäre als auch die Freiheit sind Werte, die wir im Westen hochhalten. Zwischen beiden zu wählen, ist nicht leicht. Noch schwieriger wird es, wenn wir durch Aufgabe der Privatsphäre Leben retten können.

Die Corona-Apps werfen unzählige Fragen auf. Zum Beispiel: Wie freiwillig wäre die Nutzung einer App, wenn sie zu einer Bedingung für den Zugang zu Geschäften, Schulen oder öffentlichen Verkehrsmitteln würde? Oder: Kann die Technologie dazu genutzt werden, eine obligatorische Quarantäne von infizierten Covid-Patienten durchzusetzen? Und auch: Wie bereit sind wir, die Einhaltung sozialer Abstandsmaßnahmen von der Technologie überwachen zu lassen?“

„Dagens Nyheter“ (Stockholm)

„Die Kommunistische Partei Chinas hat die Diktatur als Mittel gegen die Verbreitung von Covid-19 gefeiert. Südkorea ist es gelungen, das Virus aufzuhalten, ohne die Bevölkerung einzuschließen, auch ohne die Gesellschaft zu schließen, wie in vielen Teilen Europas. (...) Eine Pandemie darf den Willen des Volkes nicht abwürgen. Und die Politiker haben niemals die Aufgabe, Wahlen so zu manipulieren, dass ihre eigene Partei bevorzugt wird, sondern sie sollen Ressourcen für ein unparteiisches System bereitstellen, das es jedem, der wählen möchte, ermöglicht, dies zu tun. (...) Südkorea hat gezeigt, dass das Corona-Virus kein Stimmrecht hat. Andere Länder sollten nicht schlechter handeln.“

„Nepszava“ (Budapest)

„China trachtete von Anfang an danach, jene Ärzte, die auf die Gefahren der Pandemie aufmerksam machten, zum Schweigen zu bringen. Russland versuchte Wochen hindurch mit Hilfe von unzuverlässigen Tests zu beweisen, dass es in dem Land kaum Infizierte gäbe. Der türkische Präsident Erdogan behauptete noch Ende März, dass die Pandemie in zwei bis drei Wochen abklingen würde - heute steht jedoch sein Land in Hinblick auf die Zahl der Infizierten weltweit an neunter Stelle. (...) Heute wissen wir, dass die Menschheit in einer weniger misslichen Lage wäre, wenn China von Anfang an die Wahrheit eingestanden hätte. Leider sind die autoritären Führer dazu unfähig, aus ihren Fehlern zu lernen. Für sie steht selbst in der schlimmsten Krise der Erhalt der eigenen Macht über allem Anderen.“

Zeitungen
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand aus dem Urlaub eine Infektion als unerwünschtes Souvenir mit nach Hause bringt, ist sehr hoch." warnt die slowakische „Pravda" vor den Folgen der Reisefreiheit.
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