Bedarf an Spenderplasma und Blutprodukten wächst stark

Österreich wäre theoretisch bei alleiniger Eigenaufbringung in einer guten Position, hieß es am Mittwoch bei der Vorstellung eines neuen Plasmaspendezentrums in Wien-Wieden.

red/Agenturen

Ob klassischerweise Blutgerinnungsfaktoren für Hämophiliepatienten, Immunglobuline für Immungeschwächte oder Albumin für Verbrennungsopfer - der Rohstoff für deren Gewinnung ist Spenderplasma. Der Bedarf wächst weltweit stark.

„Der Bedarf an Plasma bzw. Plasmaprodukten kann jeden treffen. Das erste Plasmaspendezentrum Europas wurde 1964 in Wien eröffnet. Etwa fünf Millionen der weltweit 60 Millionen Liter gespendetes Plasma werden in Fraktionierungsanlagen in Österreich zu Arzneimitteln verarbeitet. Allein der Bedarf an Immunglobulinen weltweit ist von 47,4 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf 197 Tonnen im Jahr 2018 gestiegen. Laut Prognose werden im Jahr 2026 rund 335 Tonnen gebraucht werden", sagte Matthias Gessner, Leiter der BioLife-Plasmazentren in Europa.

Das Unternehmen geht auf die alte österreichische Immuno AG zurück, welche frühzeitig Plasmaspendezentren für ihre Produktion von „Hämoderivaten" schuf. Via Unternehmensübernahmen gehören BioLife und die Produktionsstätten für die Blutprodukte jetzt zum japanischen Pharmakonzern Takeda.

Im Endeffekt geht es um die Herstellung spezieller Proteinpräparate aus dem von Spendern gewonnenen Plasma, in dem zu sieben Prozent Eiweiße enthalten sind. Albumin wird beispielsweise für Schwerstverletzte und Verbrennungsopfer benötigt. Immunglobuline (IgG) erhalten Patienten mit einer der rund 350 bekannten genetisch bedingten Immunschwächen (IgG-Defizienz). Fibrinkleber aus Plasma werden in der Chirurgie eingesetzt. Hinzu kommen die Blutgerinnungsfaktoren II, VII, VIII, IX oder XIII für die verschiedenen Formen der Hämophilie. Daneben gibt es noch Enzyme für seltene Enzymmangelerkrankungen und nicht aufgetrenntes Plasma, zum Beispiel für die Behandlung eines vererblichen Angioödems bzw. zur Prophylaxe akuter Krankheitsschübe.

„Die EU ist zu 35 Prozent von Spenderplasma aus den USA abhängig"

Die notwendigen Mengen an Spenderplasma sind enorm. Bei einem vererblichen Immundefekt benötigt ein Betroffener pro Jahr Immunglobuline aus rund 130 Plasmaspenden. Mehr als 1.200 Spenden sind notwendig, um den notwendigen Blutgerinnungsfaktor für einen Hämophilie A-Patienten herzustellen.

Österreich, Deutschland, Tschechien und Ungarn sind die wenigen Staaten in der EU, in denen über Plasmazentren - mit möglichst regelmäßig kommenden Spendern - jedenfalls der Eigenbedarf gedeckt werden kann. Dafür gibt es pro etwa eine Stunde Stunden dauernder Plasmaspende 25 Euro Aufwandsentschädigung. „Die EU ist zu 35 Prozent von Spenderplasma aus den USA abhängig", sagte Gessner.

Anfangsuntersuchungen, die Verwendung der ersten Spende von einer Person erst nach einer zweiten Plasmaentnahme innerhalb von höchstens sechs Monaten mit allen Tests stehen am Beginn. Die Spendefrequenz ist mit höchstens 50 Mal pro Jahr begrenzt. Vielfache Tests auf Viruskontamination sowie Inaktivierungsschritte haben den Produkten mittlerweile eine sehr hohe Sicherheit verliehen.

„Man kann außer 'Danke' für die Spender eigentlich nichts sagen. Man kann es in Worten gar nicht beschreiben", sagte Apollonia Schipsits, Patientin mit Hereditärem Angioödem und einem ebenfalls betroffenen Sohn. Sie leitet eine Selbsthilfegruppe und ist zweimal wöchentlich auf Plasmainfusionen angewiesen, um die bei der Krankheit oft plötzlich in unterschiedlichsten Organen auftretenden schweren Gewebsschwellungen zu verhindern.

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Österreich, Deutschland, Tschechien und Ungarn sind die wenigen Staaten in der EU, in denen über Plasmazentren - mit möglichst regelmäßig kommenden Spendern - jedenfalls der Eigenbedarf gedeckt werden kann.
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